ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Die Lithium-Prophylaxe: hohe Effizienz und geringes Risiko bei regelmäßiger Überwachung

MEDIZIN: Diskussion

Die Lithium-Prophylaxe: hohe Effizienz und geringes Risiko bei regelmäßiger Überwachung

Dtsch Arztebl 1996; 93(5): A-252 / B-198 / C-186

Philippi, M.; Poersch, M.; Müller, Norbert

Zu dem Beitrag von PD Dr. med. Dipl.-Psych. Norbert Müller et al. in Heft 6/1995
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LNSLNS Gewichtsprobleme durch Lithiumprophylaxe
Wer einmal Langzeit-Patientinnen in einem Landeskrankenhaus betreut hat, ist überrascht, daß die wichtigste Nebenwirkung in der Übersichtsarbeit fehlt; hier sind nämlich nur die kurzfristig zu erwartenden Nebenwirkungen festgehalten.
Im Laufe der Jahre geht aber die Lithium-Prophylaxe schroff mit einer erheblichen Gewichtszunahme einher, nach meiner Erfahrung etwa mit einem Kilogramm pro Jahr der Behandlung; somit sind nach jahrzehntelangen Behandlungen Zunahmen von 30 bis 40 (und mehr!) Kilogramm nicht selten. Wer darüber seine jungen Patient(-innen) mit episodischen, affektiven Erkrankungen ehrlich aufklärt, wird erleben, daß Lithium nicht mehr als Mittel der ersten Wahl hier zur Anwendung kommt.


Horst M. Philippi
Arzt für Neurologie und Psychiatrie
Bahnhofstraße 34
66111 Saarbrücken


Tremor oder Asterixis?
In der ausführlichen Übersichtsarbeit wird als Nebenwirkung der Lithium-Therapie unter anderem feinschlägiger Tremor genannt, ohne diesen von gering ausgeprägter Asterixis abzugrenzen. Asterixis milder Ausprägung kann klinisch leicht mit einem feinschlägigen, höherfrequenten Tremor, beispielsweise verstärkter physiologischer Tremor, verwechselt werden (1).
Eine elektromyographische Untersuchung eines antagonistischen Muskelpaares mit Oberflächenelektroden während Ruhebedingungen, posturaler Innervation und Aktionsbedingungen ist für den Patienten nicht belastend, schnell durchgeführt und erlaubt eine klare Differenzierung der beiden unterschiedlichen Bewegungsstörungen. Bei Asterixis wird die EMG-Untersuchung in dem antagonistischen Muskelpaar in aller Regel irregulär eingestreute synchrone Innervationspausen einer Dauer von etwa 20 bis 200 Millisekunden als Ursache der Zittrigkeit feststellen, welche bei Tremorsyndromen fehlen (1).
Diese Unterscheidung erscheint primär aus diagnostischen Gründen sinnvoll. Eine wesentliche Konsequenz ergibt sich nicht, da man ätiologisch jeweils eine Lithium-Intoxikation vermuten und entsprechend reagieren wird. Trotzdem sollte auf diese Unterscheidung Wert gelegt werden, da die ursächliche zerebrale Dysfunktion sehr wahrscheinlich heterogen ist. Eine beginnende bilaterale Asterixis wird als mehr oder weniger diffuse Enzephalopathie (2, 3) eingestuft, wobei kürzlich zumindest eine kortikale Dysfunktion (4, 5) nachgewiesen werden konnte.
Ein Tremorsyndrom wird dagegen als eher isolierte motorische Dysfunktion aufgefaßt mit wahrscheinlich oszillatorischer Eigenaktivität von Neuronen in Basalganglien (6). Zudem sind bei schwerer Tremorausprägung keine wesentlichen psychopathologischen Symptome beschrieben worden (7), während dies bei ausgeprägter Asterixis die Regel ist (2, 8).


Literatur beim Verfasser


Dr. med. M. Poersch
Dr. von Ehrenwall´sch Klinik
Walporzheimerstraße 2
53474 Ahrweiler


Schlußwort
Die Bedeutung und hohe Effizienz der Lithiumprophylaxe ist bei Psychiatern und Nervenärzten seit langem unumstritten. Mit Risikosituationen, die im Zuge der Lithiumprophylaxe auftreten, sind oft Allgemeinärzte, Internisten und Chirurgen konfrontiert, wobei diagnostische und therapeutische Notfallmaßnahmen erforderlich werden können. Zu den Risikosituationen gehören Änderungen der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, Erbrechen oder Diarrhö (zum Beispiel auf Reisen), interkurrente Infekte und die Kombinationsbehandlung mit anderen Pharmaka. Für Chirurgen stellt sich häufig die Frage, ob, wann und wie lange Lithium prä- oder postoperativ abgesetzt werden sollte. Vor allem auf diese allgemeinmedizinischen Aspekte der Lithiumbehandlung zielte unser Beitrag ab.
Die mit der langfristigen Lithiumprophylaxe verbundenen Probleme, zu denen zweifellos die Gewichtszunahme und damit verbundene Compliance-Beeinträchtigungen gehören, konnten wegen der Kürze des Beitrags nur am Rande behandelt werden.
Deshalb danken wir Herrn Kollegen H. M. Philippi, daß er uns Gelegenheit gibt, auf das bei der Lithiumlangzeitbehandlung häufig gravierende Gewichtsproblem einzugehen. Die Ursachen der Gewichtszunahme – auch unter Neuroleptika und Antidepressiva kommt es häufig zu einer erheblichen Steigerung des Körpergewichts – sind letztlich nicht bekannt, es wird ein Einfluß auf appetitregulierende Zentren des Hypothalamus diskutiert. Praktisch bedeutsam sind allerdings vor allem zwei Befunde: eine dänische Studie zeigte eine klare Korrelation zwischen dem täglichen Trinkvolumen und der Gewichtszunahme; zum anderen nahmen solche Patienten besonders an Gewicht zu, die bereits vorher übergewichtig waren (4); letzterer Befund wurde auch in einer anderen Untersuchung bestätigt (1). Deshalb ist die Aufklärung der Lithium-Patienten besonders wichtig. Der möglicherweise im Rahmen der Polydipsie gesteigerte Durst sollte auf keinen Fall mit kalorienreichen Getränken wie zum Beispiel Milch, Bier, Limonaden et cetera gestillt werden, sondern mit Wasser, Tee oder anderen Getränken, die besser mit Süßstoff als mit Zucker gesüßt werden.
Lithium-Patienten sollten regelmäßig, das heißt täglich, ihr Gewicht kontrollieren und gegebenenfalls die Kalorienzufuhr beschränken. Von Schlankheitskuren ohne vorherige Konsultation des Arztes muß allerdings abgeraten werden, in den meisten Fällen ist eine zusätzliche Kochsalzeinnahme erforderlich (2, 3). Ob einzelnen Patientinnen oder Patienten bei starker oder auch subjektiv
belastender Gewichtszunahme nach Aufklärung über den Zusammenhang mit Eß- und Trinkgewohnheiten das Umsetzen von Lithium auf eine andere Rezidivprophylaxe wie zum Beispiel Carbamazepin empfohlen wird, muß unseres Erachtens im Einzelfall entschieden werden. Ganzen Gruppen von jungen Patienten(-innen) von einer Lithiumprophylaxe abzuraten, halten wir für unangebracht. Ehrliche Aufklärung sollte neben dem Hinweis auf die hohe Effizienz von Lithium auch die Aufklärung über die oben geschilderten Möglichkeiten, einer Gewichtszunahme entgegenzusteuern, beinhalten. Darüber hinaus scheint mit der Reduktion des Lithium-Serumspiegels auf 0,6 bis 0,8 mmol/l bei der prophylaktischen Behandlung auch das Risiko der Gewichtszunahme gesunken zu sein, nach neueren Untersuchungen steigt das Gewicht in den ersten ein bis zwei Jahren der Behandlung um etwa vier Kilogramm an, danach nicht mehr (5).
Auch der Hinweis von Herrn Dr. M. Poersch zur Differentialdiagnose von feinschlägigem Tremor und Asterixis (Flapping Tremor) stellt eine wertvolle Ergänzung unseres Beitrags dar. Flapping-Tremor tritt vor allem bei metabolischen Enzephalopathien, zum Beispiel bei hepatischer Enzephalopathie oder Urämie auf und muß im Rahmen einer Lithiumbehandlung als mögliches Zeichen einer Intoxikation gewertet werden. Feinschlägiger Tremor hingegen gilt als harmlose, gelegentlich allerdings die Patienten beeinträchtigende Nebenwirkung von Lithium, die effektiv
mit b-Rezeptoren-Blockern behandelt werden kann. Ist die Tremorintensität nicht eindeutig zuzuordnen oder tritt ein Tremor nach längerer Lithiumbehandlung neu auf, sollte auf jeden Fall – auch bei Fehlen anderer Intoxikationszeichen – der Lithium-Serumspiegel bestimmt werden.


Literatur
1. Greil W: Pharmakokinetik und Toxikologie des Lithiums. Bibl Psychiat 1981; 161: 69–103
2. Müller-Oerlinghausen B: Wirkung von Lithiumsalzen auf Kohlenhydratstoffwechsel, Körpergewicht und gastrointestinale Funktionen. In: Müller-Oerlinghausen B, Greil W (Hrsg): Die Lithiumtherapie – Nutzen, Risiken, Alternativen. Springer, Heidelberg, NY, 1986
3. Schou M: Lithium-Behandlung der manisch-depressiven Krankheit. Thieme, Stuttgart, NY, 1986
4. Vendsborg PB, Bech P, Rafaelsen OJ: Lithium treatment and weight gain. Acta Psychiatr Scand 1976; 53: 139–147
5. Vestergaard P, Poulstrup I, Schou M: Prospective studies on a lithium cohort. 3. Tremor, weight gain, diarrhea, psychological complaints. Acta Psychiatr Scand 1988; 78: 434–441


Für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Dipl.-Psych. Norbert Müller
Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität
Nußbaumstraße 7
80336 München

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baerle1761
am Sonntag, 13. April 2014, 12:18

Verharmlosung von Lithium

Als Betroffene, die nach 1,5 Jahren Lithiumgabe schwer an Hashimoto-Thyreoiditis erkrankt ist, verkleinertes Nierenparenchym hat, 15 kg zugenommen und vermehrte Herzrhythmusstörungen hat sowie ein verändertes T im EKG möchte ich mich hier warnend äußern.

Vor der Lithiumgabe waren sämtliche Organe ohne Befund. Jetzt ist zumindest die Schilddrüse insoweit in Mitleidenschaft, dass ich lebenslänglich Thyroxin nehmen muss. Die vorher sonographisch unauffällige Schilddrüse ist nun stark verknotet.

Es gibt Studien, die von 50% der Patienten ausgehen, bei denen Lithium die erwünschte Wirkung hat. Das ist für mich keine hohe Effizienz. Dagegen sind bis zu 30% Schilddrüsenerkrankungen sehr viel.

Ich wurde nicht ausreichend über Lithium aufgeklärt, schon gar nicht über eventuelle Nebenwirkungen und organische Spätfolgen. Lithium wurde mir in den höchsten Tönen gepriesen, als praktisch nebenwirkungsfrei, ich müsse nur compliant sein. Was ich war.

Zum Glück habe ich nach 1,5 Jahren Lithiumbehandlung selbst darauf bestanden, Schilddrüsenwerte zu nehmen, was zu internistischen Checks führte und der Hashimoto-Diagnose sowie Nieren- und Herzproblemen.

Ich würde Lithium nie wieder nehmen. Ich habe es abgesetzt. Geholfen gegen meine Depressionen hat es zu keinem Zeitpunkt.

Mit freundlichen Grüßen

Baerle1761

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