ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1996Arzneiverordnungs-Report '96: Pauschale Kritik am „Reservat für obsolete Mittel“

POLITIK: Leitartikel

Arzneiverordnungs-Report '96: Pauschale Kritik am „Reservat für obsolete Mittel“

Dauth, Sabine

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LNSLNS Die jährliche Vorstellung des neuen Arzneiverordnungs-Reports wird inzwischen immer unverhohlener genutzt, um politische Statements und Schuldzuweisungen abzugeben. Die Analyse der vertragsärztlichen Verordnungsdaten 1995 aus pharmakologisch-therapeutischer Sicht ging in diesem Jahr weitgehend unter in der gegenseitigen Kritik von Repräsentanten der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Apotheker. Wenige Tage zuvor war schließlich bekannt geworden, daß die Ärzte in neun Kassenärztlichen Vereinigungen ihr Arznei- und Heilmittelbudget überschritten haben und ihnen erhebliche Rückzahlungsforderungen drohen (dazu der folgende Beitrag "Krankenkassen kündigen Regreßwelle an"). Dieses Thema bestimmte auch die Vorstellung des Reports in der vergangenen Woche in Bonn.


Die Deutschen schlucken zu viel, wird immer wieder festgestellt, wenn es um den Alkoholkonsum geht. Ähnliches behaupteten in der vergangenen Woche auch die Herausgeber des "Arzneiverordnungs-Report '96" über den Verbrauch von Medikamenten. Mit 33 Milliarden DM hätten die Ausgaben 1995 fast schon wieder ein Niveau erreicht, das 1992 als "letzter Gipfel der Unwirtschaftlichkeit" gebrandmarkt worden war, heißt es in einer Pressemitteilung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Die Mehrausgaben im Vergleich zum Vorjahr belaufen sich auf 2,2 Milliarden DM. Im einzelnen bedeutet das:
1 Es wurden trotz nahezu gleichbleibender Versicherten- und Arztzahlen deutlich mehr Arzneimittel als im Vorjahr verschrieben (Steigerung gegenüber 1994: um 58 auf 973 Millionen Verordnungen). Die Zahl der Verordnungen stieg um 6,3 Prozent, die der verordneten Tagesdosen um 5,6 Prozent und der Arzneimittelumsatz um 7,1 Prozent.
1 Besonders auffällig sind die Steigerungen in den Indikationsgruppen der Antitussiva/Expektorantien (+15,2 Prozent) und der Antibiotika/Chemotherapeutika (+13,6 Prozent).
1 Durch die Verordnung von Generika haben die Ärzte im vergangenen Jahr aber geholfen, etwa vier Milliarden DM einzusparen.
Prof. Dr. med. Ulrich Schwabe, Mitherausgeber des Reports, erläuterte, daß die Umsatzsteigerungen zum größten Teil auf das Konto neuer Wirkstoffe gingen. Der Zuwachs habe in diesem Bereich 950 Millionen DM betragen (+25 Prozent gegenüber dem Vorjahr). "Der Trend zum Verordnen patentgeschützter Medikamente hat sich damit weiter fortgesetzt", sagte er. 1995 seien aber fast drei Milliarden DM für "Me-Too-Präparate" ohne therapeutischen Fortschritt ausgegeben worden.


Umstrittene Mittel für 7,1 Milliarden DM
Dr. med. Lothar Krimmel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), kritisierte Schwabes Bewertung: Diese Haltung sei nicht neu, führe aber dazu, "daß sich der Arzneiverordnungs-Report einmal mehr als untauglich erweist, Hilfestellungen bei der Lösung der aktuellen Probleme zu geben". Wie im Vorjahr werde der Nutzen innovativer Präparate pauschal in Frage gestellt. Weiterentwicklungen würden grundsätzlich abqualifiziert, ohne daß Fortschritte wie etwa geringere Nebenwirkungsspektren berücksichtigt würden: "Damit werden Ärzte und Krankenkassen bei der Überlegung, welche Arzneimittel in welchem Umfang neu in die Versorgung aufgenommen werden sollen, wiederum allein gelassen."
Das größte Einsparpotential ergäbe sich nach Meinung der Autoren des Reports nach wie vor durch den Verzicht auf die Verordnung sogenannter umstrittener Arzneimittel. 1995 wurden hierfür rund 7,1 Milliarden DM ausgegeben, 265 Millionen DM mehr als im Vorjahr (+3,9 Prozent). Schwabe räumte allerdings ein, daß in den letzten drei Jahren schon stark an durchblutungsfördernden Mitteln, Venenmitteln und Rheumasalben gespart wurde: "Die praktische Medizin hat hier Einsparpotentiale umgesetzt, die wesentlich zum Gelingen der Reformbemühungen um die Finanzierung der Arzneimittelausgaben beigetragen haben."
Daß der komplette Verzicht auf umstrittene Arzneimittel keine Einsparungen in gleicher Höhe bedeuten würde, wie gern suggeriert wird, meinte hingegen Prof. Dr. Volker Dinnendahl, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der Deutschen Apotheker. Zwar plädierte er für eine rationalere Therapie. "Aber ich wage nicht vorauszusagen, ob der Ersatz durch nicht-medikamentöse Maßnahmen für die GKV billiger oder - was ich für wahrscheinlicher halte - nicht vielmehr erheblich teurer würde."
Was tun mit den neuen Verordnungsdaten? - diese Frage wurde höchst unterschiedlich beantwortet. Prof. Schwabe verwies auf die Budgetüberschreitungen und meinte, die Arzneimittelausgaben könnten nicht heckenschnittartig gekürzt werden, ohne daß die Versorgung zusammenbreche. Nur sektorale Einsparungen seien medizinisch vertretbar. Die Ärzteschaft habe gezeigt, daß sie im Arzneimittelbereich sparen könne. Sie müsse in ihren Bemühungen aber auch "politisch korrekt" unterstützt werden: durch gesetzliche Vorgaben bei der Zulassung und der Ausgabentransparenz. Die Hälfte der heutigen Medikamente sei nicht auf Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit geprüft. "Der vielgerühmte Standort Deutschland erhält hier den Charakter eines Reservats für obsolete Arzneimittel", spottete Schwabe.
Den Gesetzgeber kritisierte auch Rolf Stuppardt, Vorstandsvorsitzender des IKK-Bundesverbandes: Die GKVPositivliste habe man 1995 begraben, zukünftig nehme man alle patentgeschützten Arzneimittel von den Festbeträgen aus, und die Negativliste von 1990 sei immer noch nicht an den heutigen Bearbeitungsstand angepaßt.
Dr. Krimmel vertrat den Standpunkt, angesichts der Budgetentwicklungen komme für die Zukunft nur eine strikt limitierte Arzneimittelversorgung in Frage. Konkret planten die Kassenärztlichen Vereinigungen,
1 auf Grundlage der im Report als umstritten aufgeführten Mittel eine Liste zu erstellen und diese Präparate nur bei ausdrücklichem Wunsch auf Privatrezept zu verordnen,
1 für umsatzstarke generikafähige Wirkstoffe eine Übersicht von Produkten zu erstellen, deren Preise im unteren Drittel der Marktpreise liegen,
1 innerhalb von Wirkstoff- und Indikationsgruppen indikationsbezogen den Stoff zu nennen, "der preiswert ist und eine ausreichende therapeutische Qualität besitzt".
Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen begrüßte es nach einer Meldung der "Frankfurter Rundschau", daß die KBV Listen preisgünstiger Medikamente zusammenstellen wolle und auf die Verordnung fragwürdiger Mittel verzichtet werden solle. Er warnte aber vor einer "Angstkampagne auf dem Rücken Kranker". Sabine Dauth

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