ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2001Hörgeräte: Nachahmenswert

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Hörgeräte: Nachahmenswert

Dtsch Arztebl 2001; 98(31-32): A-2027 / B-1720 / C-1530

Baschek, V.; Steinert, W.

Zu dem Beitrag „Der ,Goldrausch‘ ist vorbei“ von Jens Flintrop in Heft 24/2001:
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LNSLNS Seit 1980 wurden in unserer Praxis mehr als 5 000 schwerhörige Babys und Kleinkinder mit Hörgeräten versorgt, die aus ganz Deutschland zu dieser Untersuchung vorgestellt werden. Erwachsene aus dem näheren und weiteren Umkreis kommen ebenfalls zu einer audiologischen Diagnostik in unsere Praxis. Daher haben wir einen großen Überblick über die Problematik der Hörgeräteversorgung. So mussten wir in unserer Praxis leider feststellen, dass durch den Hörgeräteakustiker insbesondere ältere Senioren oftmals mangelhaft mit Hörgeräten versorgt worden waren. Auch wurden Patienten von Akustikern nicht zur Hörgeräteabnahme in unsere Praxis geschickt, sondern an andere HNO-Ärzte mit weniger kritischer Einstellung, angeblich, weil die Praxis keine diesbezüglichen Termine frei hätte. Senioren stellten sich nach dreiviertel bis einem Jahr mit Im-Ohr-Geräten vor, die eine mangelhafte Verstärkung aufwiesen und nicht geeignet waren, die höhergradige Hörstörung der Patienten zu kompensieren. Infolge Budgetierung besteht an einer aufwendigen Kontrolle der Hörgeräte seitens der HNO-Ärzte wenig Interesse.
Anlässlich eines Akustikerkongresses teilte uns ein Teilnehmer seine Philosophie mit. Man könne ohne weiteres einem 76-jährigen Senior entwe-
der ein uraltes Gerät oder ein extrem teures Gerät anpassen; da nach fünf Jahren erst der erneute Anspruch an ein neues Gerät fällig würde, ergäbe sich aus biologischen Gründen sowieso keine Nachfolge-Zweitanpassung. Den Vogel schoss in unserer Praxis ein Akustiker ab, der einer bettlägerigen, pflegebedürftigen Seniorin, geboren 4. Oktober 1909, die nur mit einer portugiesischen Betreuerin mehr schlecht als recht verbal radebrechen konnte, Hörgeräte für circa 9 000 DM verkaufte.
Daher hatten wir uns 1998 aus sozialer Indikation, da auch seitens der Akustiker Ratenzahlungen und Leasing angeboten wurden, entschlossen, Hörgeräte im verkürzten Versorgungsweg den Patienten anzubieten. Mehr als 90 Prozent der Patienten, die dieses annehmen, zahlen nicht zu; die maximale Zuzahlung beträgt 195 DM pro Gerät.
Allgemein rechnen Akustiker mit durchschnittlichen Kosten von circa 1 950 DM pro Hörgerät, wie es auch aus Ihrer Tabelle hervorgeht, zudem sind AOK-Patienten nicht die reichsten. Da man zwei Ohren hat, ergibt sich unter Hinzuziehung von Reinigungsmitteln, Batterien etc. eine Summe von etwa 4 000 DM pro Patient. Bei nur 250 Patienten pro Jahr ist die Umsatzmillion schnell erreicht. Zudem teilte uns die Hörgeräteinnung mit, dass sich der Gerätepreis etwa wie folgt zusammensetze: Ein Drittel der Kosten für das
Gerät, das zweite Drittel für die Anpassung und das letzte Drittel gliederte sich auf die Kontrolluntersuchung der Patienten in den folgenden Jahren. Bei dieser Konstellation kann man davon ausgehen, dass der Goldrausch bei Akustikern in den nächsten Jahren noch lange nicht vorbei ist; für Ärzte und KV ein nachahmenswertes Beispiel, wie wir meinen.
Dr. med. V. Baschek, Dr. med. W. Steinert, Ebertstraße 20, 45879 Gelsenkirchen
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