ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2001Generelles Hepatitis-B-Screening in der Schwangerschaft: Offene Fragen

MEDIZIN: Diskussion

Generelles Hepatitis-B-Screening in der Schwangerschaft: Offene Fragen

Dtsch Arztebl 2001; 98(31-32): A-2046 / B-1731 / C-1627

Doerck, Manfred

zu dem Beitrag von Dr. med. Kirn Parasher Dr. med. Marius Bartsch Dr. med.Marion Gstettenbauer Prof. Dr. med. Michael Entezami Prof. Dr. med. Hans Versmold Prof. Dr. med. Burghard Stuck in Heft 6/2001
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die bundesdeutschen Impfempfehlungen haben im letzten Jahrzehnt eine außergewöhnliche Dynamik erfahren, zum großen Teil durch segensreiche Neuentwicklungen. Zusätzliche Unruhe kam mit Etablierung des HBsAg-Screening in der Schwangerschaft auf, wurde doch jetzt die aktive Impfung des Neugeborenen empfohlen, wenn der Suchtest als erste Barriere nicht verfügbar war – die zunächst logische Simultanprophylaxe wurde offiziell abgelehnt.
Schon bald musste die STIKO aber ihre eigenen Empfehlungen nachbessern und für den besagten Fall eines unklaren HBV-Status ein Sekundärscreening fordern, um die passive Immunisierung gegebenenfalls doch noch nachzuholen. Musste sie wirklich? Denn dieses Prozedere ist nicht in allen Ländern üblich, offenbar wird auch in den USA bewusst auf eine Steigerung der Schutzrate von etwa 90 auf 95 Prozent in der eigentlichen Zielgruppe verzichtet, der epidemiologische Unterschied beträgt letztlich 0,5 Promille.
So bleiben durchaus Fragen offen: In welcher Größenordnung ist ein gutes Screening samt zugehöriger Konsequenzen zu taxieren, wenn die imaginäre Quote von 100 Prozent in der Praxis nicht erreichbar ist? Werden die angesprochenen Vorteile nicht durch andere Prozentpunkte relativiert? Gibt es auch falschnegative Screeningbefunde, die beispielsweise vier Wochen später nachzutesten wären? Wie hoch ist die Zahl der Impfverweigerer bei einer definitionsgemäß freiwilligen Empfehlung, die von Leitlinien oder Verordnungen weit entfernt ist? Sind Einwände gegen Immunglobulininjektionen souverän abzuwehren, trotz mäßig restriktiver Indikationsstellung im Klinikbereich? Und wie ist mit der abgelehnten Simultanprophylaxe einer HBs-Antigen-positiven Mutter zu verfahren, etwa wie vor Jahren bei der Austauschtransfusion im Zeugen-Jehova-Klientel? Oder ist der ganze Themenkomplex gar selbstlimitierend, wenn die Gesamtbevölkerung nach einer Generation durchgeimpft ist?
Die Antwort liegt auf der Hand: Fast alle Probleme wären schlagartig gelöst, wenn man jedem Neugeborenen schon am Tage der Geburt den Impfstoff appliziert, also die Hepatitis-B-Impfung um zwei Monate vorverlegt. Damit wären aktuelle Impfempfehlungen weiterhin erfüllt und die kleine Gruppe von Risikofällen bekäme weitgehenden Schutz. Konsequenterweise könnte dann sogar das gesamte Screeningprogramm entfallen beziehungsweie auf spezielle Konstellationen beschränkt werden. Diese Lösung wäre bei erheblich geringerem Aufwand und ähnlich guten Ergebnissen auch unter Kostenaspekten attraktiv.
Darüber hinaus sei noch eine formale Bemerkung erlaubt: Der Artikel ist interessant, übersichtlich, leicht zu lesen und im Ganzen plausibel. Allerdings sind die medizinischen Zusammenhänge lange bekannt und die therapeutischen beziehungsweise prophylaktischen Möglichkeiten seit den 80er Jahren verfügbar. Bezogen auf die Fragestellung war somit in jedem Falle ein brauchbares Resultat zu erwarten, eigentlich die ideale Thematik für eine unkomplizierte Dissertation. Auch wenn die Durchsicht von knapp 4 000 Geburtsprotokollen mühsam ist, reduziert sich die statistische Auswertung auf eine simple Prozentrechnung, jedenfalls sind echte mathematische Operationen ebenso wenig erkennbar wie anspruchsvolle neue Überlegungen.

Dr. med. Manfred Doerck
Kinderklinik am Mönchberg
Kinderfachabteilung der
Missionsärztlichen Klinik GmbH
Mönchbergstraße 27, 97074 Würzburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema