ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001Raritäten: Der zufriedene Patient

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Raritäten: Der zufriedene Patient

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): [128]

Rieser, Sabine

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LNSLNS Es wird immer schlimmer, stimmt’s? Heutzutage versichern sich gut verdienende Bürger bei irgendeiner hinterbayerischen Betriebskrankenkassen-Klitsche, aber die ärztliche Behandlung soll natürlich first class sein. Selbst Lieschen Müller kommt mit Versichertenkarte in der einen und einem Ausdruck einer Behandlungsleitlinie in der anderen Hand zur Praxistür herein. Patienten sind anspruchsvoll, aufsässig, überinformiert – so ist es doch. Es gibt aber eine Ausnahme: das Kind, viereinhalb Jahre. Es geht voller Freude zur Kinderärztin. Auf Feng-Shui-gestylte Wartezimmer legt es keinen Wert, ebenso wenig auf eine hinreichende Anzahl bunter Blätter. Ihm genügen ein paar kranke kleine Wesen zur Überbrückung der Wartezeit, die Holzeisenbahn zum Beklettern und ein paar zerfledderte Broschüren. Später, im Behandlungszimmer, weint und schimpft es oft und klammert sich fest – nicht bei der Mutter, sondern bei der Ärztin oder ihrer Mitarbeiterin. Weil es nämlich schon nach Hause soll, gerade jetzt, wo es so schön Platz gefunden hat auf der Liege, die in einem Raum in ein Feuerwehrauto, im anderen in einen Lastwagen integriert ist! Doch das Kind ist noch wahrhaft solidarisch: Malt man ihm anschaulich aus, wie viele kranke Kinder die Frau Doktor auf der Stelle noch behandeln muss, trollt es sich – und beansprucht nicht etwa egoistisch die kostbare Zeit einer Ärztin. Sein Vertrauen in die Heilkunst von Krankenhausärzten ist ebenfalls ungebrochen. Diese rundum positive Haltung kam am letzten Wochenende wieder zum Tragen. Das Kind wankte nach Mitternacht bleich heran und flüsterte: „Mir ist soooo schlecht. Der Bauch tut soooo weh. Besser, wir fahren zum Arzt ins Krankenhaus.“ Angebote, erst einmal etwas zu trinken oder sich zu den Eltern ins Bett zu legen, ignorierte es allesamt: „Nein, besser ein Arzt. Besser ins Krankenhaus.“ Tja, nun gibt es doch ein Problem: Es wird Zeit, dem Kind die Bedeutung von Begriffen wie „Befindlichkeitsstörung“ und „Überversorgung“ nahe zu bringen. Damit wird es ja später sowieso tagein, tagaus zu tun haben. Aber wie geht man das an bei einem Kindergartenkind? Es wird wohl nur ein Aufenthalt bei der Oma helfen. Dort kurierte das Kind bereits erfolgreich einen dicken Infekt sowie die Windpocken aus – ohne Krankenhausarzt. Die Oma weist nämlich immer streng darauf hin, dass das Krankenhaus drei Minuten entfernt hinter dem Haus liege und man dort immer noch hingehen könne. Oma ist die Beste. Wenn das Kind bei ihr nicht lernt, wie sinnvoll eine abgestufte Versorgung ist, dann bei keinem. Sabine Rieser
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