ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001Bekanntmachungen: Änderungen der Arzneimittel-Richtlinien

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Kassenärztliche Bundesvereinigung

Bekanntmachungen: Änderungen der Arzneimittel-Richtlinien

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2132 / B-1808 / C-1700

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen hat in seinen Sitzungen am 16. Oktober 2000 und 11. Dezember 2000 beschlossen, die Anlage 4 der Richtlinien des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen über die Verordnung von Arzneimitteln in der vertragsärztlichen Versorgung (Arzneimittel-Richtlinien/AMR) in der Fassung vom 31. August 1993 (BAnz. S. 11 155), zuletzt geändert am 3. August 1998 (BAnz. S. 14 491), Anlage 4 zuletzt geändert am 3. Juli 2000 (BAnz. S. 15 174), wie folgt zu ändern bzw. zu ergänzen.
Infliximab bei Morbus Crohn
(z. B. Remicade®)
Indikation
Infliximab ist ein chimärer, monoklonaler IgG1-Antikörper, der in Deutschland zugelassen ist zur Behandlung:
c einer schwergradigen, aktiven Form des Morbus Crohn bei Patienten, die trotz einer vollständigen und adäquaten Therapie mit einem Corticosteroid und/ oder einem Immunsuppressivum auf diese Behandlung nicht ansprechen, und
c von Morbus Crohn mit Fistelbildung bei Patienten, die trotz einer vollständigen und adäquaten Therapie mit einer konventionellen Behandlung auf diese nicht ansprechen,
c zur Therapie der rheumatoiden Arthritis (gesonderter Therapiehinweis hierzu folgt).
Von der europäischen Zulassungsbehörde wurde dem Hersteller die Zulassung mit der Auflage erteilt, zusätzliche Informationen über die Erhaltungstherapie bereitzustellen.
Wirkungen
Der monoklonale, human-murine Antikörper bindet mit hoher Affinität sowohl an lösliche als auch an transmembrane Formen von Tumornekrosefaktor alpha (TNFa), aber nicht an Lymphotoxin-a (TNFb). Infliximab bildet rasch stabile Komplexe mit menschlichem TNFa, ein Vorgang, der mit dem Verlust von TNFa-Bioaktivität einhergeht. Neben der nachweisbaren Reduktion von TNFa kommt es zu einer Verminderung des normalerweise bei Crohn-Patienten erhöhten Entzündungsmarkers im Serum, dem C-reaktiven Protein (CRP).
Wirksamkeit
Aktiver Morbus Crohn
Die Wirksamkeit wurde bei 108 Patienten mit einer mäßig bis schwergradigen, aktiven Form von Morbus Crohn (Morbus-Crohn-Aktivindex [CDAI] zwischen 220 und 400) in einer randomisierten, doppelt verblindeten, placebokontrollierten Studie überprüft. Zusätzlich mussten die Patienten zuvor erfolglos über mindestens acht Wochen mit Mesalazin oder zumindest über die letzten acht Wochen mit einer Maximaldosis von 40 mg/Tag Kortikosteroide oder über mindestens sechs Monate 6-Mercaptopurin beziehungsweise Azathioprin vorbehandelt sein. Der Beginn des Ansprechens wurde innerhalb von zwei Wochen beobachtet, das maximale Ansprechen wurde nach vier Wochen erreicht.

Fistelbildung bei Morbus Crohn
Die Wirksamkeit wurde auch in einer randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie an 94 Patienten mit Morbus Crohn mit Fistelbildung überprüft, deren Fistel mindestens drei Monate bestand. Die gleichzeitige Verabreichung stabiler Dosen von konventionellen Therapien mit Corticosteroiden, Aminosalizylaten, Antibiotika, Methotrexat, 6-Mercaptopurin oder Azathioprin war zulässig, und 83 % erhielten weiterhin mindestens eines dieser Arzneimittel.
Die mittlere Zeit bis zum Einsetzen eines Ansprechens der mit Infliximab behandelten Gruppe betrug zwei Wochen. Die mittlere Dauer des Ansprechens betrug zwölf Wochen; nach 22 Wochen bestand bezüglich der Anzahl der Patienten mit Ansprechen keine Differenz zwischen Placebo und den beiden Infliximabdosierungen. Es wurden zu wenig Patienten mit Abdominalfisteln in den Studien behandelt, um die Wirksamkeit zu beurteilen. Neue Fisteln bildeten sich bei ungefähr 15 % der Patienten, unabhängig davon, ob sie mit Placebo oder Infliximab behandelt wurden.
Risiken – ggf. Vorsichtsmaßnahmen
Infliximab ist kontraindiziert bei Patienten mit Sepsis oder mit klinisch manifesten Infektionen und/oder Abszessen. Außerdem darf das Medikament nicht Patienten verabreicht werden, die in der Anamnese eine vorbestehende Überempfindlichkeit gegenüber Infliximab, murinen Proteinen oder irgendeinem Hilfsstoff aufweisen.
Gebärfähige Frauen sollten eine adäquate Empfängnisverhütung betreiben und diese über mindestens sechs Monate nach der letzten Infusion fortführen. Bei Kindern unter 17 Jahren ist die Wirksamkeit und Verträglichkeit bisher nicht geprüft; eine solche Behandlung sollte vermieden werden.
Die häufigsten Nebenwirkungen unter Infliximab waren insgesamt Kopfschmerzen (23 %), gastrointestinale Nebenwirkungen (17 %) und Infektionen des oberen Respirationstraktes (16 %).
Infliximab wurde mit akuten infusionsbedingten Reaktionen und einer verzögerten Überempfindlichkeitsreaktion in Zusammenhang gebracht. Diese unterscheiden sich im Zeitpunkt des Auftretens.
Akute infusionsbedingte Reaktionen treten während oder innerhalb von zwei Stunden nach der Infusion auf und sind während der ersten und zweiten Infusion am wahrscheinlichsten. Einige Reaktionen können mäßig bis schwerwiegend sein und einer symptomatischen Behandlung bedürfen. Deshalb sollten eine Notfallausrüstung und Notfallmedikation zur Behandlung dieser Reaktionen zum Sofortgebrauch zur Verfügung stehen.
Bei einigen Patienten können sich gegen Infliximab gerichtete Antikörper bilden und schwerwiegende allergische Reaktionen verursachen. Diese Antikörper können nicht immer in Serumproben nachgewiesen werden.
Eine verzögerte Überempfindlichkeitsreaktion wurde bei 25 % der Patienten beobachtet, die mit Infliximab nach einem Zeitraum von zwei bis vier Jahren ohne Infliximab-Behandlung wieder behandelt wurden. Anzeichen und Symptome beinhalten Myalgie und/oder Arthralgie mit Fieber, Pruritus, Gesichts-, Hand- oder Lippenödem, Dysphagie, Urtikaria, Hals- und/oder Kopfschmerzen.
Über schwere Infektionen, einschließlich Sepsis und tödlicher Infektionen, ist bei Patienten mit TNF-blockierenden Substanzen berichtet worden. Die meisten dieser schweren Infektionen bei mit Infliximab behandelten Patienten sind unter gleichzeitiger immunsuppressiver Therapie aufgetreten. Klinische Symptome, die auf ein Lupus-ähnliches Syndrom hinwiesen, traten in seltenen Fällen auf.
Bei Patienten mit Morbus Crohn und rheumatoider Arthritis, die mit Infliximab behandelt wurden, traten in einzelnen Fällen Lymphome und Myelome auf. Es ist unbekannt, ob die wiederholte Verabreichung von Infliximab die Entstehung dieser Erkrankungen verursachen kann.
Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise
Die Behandlung mit Infliximab ist nur bei schwergradigen, aktiven und therapieresistenten Formen des Morbus Crohn sowie beim Morbus Crohn mit Fistelbildung nach Versagen einer vollständigen und adäquaten konventionellen Behandlung indiziert. Zu den anerkannten Behandlungen gehört die Gabe von Corticosteroiden, Aminosalizylaten, Immunsuppressiva und Antibiotika sowie Ernährungsumstellung. Erst wenn diese Behandlungsstrategien in Art und Dosierung für den individuellen Patienten angepasst erfolglos durchgeführt wurden, ist eine einmalige beziehungsweise bei Fisteln dreimalige Infusion von Infliximab zu erwägen. Häufigere Gaben beziehungsweise höhere Dosierungen als 5 mg/kg Körpergewicht sind unwirtschaftlich. Patienten, die auf eine Infusion nicht angesprochen haben, werden im Allgemeinen auch nicht auf weitere reagieren.
Falls die Anzeichen und Symptome des Morbus Crohn wieder auftreten, kann Infliximab entsprechend der Fachinformation innerhalb von 14 Wochen nach der letzten Infusion erneut verabreicht werden. Bei der schwergradigen, aktiven Form des Morbus Crohn wurden Wirksamkeit und Sicherheit über eine einmalige Behandlung hinaus bisher jedoch nicht nachgewiesen. Bei Patienten mit Morbus Crohn und Fistelbildung wurden die Sicherheit und Wirksamkeit über die dreimalige Gabe hinaus nicht untersucht. Mit schwerwiegenden Nebenwirkungen muss bei erneuter Behandlung gerechnet werden.
Kosten
Remicade kostet je Trocken-Ampulle 100 mg 1 812,65 DM.
Bei Fisteln ist mit Kosten für 3 Infusionen in Höhe von ca. 16 000,00 DM zu rechnen (bezogen auf einen 60 kg schweren Patienten).
Dem stehen folgende Monatskosten für in der Behandlung des Morbus Crohn anerkannte Wirkstoffe gegenüber:










Therapiehinweis gemäß Nr. 14 der Arzneimittel-Richtlinien
Lamivudin
(z. B. Zeffix®)
Indikation
In Deutschland ist Lamivudin zur Behandlung der Hepatitis B seit 1. September 1999 unter dem Namen Zeffix® im Handel.
Das Medikament ist zur Behandlung von Patienten ab 16 Jahren mit chronischer Hepatitis B und einer nachweisbaren Virus-Replikation
c mit einer dekompensierten Lebererkrankung oder
c mit einer histologisch nachgewiesenen aktiven Leberentzündung und/oder Fibrose zugelassen.
Die europäische Zulassungsbehörde genehmigte das Inverkehrbringen „unter besonderen Bedingungen“, da über Virusmutationen, die durch Lamivudin induziert werden, und über Subpopulation von Patienten, die mit dem Pre-core-Mutanten des Hepatitis B infiziert sind, nur wenige Daten vorliegen. Der Hersteller muss zusätzliche Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit vorlegen.
Wirkungen
Lamivudin ist ein Nukleosidanalog, das die Replikation des Hepatitis-B-Virus unterdrückt. Es wird von infizierten und nichtinfizierten Zellen zum pharmakologisch wirksamen Triphosphat metabolisiert. Der Stoff wirkt als Substrat für die virale Polymerase des HBV. Die Bildung weiterer viraler DNS wird durch den Einbau von Lamivudin-Triphosphat in die DNS-Kette und dem daraus folgenden Abbruch der Kette blockiert. Auswirkungen auf den DNS-Gehalt von Säugetierzellen sind nur gering.
Wirksamkeit
In placebokontrollierten Studien wur-
den durch eine einjährige Behandlung mit Lamivudin die HBV-DNS-Replikation signifikant unterdrückt, die ALT-Werte normalisiert und eine HBeAg-Serumkonversion induziert (16 bis 18 % der Patienten), die Histologie verbessert und das Fortschreiten der Fibrose verzögert.
Bei Patienten, bei denen während der Behandlung keine HBeAg-Serumkonversion eintrat, führte das Absetzen von Lamivudin innerhalb von zwei bis sechs Monaten zu einer Wiederkehr der HBV-Replikation sowohl mit einem Anstieg des HBV-DNS als auch mit einem Anstieg der Serumaminotransferase.
Bei Patienten mit einer dekompensierten Lebererkrankung wurden keine placebokontrollierten Studien durchgeführt. Daten aus unkontrollierten Studien bei dieser Patientengruppe, bei der Lamivudin vor, während und nach einer Lebertransplantation verabreicht wurde, zeigten einen hemmenden Effekt auf HBV-DNS-Spiegel (51 bis 75 % der Patienten) und eine Normalisierung der Serumaminotransferase (63 bis 83 % der Patienten).
Bei Patienten, die auf Interferon nicht ansprachen, wurden ähnliche Ergebnisse erzielt wie bei nicht vorbehandelten Patienten.
Zur Zeit liegen keine Daten über die Wirksamkeit von Lamivudin bei Patienten mit gleichzeitiger Hepatitis-D- oder Hepatitis-C-Infektion vor.
Es fehlen zur Zeit noch Daten zum Nutzen der Therapie, wie endgültige Ausheilung der Hepatitis, Aufhalten der Krankheitsprogression bis zur Zirrhose und damit Reduktion der Transplantationsbedürftigkeit sowie die Verhinderung von primären Lebertumoren.
Risiken – ggf. Vorsichtsmaßnahmen
Nach Absetzen von Lamivudin ist es zur Exazerbation der Hepatitis gekommen.
Bei längerer Therapiedauer sind HBV-Subpopulationen mit reduzierter Empfindlichkeit auf Lamivudin (YMDD-HBV-Mutanten) identifiziert worden. Die Häufigkeit nimmt mit der Dauer der Behandlung zu; ca. 20 % nach einem Jahr und ca. 50 % nach drei Jahren, bei immunsupprimierten Patienten auch höher. Die klinische Bedeutung dieser Mutanten im Langzeitverlauf ist bisher nicht vollständig geklärt. Das Vorgehen bei Auftreten von Resistenzen ist bisher nicht standardisiert.
Die Substanz erwies sich als relativ gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen waren allgemeines Krankheitsgefühl und Müdigkeit, Infektionen der Atemwege, Rachen- und Tonsillen-Beschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Diarrhöe. Während der Stillzeit wird die Anwendung nicht empfohlen. Auch während der Schwangerschaft ist Vorsicht geboten. !
Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise
Die Therapie sollte von einem Arzt mit Erfahrungen bei der Behandlung der chronischen Hepatitis B begonnen werden.
Bei nicht vorbehandelten Patienten mit chronischer Hepatitis B und kompensierter Lebererkrankung gilt die Gabe von Interferon alpha weiterhin als Therapie der Wahl. Die erzielbare HBeAg-Serumkonversionsrate liegt hier mit 30 bis 40 % doppelt so hoch wie mit Lamivudin (16 bis 18 %). Nach derzeitigem Kenntnisstand sollte ein Therapieversuch mit Lamivudin insbesondere dann in Betracht gezogen werden, wenn die Behandlung mit Interferon erfolglos war oder Kontraindikationen gegen diese Behandlung vorliegen, wie fortgeschrittene Leberzirrhose (> Child B) insbesondere bei geplanter Lebertransplantation.
Der Nutzen einer gleichzeitigen Behandlung mit Lamivudin und Interfe-
ron-a im Vergleich zur Behandlung mit Lamivudin allein ist derzeit nicht geklärt und Gegenstand der klinischen Forschung.
Die Beendigung der Langzeittherapie ist angezeigt
1. bei zuvor HBeAg-positiven Patienten mit Serokonversion (Verlust von HBeAg und HBV-DNS und Nachweis von HBeAg-Antikörpern) sowie beim Vorliegen von Hinweisen für einen Verlust der Wirksamkeit (persistierende Wiederkehr der Serum-ALT und HBV-DNS auf Werte wie vor der Behandlung, Verschlechterung der Leberhistologie oder andere Anzeichen einer Hepatitis).
2. bei Patienten mit YMDD-HBV-Mutation, bei denen die HBeAg-Serokonversion eingetreten ist oder bei denen ein Verlust der Wirksamkeit nachgewiesen wurde (Wiederanstieg virologischer und serologischer Parameter auf das Niveau vor Therapiebeginn).
Kosten
Die Jahrestherapiekosten von Zeffix® liegen bei ca. 3 500,00 DM.
Demgegenüber kostet die sechsmonatige Behandlung mit den in Deutschland zugelassenen Alpha-Interferonen zwischen 10 000,00 DM und 19 000,00 DM. 1
Therapiehinweis gemäß Nr. 14 der
Arzneimittel-Richtlinien
Celecoxib
(z. B. Celebrex®)
Indikation
Celecoxib wurde am 18. 5. 2000 in Deutschland als hochselektiver COX-2-Hemmer für die Behandlung von Symptomen bei Reizzuständen degenerativer Gelenkerkrankungen (aktivierte Arthrosen) oder chronischer Polyarthritis (rheumatoide Arthritis) im dezentralen EU-Verfahren zugelassen. Es wurde in den Wirkstärken 100 mg und 200 mg als Hartkapsel eingeführt, die Einnahme erfolgt – abhängig von der Indikation – ein- bis zweimal täglich.
Wirkungen
Celecoxib gehört zur neuen Gruppe der hochselektiv wirkenden COX-2-Hemmer. Diese hemmen nur eine Isoform des für die Prostaglandinsynthese wesentlichen Enzyms Cyclooxygenase. COX-2 ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand verantwortlich für die Synthese der Prostaglandine, die Entzündung, Schmerz und Fieber vermitteln. Die durch die COX-
1-Isoform vermittelten Prostaglandine werden dagegen – anders als bei nichtselektiven NSAR – durch Celecoxib nicht gehemmt. Somit wird auch deren protektive Wirkung auf die Magenschleimhaut nicht beeinträchtigt. Ebenso zeigt Celecoxib keine Beeinflussung der COX-1-abhängigen Thrombozytenfunktion. Die COX-2-Isoenzyme wurden erst vor knapp zehn Jahren identifiziert. Ihre physiologischen Wirkungen über den Entzündungsprozess hinaus sind derzeit Gegenstand präklinischer und erster klinischer Studien. Diskutiert wird z. B., ob ein antiangiogenetischer Effekt der COX-2-Hemmer auch ulzerogen wirken könnte; diese Hypothese wurde durch klinische Daten bisher nicht gestützt.
Wirksamkeit
Viele Studien zur vergleichenden klinischen Wirksamkeit von Celecoxib sind bisher – soweit überhaupt – als Abstracts veröffentlicht.
Zur Anwendung bei aktivierter Arthrose liegt eine Studie mit 3 Dosierungen von Celecoxib versus 1 000 mg Naproxen/Tag und Placebo bei 1 004 Patienten mit Kniegelenksarthrose vor, die eine Verbesserung einzelner Parameter gegenüber Placebo ergab. Als günstigste Dosierung erwies sich 200 mg Celecoxib/Tag.
Zwei weitere publizierte Studien verglichen die analgetische und antientzündliche Wirksamkeit bei Patienten mit rheumatoider Arthritis wiederum mit 1 000 mg Naproxen/Tag bzw. mit 150 mg Diclofenac/Tag. Während der zwölf- bzw. 24-wöchigen Beobachtungszeit ergab sich jeweils eine vergleichbare Wirksamkeit.
Zum Einsatz bei familiärer Polyposis (als ergänzende Maßnahme zur konventionellen Therapie) in der Prävention des kolorektalen Karzinoms liegen Abstracts und eine publizierte Studie vor, die eine signifikante Reduzierung der Anzahl von Polypen unter 400 mg Celecoxib zeigte. Ob diese Reduzierung jedoch mit einem klinischen Vorteil für die Patienten verbunden ist, muss noch geklärt werden. Die Notwendigkeit chirurgischer Maßnahmen und endoskopischer Überwachung würde durch die eventuelle Gabe von Celecoxib nicht eingeschränkt. Anders als in den USA liegt bisher in Deutschland keine Zulassung für diese Indikation vor.
Die maximale Plasmakonzentration wird nach drei Stunden erreicht, ein steady-state-Spiegel stellt sich nach fünf Tagen ein (HWZ 11,2 Std.). Eine Symptomlinderung ist nach den Studien nach 24 bis 48 Stunden zu erwarten. Soweit eine akute Schmerzexazerbation zur Therapieeinleitung führt, sollte dies beachtet werden.
Risiken – ggf. Vorsichtsmaßnahmen
Gepoolte Daten aus überwiegend nicht publizierten Studien (zwei bis 24 Wochen) und einer ebenfalls nicht publizierten offenen Beobachtung über ein bis zwei Jahre ergaben eine jährliche Inzidenz von Ulkuskomplikationen von 0,2 % unter Celecoxib gegenüber 1,68 % unter nichtselektiven NSAR (zwei bzw. neun Ereignisse, standardisiert auf ein Jahr). Aufgrund methodischer Probleme wie der großen Heterogenität zwischen den Studien und Imbalancen zwischen den Therapiegruppen können diese Ergebnisse jedoch nur als Hinweis auf eine mögliche Überlegenheit von Celecoxib gegenüber nichtselektiven NSAR herangezogen werden; auch nach Einschätzung der Autoren ist Vorsicht bei der Interpretation und Generalisation dieser Analyse geboten.
In einer Studie wurden 8 059 Patienten, von denen 4 573 den sechsmonatigen Therapiezeitraum abschlossen, mit der Dosis von 800 mg Celecoxib täglich (doppelte empfohlene Tageshöchstdosis) oder 150 mg Diclofenac oder 2400 mg Ibuprofen über sechs Monate behandelt. Die Rate der Ulkuskomplikationen (definiert als Blutung, Perforation und Obstruktion) lag unter Celecoxib bei 0,76 %, unter Diclofenac und Ibuprofen bei 1,45 %, standardisiert auf ein Jahr (statistisch nicht signifikanter Unterschied, p = 0,09). Subgruppenanalysen ergaben für Patienten, die ASS als kardiovaskuläre Prophylaxe (< 325 mg/Tag) einnahmen, keine Differenz (2,01 % versus 2,12 %), während für Patienten, die kein ASS einnahmen, eine Rate von Ulkuskomplikationen von 0,44 % unter Celecoxib versus 1,27 % unter Ibuprofen bzw. Diclofenac (statistisch signifikant, p = 0,04) gesehen wurde.
Publizierte Studien mit einer Behandlungsdauer von über sechs Monaten, die eine Aussage über das Auftreten von schweren Komplikationen im oberen Gastrointestinaltrakt möglich machen würden, liegen bisher nicht vor. Der eventuelle Vorteil von Celecoxib ist nicht untersucht für den Vergleich mit niedrigeren Dosierungen von nichtselektiven NSAR (in den Studien: Diclofenac 150 mg/Tag, Ibuprofen 2 400 mg/Tag, Naproxen 1 000 mg/Tag). Gastroskopiestudien zeigen zudem eine Reduzierung von Schleimhautläsionen, wobei allerdings abgewartet werden muss, ob die Reduzierung der endoskopischen Ulkusrate unter Celecoxib mit einem klinischen Vorteil verbunden ist, da deren Korrelation mit Symptomen und schwerwiegenden Komplikationen unklar ist. Eine publizierte Differenzierung nach Hoch- und Niedrigrisikopatienten ergibt, dass 500 Patienten der Niedrigrisiko-Gruppe ein Jahr mit Mehrkosten von 400 000 US-$ auf COX-2-Hemmer umgestellt werden müssen, um eine schwerwiegende Ulkuskomplikation zu vermeiden. Bei Hochrisikopatienten (älter als 75 Jahre mit Ulkus- oder Blutungsanamnese) beträgt dieses Verhältnis noch 1 : 40.
Wie andere NSAR ist Celecoxib kontraindiziert bei floridem peptischem Ul-
kus oder gastrointestinaler Blutung. Weitere Gegenanzeigen sind u. a. gebärfähige Frauen (es sei denn, es wird eine sichere Methode zur Schwangerschaftsverhütung eingesetzt, wobei orale Kontrazeptiva wegen nicht ausgeschlossener Wechselwirkungen nicht empfohlen werden), Schwangerschaft, Stillzeit, entzündliche Darm­er­krank­ungen, höhergradige Nieren- und Leberfunktionsstörungen, Sulfonamidüberempfindlichkeit sowie Asthma, akute Rhinitis, Nasenschleimhautpolypen, angioneurotisches Ödem, Urtikaria oder sonstige allergische Erkrankungen, die nach Anwendung von ASS oder NSAR beobachtet wurden. Mögliche Wechselwirkungen müssen u. a. bei gleichzeitiger Therapie mit Warfarin, Cyclosporin, Tacrolimus, Antihypertensiva (besonders ACE-Hemmer) und Diuretika beachtet werden.
Unerwünschte Wirkungen sind unter Celecoxib global nicht geringer als unter NSAR. Unter Celecoxib wurden u. a. vermehrt periphere Ödeme bzw. Flüssigkeitsretention, abdominelle Beschwerden wie Schmerzen, Diarrhoe, Dyspepsie und Flatulenz, außerdem Schwindelgefühl, Schlaflosigkeit, Hautausschläge und Entzündungen des Nasen-Rachen-Raumes und der oberen Atemwege gesehen (bei mindestens jedem 100. Behandelten).
Bei individuellen Risikokonstellationen (Alter, Multimorbidität, gastrointestinale Blutungen in der Anamnese), zusätzlicher Selbstmedikation mit NSAR, der Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern oder Antikoagulanzien oder einer Komedikation mit Kortison kann auch unter Celecoxib ein erhöhtes Risiko schwerwiegender gastrointestinaler Nebenwirkungen vorliegen.
Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise
Nach den Erfahrungen mit – anfangs mit großen Erwartungen verbundenen – Einführungen anderer neuer Arzneimittel in diesem Indikationsgebiet muss abgewartet werden, ob sich die klinische Wirksamkeit und das bezüglich schwerwiegender gastrointestinaler Komplikationen günstigere Nebenwirkungsprofil von Celecoxib in der klinischen Praxis und in der Langzeitbeobachtung bestätigen lassen.
Die Tagestherapiekosten für Celecoxib liegen um ein Mehrfaches über denen nichtselektiver NSAR, wobei bei Anwendung in Risikokonstellationen gegebenenfalls die Zusatzkosten für eine Ulkus-Prophylaxe mit Omeprazol oder Misoprostol bei nichtselektiver NSAR-Therapie berücksichtigt werden müssen. Die Risikoabwägung für schwerwiegende gastrointestinale Komplikationen ist für den eventuellen Einsatz entscheidend, da ein Vorteil bezüglich der Schmerzlinderung für Celecoxib nicht besteht. Bei Verträglichkeit bisheriger NSAR-Therapie besteht keine Veranlassung zur Umstellung. Bei Neuverordnung ohne Vorliegen einer Risikokonstellation, insbesondere bei bedarfsweiser, niedrig bzw. mittelhoch dosierter oder kurz dauernder Verordnung sollten nichtselektive NSAR bevorzugt werden. Generell sollte beachtet werden, dass auch die Therapie mit Celecoxib mit einer gegenüber Placebo erhöhten Rate unspezifischer gastrointestinaler Nebenwirkungen (diese waren auch häufigste Ursache für Therapieabbrüche in Studien) einhergeht.
Bei Verordnung von Celecoxib ist keine therapiebedingte Notwendigkeit einer Prophylaxe oder Therapie der NSAR-Gastropathie zu erwarten. Bei Umsetzen von NSAR auf Celecoxib muss eine Begleittherapie mit Protonenpumpenhemmern, H2-Antagonisten oder Misoprostol gegebenenfalls beendet werden.
Es besteht keine hinreichende klinisch-wissenschaftliche Grundlage für eine Verordnung in nicht zugelassenen Einsatzgebieten wie Prophylaxe des Kolonkarzinoms (zur familiären adenomatösen Polyposis: s. o.) und Morbus Alzheimer.
Kosten (siehe Tabelle)
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige