POLITIK

Hyperaktivitätsstörungen: Lehrer greifen in die Therapiehoheit ein

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2068 / B-1752 / C-1648

Kanders, Joseph

Kinder- und Jugendärzte kritisieren das Einnahmeverbot von Ritalin und Medikinet an einigen Schulen Deutschlands.

An meiner Schule werden keine Rauschmittel genommen!“ Barsch herrschte der Schulleiter eines Gymnasiums einen seiner Schüler an und verbot ihm, das vom Arzt verordnete Medikament Ritalin während der Schulzeit zu schlucken. Methylphenidat, besser unter den Handelsnamen Ritalin oder Medikinet bekannt, gehört zu jenen Medikamenten, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und nur auf BTM-Rezept verordnet werden dürfen. „Das macht süchtig“, meinte der Schulleiter. Deshalb dulde er die Einnahme solcher Mittel an seiner Schule nicht.
Dass er damit in die Therapiehoheit des behandelnden Arztes eingriff, störte den Pädagogen offenbar wenig. Auch nicht, dass er sich nicht einmal der Mühe unterzog, zunächst mit dem behandelnden Arzt Rücksprache zu halten.
Aufklärung und
Hilfe für Eltern
Nicht wenige Lehrer stehen der medikamentösen Behandlung der Kinder und Jugendlichen, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, skeptisch bis ablehnend gegenüber. „Viele Pädagogen wissen nicht, dass es sich hierbei um eine organische Erkrankung handelt, die auf einen Mangel an Botenstoffen wie Dopamin beruht. Dieser Mangel ist eben nur durch Medikamente zu verbessern“, stellt Dr. med. Jörg Schriever, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin am Kreiskrankenhaus in Mechernich (Eifel), fest. „Wir halten es daher für dringend geboten, mehr über diese Störung des Hirnstoffwechsels aufzuklären und den Eltern von Träumsusen und Zappelphilippen die notwendige Hilfe angedeihen zu lassen“, führt Schriever während der Jahrestagung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands in Karlsruhe aus.
Eindeutig Stellung bezieht auch der Forchheimer Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Klaus Skrodzki: „Wir weisen jeden Vorwurf des leichtsinnigen Umgangs mit dem Rezeptblock zurück.“ Das Medikament sei für die Behandlung von ADHS unverzichtbar und genauso wichtig wie die Brille für das kurzsichtige Kind. Skrodzki hat vor einigen Jahren einen Verein gegründet, der sich um Aufklärung, Fortbildung von Ärzten, aber auch um Informationsabende für Lehrer und Kindergärtnerinnen sowie Elternselbsthilfegruppen kümmert. Inzwischen haben sich der „Arbeitsgemeinschaft Aufmerksam-
keits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“ (AG ADHS) 400 Kinder- und Jugendärzte angeschlossen. Von den 350 000 betroffenen Kindern in Deutschland werden, so Prof. Dr. med. Hermann Schulte-Wissermann (Kinderklinikum Krefeld,) derzeit nicht einmal ein Viertel entsprechend behandelt. In den USA dagegen seien es mittlerweile 80 Prozent. Auch bei den gesetzlichen Krankenkassen müsse mehr Interesse für das Krankheitsbild ADHS geweckt werden Joseph Kanders
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige