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Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2070 / B-1754 / C-1650

Richter, Eva A.

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LNSLNS DÄ: Herr Kempermann, Sie untersuchen die Rolle von neuronalen Stammzellen im erwachsenen Gehirn. Wo sehen Sie die Chancen für die Therapie von neurologischen Erkrankungen?
Kempermann: Die therapeutischen Optionen sind erheblich vielfältiger als sie gegenwärtig diskutiert werden. Naheliegend wäre es in der Tat, adulte Stammzellen zu transplantieren. Prinzipiell hat die autologe Transplantation auch Aussicht auf Erfolg. Deutlich komplexer sind Strategien, die versuchen, das Potenzial der adulten Stammzellen zu erweitern oder schlummernde Potenziale zu wecken. Dazu gibt es eine Vielzahl von ersten Ansätzen. Die kommenden Jahre werden zeigen, was möglich ist.

DÄ: Wenn im erwachsenen Gehirn Stammzellen vorhanden sind, warum muss man diese überhaupt erst entnehmen und dann transplantieren? Kann man ihr regeneratives Potenzial gezielt vor Ort nutzen?
Kempermann: Diese Möglichkeit ist verlockend und wahrscheinlich letztlich nicht utopischer als viele Transplantationsstrategien. Manche Erkrankungen betreffen das Gehirn in so diffuser Weise, dass man bei ihnen gar nicht gezielt transplantieren könnte. Wohin sollte man zum Beispiel beim Morbus Alzheimer oder bei der multiplen Sklerose transplantieren? Es gibt Ideen, hier die Blutbahn zu Hilfe zu nehmen, aber das ist dann wirklich noch Spekulation.

DÄ: In welchem Zeitraum könnten solche Strategien umgesetzt werden?
Kempermann: In Jahren bis Jahrzehnten. Stammzellbasierte Therapien sind Fernziele, was das Gehirn anbelangt, gleichgültig, welche Art von Stammzellen man dabei einsetzen will und wie die Strategie aussieht. Wir sind eindeutig noch in der Phase der Grundlagenforschung.
DÄ: Was sind die Ursachen dafür, dass die neuronalen Stammzellen in einigen Hirnregionen nur ruhen?
Kempermann: Das ist die Kernfrage, mit der wir uns in unserer Forschungsgruppe beschäftigen. Warum werden nur in zwei privilegierten Hirnregionen aus den Stammzellen neue Nervenzellen? Möglicherweise gibt es einen guten Grund, warum das Gehirn die Fähigkeit zur Neurogenese meistens abschaltet. Das würde sich sowohl auf die Nutzung des regenerativen Potenzials der Stammzellen als auch auf die Transplantationsstrategien auswirken. In beiden Fällen müssen sich neue Zellen in eine zelluläre Umgebung integrieren. Wenn diese krank ist, könnte man ein Problem haben. Deshalb untersuchen wir auch, welche Bedeutung neuronale Stammzellen für die normale Funktion des Gehirns und das Entstehen von neuro-psychiatrischen Erkrankungen haben könnten.

DÄ: Wie könnte die Neurogenese im adulten Gehirn beeinflusst werden?
Kempermann: Wir beschäftigen uns mit Aspekten der physiologischen Regulation. Im Hippocampus sehen wir zum Beispiel, dass eine reizreiche Umgebung, Lernvorgänge und sogar so ein allgemeiner Stimulus, beispielsweise körperliche Aktivität, die Neubildung von Nervenzellen fördern. Die Liste der Faktoren mit einer Wirkung auf die adulte Neurogenese wächst rapide; fast jede Woche erscheint eine neue Arbeit. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis
man eine umfassende Theorie ableiten kann. Wir wissen bereits, dass die Regulation adulter Neurogenese vielschichtig und komplex ist. Es gibt keinen Schalter, den man nur einfach umlegen müsste.

DÄ: Die adulte Stammzellforschung ist offensichtlich sehr aussichtsreich. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert sie vorrangig. Würde diese Art der Forschung nicht ausreichen? Muss man auf embryonale oder fetale Stammzellen zurückgreifen?
Kempermann: Zumindest ist die Anwendung embryonaler Stammzellen nicht automatisch aussichtsreicher oder gar eine zwangsläufige Forderung. Ob etwas ausreichend ist, hängt auch davon ab, wie man die Ziele definiert. Ich glaube, dieser Tage werden oft sehr unrealistische Ziele präsentiert. Es ist hochkomplex, sich eine umsetzbare stammzell-basierte Therapie für multiple Sklerose oder Alzheimer auszumalen. Es ist keineswegs sicher, dass Stammzellen überhaupt der Schlüssel zu einer Therapie dieser Erkrankungen sind. Forschung an embryonalen Stammzellen hat in diesem Zusammenhang ihren Stellenwert, man darf sie nur nicht im Kontext einer unmittelbaren therapeutischen Nutzung sehen. Die Frage ist allerdings, wieviel von dieser Grundlagenforschung an menschlichen embryonalen Zellen erfolgen muss.

DÄ: Würden Sie an menschlichen embryonalen Stammzellen forschen?
Kempermann: Da ich mich für die Stammzellbiologie des erwachsenen Gehirns interessiere, habe ich dazu keine Veranlassung. Grundsätzlich meine ich, nicht fallstrickreiche Begriffe wie die Menschenwürde oder diffizile Begriffsbestimmungen wie den Beginn des Lebens heranziehen zu müssen, um überzeugt zu sein, dass ein menschlicher Embryo als potenziell wie Sie und ich in der Welt herumlaufender und handelnder Mensch besonderen Schutz genießen sollte. Ob es Situationen gibt, in denen man in einem Abwägeprozess zu der Überzeugung kommen könnte, diesen Schutz im Interesse höherer Ziele aussetzen zu müssen, will ich nicht kategorisch ausschließen. Fragen: Dr. med. Eva A. Richter
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