ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001Großbritannien: Ärzte enttäuscht und desillusioniert

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Großbritannien: Ärzte enttäuscht und desillusioniert

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2073 / B-1757 / C-1653

Thomas, Kurt

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LNSLNS Der National Health Service (NHS) steckt nach wie vor in der Krise. Fazit des britischen Ärztetages: Entweder geht die Regierung die Probleme im Gesundheitsdienst in dieser Legislaturperiode ernsthaft an, oder tausende Ärzte verlassen in den nächsten zwei Jahren den NHS.

Mehr als vier Jahre lang regiert New Labour unter Premierminister Tony Blair. Im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service) kann von New allerdings nicht die Rede sein. Nirgendwo ist die Enttäuschung in diesen Tagen – kurz nach Labours jüngstem Wahlsieg – deutlicher zu spüren als in der staatlichen Primärmedizin.
Hausarztpraxen fungieren in Großbritannien traditionell als Eingangstor ins Gesundheitswesen. Ganz gleich, ob eine fachärztliche Konsultation, eine Behandlung beim Physiotherapeuten oder eine Operation im Krankenhaus benötigt wird – zunächst muss der Patient zu seinem Hausarzt, um sich von diesem überweisen zu lassen. Es ist nicht verwunderlich, dass die rund 32 000 staatlichen Hausärzte die Stimmung ihrer Patienten besser kennen als jede andere Berufsgruppe.
„Wir Hausärzte stehen täglich an der Front”, fasste ein Teilnehmer der Jahrestagung der British Medical Association (BMA) im Seebad Bournemouth die Lage zusammen. Und die Lage ist nicht gut. Aus der Sicht der britischen Ärzteschaft hat sich auch im fünften Jahr unter der Regierung von Tony Blair nicht viel verändert. Die Wartelisten für fachärztliche und stationäre Behandlungen sind traurige Realität. Hunderttausende Patienten können die dringend benötigte Behandlung nicht erhalten, weil es an Ressourcen fehlt.
In den staatlichen Hausarztpraxen ist die Stimmung dementsprechend schlecht. Verschiedene Teilnehmer an den Debatten in Bournemouth berichteten über täglichen Frust in der Praxis. Patienten lassen ihren Verdruss über die langen Wartezeiten im fachärztlichen Bereich und über die noch immer abenteuerlich schlechte Ausstattung tausender Primärarztpraxen immer häufiger direkt am Arzt oder am Praxispersonal aus. „Ich habe noch nie so viele ärgerliche Patienten in meiner Sprechstunde gehabt wie heute”, berichtet die Londoner NHS-Hausärztin Dr. Sandy Taylor. „Das Problem ist, dass die Erwartungen der Patienten heute höher sind als je zuvor und wir Hausärzte diese Erwartungen unter den derzeitigen Umständen unmöglich erfüllen können.”
Die von Labour versprochenen zusätzlichen Milliardenspritzen für den maroden staatlichen Gesundheitsdienst sind bis heute nicht in den Praxen und Krankenhäusern angekommen. Fragt man im Londoner Regierungsviertel nach dem Verbleib der Gelder, gibt es ausweichende Antworten. „Bilanztricks”, vermutet die Opposition.
Neben ihren finanziellen Forderungen wünschen sich die Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten. Die BMA-Jahrestagung verabschiedete eine Resolution, in der das Ge­sund­heits­mi­nis­terium aufgefordert wird, tausende neue Primärärzte einzustellen, damit der staatliche Hausarzt, anstatt wie heute durchschnittlich sieben Minuten, in Zukunft durchschnittlich 14 Minuten mit jedem Patienten verbringen kann.
„Die tägliche Arbeit in einer Hausarztpraxis gleicht heute mehr einem Fließband-Job”, stellte Dr. Chaand Nagpaul, Allgemeinarzt aus London, während des Ärztetages fest. „Wir wissen aus Befragungen, dass die Patienten die Hälfte dessen, was ihnen der Arzt gesagt hat, vergessen haben, bevor sie das Sprechzimmer verlassen.”
Daher fordert der britische Ärzteverband, der rund 75 000 Mediziner vertritt, die Einstellung zusätzlicher Hausärzte im staatlichen Gesundheitsdienst. Der BMA zufolge sind allein in England „mindestens 10 000 zusätzliche NHS-Hausärzte” notwendig, um die durchschnittliche Dauer eines Arzt-Patienten-Gesprächs von derzeit sieben auf 14 Minuten verlängern zu können.
Ende der Einzelpraxen
Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alan Milburn hat dagegen die Einstellung von „2 000 zusätzlichen Primärärzten innerhalb der nächsten drei Jahre” versprochen. Interessant: Die BMA verlangt vom Londoner Ge­sund­heits­mi­nis­terium Garantien, die den Fortbestand der rund 3 000 NHS-Einzelarztpraxen gewährleisten. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium bereitet dem Ärzteverband zufolge bis 2004 die Abschaffung der Kleinstpraxen vor, da diese als nicht länger zeitgemäß angesehen werden.
Beobachter sehen die geplante Abschaffung von Einzelpraxen im Zusammenhang mit dem mordenden Allgemeinarzt Dr. Harold Shipman aus Manchester. Shipman hatte jahrelang allein praktiziert und während dieser Zeit nachweislich 15 seiner Patienten getötet. Dafür verbüßt er fünfzehnmal lebenslang. Allerdings geht die britische Kriminalpolizei davon aus, dass der Arzt seit den 70er-Jahren mehrere hundert seiner Patienten ermordet hat. Kurt Thomas
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