POLITIK: Die Glosse

Ironie oder Schicksal

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2074 / B-1794 / C-1669

Knoechel-Schiffer, Irene

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS 2.30 Uhr auf der Intensivstation. Der 93-jährige Herr C. ist gerade gestorben. Ich quäle mich mit der Kausalkette für seinen Leichenschauschein, die bei „natürlichem Tod“ aufzuschreiben ist. Was war noch mal?
Vor drei Wochen kam er mit Luftnot und kardialer Dekompensation bei bekannten Kammervitien ins Krankenhaus. Dem Verlegungsbericht ist zu entnehmen, dass er schwierig zu bessern war. Zusätzlich wurde noch eine rektale Blutung entdeckt, die sich als Sigmakarzinom entpuppte. Kurz darauf wurde der Darm reseziert. Der Patient konnte doch allen Skeptikern zum Trotz von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt werden. Vor drei Tagen musste er mit ähnlicher Symptomatik erneut aufgenommen werden. Diesmal war er allerdings beatmungspflichtig. Da er seit gestern stabil war, wieder eine gute Lungenfunktion hatte und das Lungenödem ausgeschwemmt war, hätte er morgen extubiert werden sollen. Dann wäre auch die 96-Stunden-Frist der Beatmung abgelaufen, und das bringt mehr Geld. Aber plötzlich wurde er bradykard, entwickelte eine Asystolie und war tot. Warum nur?
Was schreibe ich in der Kausalkette? – Früher gab es die Diagnose „Altersschwäche“. Das habe ich schon lange nicht mehr gehört. Die gibt es wohl heute nicht mehr. Aber er kann doch nicht einfach so wegsterben, im Krankenhaus, und noch dazu auf der Intensivstation! Ziemlich kachektisch war er schon. Aber es ging ihm doch schon besser. Er ist vor dem Kranken­haus­auf­enthalt noch aufgestanden, und man konnte sich mit ihm unterhalten.
Irgendwo in mir kommt aber auch ein beruhigender Gedanke auf. Wir sind nicht immer Herrscher über Leben und Tod. Es gibt auch andere Einflüsse, denen wir uns nicht bemächtigen können. Er ist gestorben, weil sein Leben vorbei war. Aber was ist in den letzten drei Wochen geschehen? Krankenhaus, Intensivstation, Operation, Intensivstation. Herr C. hat unser Team ganz schön auf Trab gehalten.
Aber das ist gerade der Diskussionspunkt. Die Kranken sichern seit jeher unseren Arbeitsplatz. Im PJ war ich von einem Assistenzarzt begeistert, der so gut therapiert hatte, dass er acht Patienten vor dem Wochenende entlassen konnte. Mir ist die Standpauke seines Chefs wegen acht leerer Betten am Wochenende aber auch noch gut in Erinnerung geblieben.
Wenn wir das Prinzip weiterverfolgen, dass die Krankheit unsere Daseinsberechtigung ist, verstehen wir auch das Prinzip der Diagnosis Related Groups: viel krank, viel Leistung, viel Geld. Dies bedeutet: Wir müssen Patienten noch gründlicher untersuchen. Bei verschiedenen Erkrankungen dürfte es kein Problem sein, mehrere Nebendiagnosen zu finden. Weiterhin helfen uns auch die Normwerte in der Medizin. Setzen wir den Referenzbereich des Blutdrucks um fünf bis zehn mmHg oder den des Blutzuckers um einige mg Prozent herunter, eröffnet sich ein riesiges Patientenkollektiv mit Millionenumsätzen. So wird es zumindest prophezeit. Dr. med. Irene Knoechel-Schiffer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema