ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001Breite Ablehnung aktiver Euthanasie: Was wird getan für die palliativmedizinische Versorgung?

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Breite Ablehnung aktiver Euthanasie: Was wird getan für die palliativmedizinische Versorgung?

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2093 / B-1773 / C-1669

Strohscheer, Imke

zu dem Beitrag Diskussion über Sterbehilfe von Gisela Klinkhammer in Heft 18/2001
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LNSLNS Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass die Legalisierung der Euthanasie in Deutschland durch den Gesetzgeber abgelehnt wird. Ich bin allerdings, als eine der wenigen Palliativmediziner(innen) in Deutschland, immer wieder über die Argumentationsstrategien erstaunt. Wenn angenommen wird, dass in Holland Palliativmedizin eine untergeordnete Rolle spielen würde, wird großzügig darüber hinweggesehen, dass die Situation in Deutschland weit davon entfernt ist, befriedigender zu sein. Die niederländische Regierung hat, nicht zuletzt als Resultat der Euthanasiedebatte, erhebliche Anstrengungen unternommen, Palliativmedizin zu fördern. Neben einer finanziellen Unterstützung wurden an sechs von neun Universitäten palliativmedizinische Zentren eingerichtet. Für derartige Bemühungen gibt es in Deutschland meiner Kenntnis nach keine Signale. Wir sollten uns also davor hüten, eine moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Nicht nur in der Bevölkerung besteht ein Wissensdefizit bezüglich Palliativmedizin. Wie wäre es sonst zu erklären, dass wir jeden Tag in Deutschland vermutlich circa 200 000 unzulänglich behandelte Patienten mit Tumorschmerzen haben? Neben verschiedenen Barrieren für eine gute Schmerztherapie existiert nach wie vor keine etablierte palliativmedizinische Ausbildung. Palliativmedizin wird an einigen deutschen Universitäten in Form von freiwilligen Lehrveranstaltungen durch Engagement einzelner Kollegen unterrichtet (persönliche Mitteilungen). Auch moderne Curricula enthalten diesen Lehrstoff noch nicht. In diesem Zusammenhang möchte ich auch zu der sowohl in der Bevölkerung als auch bei medizinischem Fachpersonal hartnäckig geäußerten Vermutung, eine suffiziente Schmerztherapie oder nötige Sedierung am Lebensende würde billigend eine Lebensverkürzung in Kauf nehmen, Stellung nehmen. Es gibt für diesen Verdacht meiner Kenntnis nach keinen wissenschaftlichen Beleg. In einer im vergangenen Monat publizierten Arbeit (J. Pain Symptom Manage, 2001: 21) konnte gezeigt werden, dass das Überleben in der terminalen Situation durch den Einsatz von Opiaten und Sedativa nicht verkürzt wird. Ich halte diese immer wieder geäußerte Vermutung für problematisch, da sie sicher dazu beiträgt, dass die Hemmschwelle vor dem Einsatz von Opiaten weiter bestehen bleibt. Erstaunt bin ich auch immer wieder darüber, in welch undemokratischer Art von den Verantwortlichen über den offensichtlichen Wunsch breiterer Bevölkerungsmassen nach Euthanasie hinweggegangen wird. Motive für den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe sind in erster Linie die Angst davor, einem Leiden ausgeliefert zu sein, welches nicht mehr kontrollierbar ist, und in zweiter Linie, eine Belastung für die Umgebung zu sein. Diese Motive sind sehr genau zu prüfen. Es ist in der Tat so, dass Menschen, denen eine palliativmedizinische Versorgung zugute kommt, den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe in der Regel nicht mehr äußern. Die Wahrscheinlichkeit allerdings, in Deutschland eine palliativmedizinische Behandlung zu bekommen, ist – nicht zuletzt aufgrund der vorherigen Ausführungen – denkbar gering. Neben einer für Deutschland ungewöhnlich guten Möglichkeit, ambulant durch die so genannten Home-Care-Ärzte versorgt zu werden, verfügt zum Beispiel Berlin mit 3,5 Mio. Einwohnern gerade über 37 Palliativ- (sie sind mangels Kenntnis oft nicht voll belegt) und 31 Hospizbetten. Die Wartezeiten für einen Platz im Hospiz betragen derzeit circa vier Wochen. Nicht nur, dass die Versorgung der Menschen für diese Zeit oft unmöglich ist, viele erleben die Aufnahme nicht mehr. Auch den Hinweis auf die Patientenverfügungen, mit deren Hilfe ein Mensch am Lebensende über medizinische Maßnahmen bestimmen können soll, würde ich angesichts der bekannten Unsicherheiten als unrealistisch-naiv bewerten. Unsere Gesellschaft muss sich fragen lassen, ob sie in der Tat Signale setzt, dass ein kranker, nicht mehr arbeitsfähiger Mensch sich noch lebenswert fühlen darf. Die Gesundheits- und Sozialpolitik der letzten Jahre ging unter anderem auf Kosten dieser Menschen. Die in der Gesundheitsreform angestrebten Veränderungen werden zu einer zusätzlichen Verschlechterung der stationären Versorgung für Menschen mit einer fortgeschrittenen bösartigen Erkrankung führen, ohne dass bisher Bemühungen erkennbar werden, den ambulanten Bereich zu stärken. Im Alltag auf einer (der wenigen universitären) Palliativstation wird von den Patienten und ihren Angehörigen oft der Sorge nach Finanzierung der Leistungen Ausdruck verliehen. So bleibt mir, zum Schluss die Frage an die Bundes­ärzte­kammer und die Bundesregierung zu stellen: Was möchten Sie konkret unternehmen, um die palliativmedizinische Versorgung in Deutschland zu verbessern und so glaubwürdig die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe abzulehnen? Dr. Imke Strohscheer Caspar-Theyß-Straße 25, 14193 Berlin
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