ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001Breite Ablehnung aktiver Euthanasie: Unangenehm – Heuchelei und Opportunismus

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Breite Ablehnung aktiver Euthanasie: Unangenehm – Heuchelei und Opportunismus

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2094 / B-1775 / C-1585

Biron, Gerd

zu dem Beitrag Diskussion über Sterbehilfe von Gisela Klinkhammer in Heft 18/2001
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LNSLNS Die ethische Empörung gegen die niederländische Entscheidung zur aktiven Sterbehilfe wird wieder einmal von Menschen vorgetragen, die von der verzweifelten Qual zersetzender letzter Lebenstage nicht persönlich betroffen sind. Das ist heute wohl so üblich (siehe Rentenreform), wenn es auch den Grundforderungen einer Demokratie nicht entspricht. Auch ist es unredlich, die Problematik der Euthanasie auf das Dritte Reich zu verkürzen. Die Frage ist viel älter. Sogar heute noch wird Euthanasie in vielen Naturvölkern durchgeführt. Ich habe das im Kongo selbst miterlebt. Dabei sollten wir uns sehr hüten, unsere oft scheinheiligen und zweckgebundenen Ethik-Begriffe als überlegen anzusehen. Im selben Blatt liest man dann über die Arbeitssituationen in den Krankenhäusern und deren Folgen für die Patienten. Persönliche Berichte von älteren und alten Menschen über ihre modernen Krankenhauserfahrungen sagen mir, dass viele es eines Tages vorziehen werden, zu Hause mithilfe von wem auch immer sterben zu dürfen, als sich nochmals in eine oft desinteressierte und entwürdigende stationäre Behandlung zu begeben. Der Hinweis auf die Möglichkeit, Maschinenbehandlung zu verweigern, erinnert mich an Scheuklappen. Ich bin 72 Jahre alt, Rentner und nach einem vollen Berufsleben in allen Krankenhausarzt-Positionen gesundheitlich angeschlagen. Während meiner Arbeit gab es zwar das „mobbing“ in der geschilderten Form noch nicht, wohl aber schon die totale Ausbeutung ärztlicher Arbeitskraft, so mit den ununterbrochenen Dauerdiensten, die an den Wochenenden von Freitag früh bis Montagabend ohne jeden Ausgleich geleistet werden mussten. Dieser mit juristischer Billigung vorwiegend administrativ betriebene Missbrauch führte zur Erschöpfung, zum frühzeitigen Ausbrennen und in einigen Fällen zu tödlichen Verläufen. Wir haben uns verzweifelt darum bemüht, unsere Kranken nicht merken zu lassen, wie mies es oft um uns stand. Heute, bei der Prävalenz von Maschinen und Geräten, von Papierkram, juristischer Absicherung und Geldbeschaffung, ist das offenbar nicht mehr immer möglich. Ich jedenfalls möchte in Selbstachtung, Respekt meiner Umgebung und Frieden sterben dürfen, wenn meine Zeit gekommen ist. Meine Gottesvorstellung schließt aus, dass es Gottes Wille sein könnte, Menschen besudelt, gequält, verzweifelt und verlassen verrecken zu lassen, wie das ohnehin schon viel zu oft in Kriegen und bei Katastrophen geschieht. Der Hinweis auf christliche Gebote erscheint mir nun wieder scheinheilig, denn um „Du sollst Dir kein Gottesbildnis machen . . .“, „Du sollst den Namen des Herrn, Deines Gottes, nicht missbrauchen . . .“, „Du sollst nichts Falsches gegen Deinen Nächsten aussagen . . .“, „Du sollst nicht die Ehe brechen . . .“ usw. kümmert sich doch auch kaum jemand aus der ethischen Elite. . . . Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass mir Heuchelei und Opportunismus unangenehm sind. Dr. med. Gerd Biron Taxöldern, Schwandner Weg 10, 92439 Bodenwöhr
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