ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001Weiterbildung: Europa wächst zusammen

THEMEN DER ZEIT

Weiterbildung: Europa wächst zusammen

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2095 / B-1775 / C-1671

Glogner, Peter

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LNSLNS Ärzte können in allen Ländern der Europäischen Union (EU) ihren Beruf ausüben. Allerdings müssen bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllt sein.

Wollen Ärztinnen und Ärzte im EU-Ausland arbeiten, muss gewährleistet sein, dass ihre Weiterbildung derjenigen des Landes gleichwertig ist, in dem sie tätig werden. Nur so erhalten sie Zugang zum Gesundheitssystem des Gastlandes.
Nun wäre es zwar denkbar, dass die EU einheitliche Bestimmungen für die Facharztweiterbildung projektiert. Zu unterschiedlich sind aber die traditionell gewachsenen, in den Mitgliedsstaaten bewährten Systeme, als dass solche Ansätze Realisierungschancen hätten. Überdies ist in Artikel 129 des Maastrichter Vertrages von 1993 verankert, dass die Gestaltung der nationalen Gesundheitssysteme allein in den Händen der Mitgliedsstaaten liegt. An eine Harmonisierung ist nicht gedacht. Die Regelungen der unterschiedlichen Landesgesetze und Verordnungen sind jedoch mittlerweile derart kompliziert, dass eine vollständige Übersicht über die jeweils aktuelle Rechtslage nicht zu erhalten ist.
Eine Annäherung an gemeinsame Integrationsziele wurde durch die kontinuierliche Zusammenarbeit internationaler Ärzte-Organisationen und EU-Politiker möglich. Seit mehr als 25 Jahren bemüht man sich auf EU-Ebene um die wechselseitige Anerkennung medizinischer Qualifikationen und Minimalstandards. Die Ergebnisse sind in die Direktiven 75/362 und 75/363 eingeflossen und durch zahlreiche Ergänzungen modifiziert worden. Seit 1993 (Direktive 16/93 EWG) sind die 15 Mitgliedsländer verpflichtet, gegenseitig ihre medizinischen Basis-Qualifikationen anzuerkennen, sofern Mindestanforderungen erfüllt sind.
Das Comité Permanent (www.CPME.be), gegründet 1959, ist die Dachorganisation aller Verbände auf EU-Ebene, die sich mit Fragen der medizinischen Aus- und Weiterbildung befassen und bemüht sind, gemeinsam die höchsten Standards zu erreichen. Mitglieder sind unter anderem die Union Européenne des Medecins Specialisés (UEMS, www.uems.be) und die Union Européenne des Medecins Omnipractiens (UEMO, www.uemo. org), das Forum der Allgemeinmediziner. Das European Accreditation Council for Continuing Medical Education – ein Zweig der UEMS und über deren Homepage erreichbar – bemüht sich, Weiterbildungsgänge und -inhalte in der EU zu harmonisieren. Für die individuelle Prüfung abgeleisteter Weiterbildungszeiten und -inhalte in einem Gastland sind jedoch die Ärztekammern zuständig, bei denen die Anerkennung beantragt wird.
Die Regelungen über die wechselseitige Anerkennung medizinischer Qualifikationen sind in den letzten Jahren weiter differenziert worden (ECC 97/50, 98/21, 98/21 und 99/46; www.europa. eu.int/scadplus). Im Kern hat man sich im Fach Allgemeinmedizin auf eine Mindestweiterbildungzeit von zwei Jahren geeinigt. Für Spezialgebiete gelten ebenfalls standardisierte Bedingungen. Die Mindestweiterbildungszeiten für die Fachgebiete unterscheiden sich in den Ländern erheblich (Tabelle). Ursachen dafür sind unter anderem die unterschiedliche Dauer des Studiums und dessen Verzahnung mit den Vorqualifikationen (zum Beispiel AiP-Zeit).
1975 berief die EU-Kommission, deren Direktiven Gesetzesrang erhalten, wenn die Parlamente der Mitgliedstaaten sie verabschiedet haben, den Beratenden Ausschuss für Aus-, Weiter- und Fortbildung. Dieser entwickelte beachtliche Aktivitäten, wurde aber jetzt so verkleinert, dass er nur noch Auftragsleistungen erbringen und sich nicht mehr der Qualitätssicherung und Harmonisierung von Regelungen der Mitgliedstaaten widmen kann.
Zahl und Bezeichnung der Gebiete variieren in den Mitgliedstaaten erheblich – von 14 in Belgien bis 150 in Italien. Dazu kommen Zusatzbezeichnungen, Fachkunden, Befähigungsnachweise und Ähnliches. Zwar sind die fachlichen Angebote überall vorhanden, die Zuordnung der Qualifikationen unterhalb der Facharztebene differiert jedoch enorm. Deutschland hat derzeit mit Gebieten, Schwerpunkten, Bereichen und Fachkunden ein relativ kompliziertes System.
Ebenso unterscheiden sich die Träger der ärztlichen Weiterbildung. In England und der Schweiz sind nationale Ärzteverbände private Träger der fachärztlichen Weiterbildung und/oder ihrer Qualitätssicherung – die Royal Colleges und die Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH). Trotz des rechtlich umstrittenen Status – eine staatliche Aufsicht fehlt – gelten diese Systeme als besonders gut. In anderen Staaten sind die Ärztekammern oder Medical Associations für die Weiterbildung verantwortlich (Norwegen, Portugal Griechenland, Deutschland). In Frankreich und Finnland vergeben ausschließlich die Universitäten die Facharztdiplome. In Schweden ist das Ge­sund­heits­mi­nis­terium für Fragen der ärztliche Weiterbildung zuständig.
Gemeinsam ist den EU-Staaten jedoch, dass Ärzte in der Weiterbildung überall einen eigentümlichen Status haben: Sie gelten einerseits als kompetente Ärzte, andererseits als solche, die erst auf dem Weg zum Berufsabschluss sind.
In Allgemeinmedizin sind Unterschiede am größten
Als Weiterbildungseinrichtungen dienen in erster Linie Krankenhäuser, aber auch die Praxen niedergelassener Ärzte oder anerkannte medizinische Institutionen. In vielen EU-Staaten sind die Krankenhäuser alleinige Einrichtung nicht nur zur Facharztweiterbildung, sondern auch zur Beschäftigung von weitergebildeten Klinikärzten.
EU-weit unterscheiden sich die Weiterbildungsgänge für Allgemeinmedizin am stärksten. Je nach politischer Vorgabe für Aufgaben und Kompetenz genügen zwei Jahre ärztlicher Tätigkeit für die allgemeinmedizinische Weiterbildung, oder es muss, wie in Deutschland und Dänemark, eine fünfjährige strukturierte Weiterbildung absolviert werden. Großen Einfluss räumt dem Allgemeinarzt das Primärarztsystem Dänemarks oder der Niederlande ein. Dort muss jeder Patient zunächst seinen Hausarzt aufsuchen, der über eine Facharztkonsultation entscheidet. Nachteilige Folgen dieses Systems sind eine Verknappung der Weiterbildungsstellen, erhebliche Wartezeiten und eine Patientenwanderung in die Nachbarländer. Ob sich die hohen deutschen Ansprüche an das nationale Qualfikationssystem erfüllen, wird erst die Zukunft zeigen. Die überwiegende Zahl der jetzt tätigen Generalisten wurde noch im Rahmen von Übergangsbestimmungen anerkannt.
Europaweit besteht Konsens darüber, dass die gegenseitige Anerkennung einer Weiterbildung in Allgemeinmedizin eine mindestens zweijährige Weiterbildung voraussetzt. Der Vorschlag, diese auf drei Jahre anzuheben, hat sich noch nicht durchgesetzt. Nach europäischem Recht kann sich nun ein in zwei Jahren weitergebildeter Allgemeinarzt überall, auch in Deutschland, niederlassen, obwohl er nationalen Anforderungen nicht genügt. Allerdings muss er sich den lokalen Zulassungsbeschränkungen unterwerfen.
Wer eine ärztliche Weiterbildung im Ausland ableisten will, kann dies dank jahrelanger Arbeit der EU-Behörden und ärztlicher Organisationen tun. Man muss sich nur erfolgreich bewerben und häufig nicht einmal eine Sprachprüfung ablegen. Einer Anerkennung der Qualifikation im Heimatland steht nichts im Wege. Dennoch empfieht es sich, die Ärztekammern des Heimat- und Gastlandes vor Beginn der Weiterbildung zu konsultieren.

Das Literaturverzeichnis ist beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich.

Prof. Dr. med. Peter Glogner
Weiterbildungsausschuss der
Ärztekammer Niedersachsen
Berliner Allee 20, 30175 Hannover
E-Mail: pglogner@t-online.de


Internet-Adressen der europäischen
Institutionen für ärztliche Weiterbildung

Belgien: paul.Dercq@health.fgov.be,
www.socialsecurity.fgov.be
Dänemark: sst@sst.dk, www.sum.dk
Deutschland: cme@baek.dgn.de,
www.bundesaerztekammer.de
Finnland: fma@fimnet.fi
Frankreich: conseil-national@cn.medecin.fr, www.conseil-national.medecin.fr
Griechenland: pisinter@otenet.gr
Island: icemad@icemad.is
Irland: www.rcsi.ie/index.html
Italien: www.sanita.it
Luxemburg: secretariat@ammd.lu, www.santel.lu
Niederlande: www.minvws.nl, bureau@src.knmg.nl
Norwegen: hans.asbjoern.holm@legeforeningen.no,
www.legeforeningen.no
Portugal: ordemmedicos@mail.telepac.pt,
www.ordemmedicos.pt
Spanien: www.msc.es
Schweden: info@sos.se, www.slf.se
Schweiz: info@bag.admin.ch, www.admin.ch/bag/
Großbritannien: www.gmc-org.uk
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1. Aichner J: Mediziner ohne Grenzen. Berufseinstieg und ärztliche Weiterbildung in Europa und Übersee. MPL Bibliothek Medizin, Edition med konkret.
2. Eysenbach G: Medicine and Medical Education in Europe. The Eurodoctor. Thieme Taschenbuch 1998. (www.yi. com/home/EysenbachGunther/medeu-co.htm)
3. Hoppe J D: Ärztliche Arbeit und Zusammenarbeit in Europa. Rede auf dem 103.Deutscher Ärztetag, TOP III
4. Wallner F: Vergleich der Gesundheitssysteme in der Europäischen Union. Broschüre des Presseverlags der Österreichischen Ärztekammer 1998. (www.aek.or.at/ EuStudPPT/systeme.html)

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