ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001St. Cosmas und St. Damian: Aufsehenerregende Wunderheilungen

VARIA: Feuilleton

St. Cosmas und St. Damian: Aufsehenerregende Wunderheilungen

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2124 / B-1801 / C-1696

Zimmer, Heinz-Gerd

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LNSLNS Zwei Heilige sind im
Siegel der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig dargestellt: St. Cosmas (SC) im linken Feld und St. Damian (SD) im rechten Feld. St. Cosmas hält in der rechten Hand ein Buch und in der linken ein
Uringlas, St. Damian hat in der rechten Hand ebenfalls ein Buch und umfasst mit der linken einen Mörserstab oder eine Spatula zur Herstellung der Arznei. Dadurch sind sie mit den Attributen der Gelehrsamkeit, der Diagnostik und der Therapie ausgestattet. Auch im Siegel der tschechischen Ärztekammer sind St. Cosmas und St. Damian dargestellt.
Cosmas und Damian waren Zwillingsbrüder und wurden um 260 n. Chr. geboren. Ihr Vater war bereits den Märtyrertod gestorben. Sie studierten Medizin in Syrien und lebten dann als Ärzte
in Kilikien, Asia minor, im heutigen Süden der Türkei. Ausgehend von Egea zogen sie durch das Land und behandelten unentgeltlich Kranke (1). Sie wurden daher „Aanargyroi“ genannt. Sie starben 303 unter Diokletian den Märtyrertod. Über die Versuche, sie zu töten, gibt es viele Legenden. Einige sind von Fra Angelico (1387–1455) dargestellt worden. So wurden die beiden Heiligen ans Kreuz gebunden, ihre Brüder Antimus, Leontius und Euprepius standen davor. Die Peiniger zielten Steine auf sie und schossen Pfeile ab. Doch diese wurden auf sie zurückgelenkt und trafen sie.
Fast wäre ein Zerwürfnis zwischen den beiden Heiligen noch post mortem manifest geworden. Denn Damian hatte für die Heilung einer reichen und einflussreichen Dame, Palladia, ein kleines Geschenk angenommen, um sie nicht zu brüskieren. Dies wurde von Cosmas als derart schwerwiegender Verstoß gegen das praktizierte Prinzip der kostenfreien Behandlung gewertet, dass er anwies, getrennt von seinem Bruder bestattet zu werden. Daran erinnerte man sich nach der Enthauptung der beiden Heiligen und wollte Cosmas in einem eigenen Grab bestatten. Doch plötzlich erschien ein Kamel und sagte mit menschlicher Stimme, dass sie nicht getrennt bestattet werden sollten, da beide die gleichen Verdienste hätten.
Aus der Verehrung der beiden Heiligen und aus dem Glauben an ihre Wunder entwickelte sich die Idee der Transplantation. Wie sich in der Antike Kranke in den Tempel des Äskulap begaben, so verbrachten auch die Kranken in frühchristlicher Zeit eine Nacht in der Kirche, die den Heiligen gewidmet war. So auch der Küster der Basilika in Rom, die St. Cosmas und St. Damian geweiht war. Er träumte, dass die beiden Heiligen zu ihm kämen, sein krankes Bein abnähmen und es durch das Bein eines ägyptischen Mohren, der kurz zuvor gestorben war, ersetzten. Am nächsten Morgen ging er mit anderen Gläubigen zu dem Grab des Mohren und sah, dass sein amputiertes krankes Bein neben ihm lag.
Diese Geschichte ist von zahlreichen Malern dargestellt worden, zum Beispiel von Fra Angelico im Kloster San Marco in Florenz (2). Auf dem Tafelbild um 1500 haben die beiden Ärzte gerade das gangränöse Bein amputiert, das am Boden liegt. Der Patient scheint ruhig zu schlafen. Der eine Heilige löst die mit einem Tuch erzeugte Abbindung zur Unterbrechung der Durchblutung. Der andere hält behutsam das transplantierte schwarze Bein und beobachtet aufmerksam und gespannt die Durchblutung des Transplantates. Die Szene wird von drei Engeln eingerahmt, die die Funktion von Operationsschwestern übernommen haben. Die Idee und die bildliche Darstellung einer Transplantation entstanden in Mitteleuropa also schon recht früh. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Organtransplantationen im Tierversuch realisiert (7,8). Voraussetzung hierfür war der Nachweis, dass aus dem Organismus entnommene Organe durch Perfusion mit geeigneten Lösungen vital erhalten werden können (3-6).
Beim Menschen wurden ab Mitte des 20. Jahrhunderts Organe transplantiert (9-13). Interessanterweise wurde die erste Transplantation einer Hand erst 1998 vorgenommen (14). Das Wunder von St. Cosmas und St. Damian, die Transplantation eines Beines, ist bis heute noch nicht realisiert worden. Angesichts der aufsehenerregenden Wunderheilungen ist es nicht erstaunlich, dass Cosmas und Damian bald nach ihrem Tod heilig gesprochen wurden. Nach der Anerkennung des christlichen Glaubens unter Kaiser Konstantin errichtete man über ihrem Grab in Killiz, Syrien, eine Kirche. In seiner Regierungszeit 527 bis 565 ließ der oströmische Kaiser Justitian zu Ehren dieser beiden Heiligen eine große Basilika in der Hauptstadt Konstantinopel errichten, da er glaubte, durch ihre Hilfe von einer schweren Krankheit geheilt worden zu sein. In der römischen Stadtkirche wurden die beiden Heiligen schon im 4. Jahrhundert in den Kanon der Heiligen Messe aufgenommen. Papst Felix IV. (526–530) ließ ihnen zu Ehren in unmittelbarer Nähe des Forums die Basilika „SS. Cosmas e Daminano“ erbauen. Das Mosaik in der Apsis stellt die beiden Heiligen dar. Die Beulenpest, die um das Jahr 600 Italien heimsuchte, führte zu Bittprozessionen und machte die Verehrung der heiligen Ärzte in Italien populär.
Vermutlich durch benediktinische Mönche kam die Verehrung dieser Heiligen nach Deutschland. Karl der Große soll dem ersten Bischof von Bremen, Adaldag, die Reliquien von Cosmas und Damian zur Ausstattung seiner Kathedrale geschenkt haben. Sie wurden in die Mauer des Domes eingelassen, wo sie zum Vorschein kamen, als 1334 ein Teil dieser Mauer einstürzte. Um 1400 ließ der Domherr Polam Hemeling d. J. für die Gebeine einen Schrein anfertigen, der im Mittelschiff des Domes aufgestellt wurde. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erwarb Kurfürst Maximilian I. den Reliquienschrein und ließ ihn nach München überführen. 1649 wurde der Schrein in einer feierlichen Prozession in die St. Michaelskirche übertragen.

Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. Heinz-Gerd Zimmer
Carl-Ludwig-Institut für Physiologie
Universität Leipzig
Liebigstraße 27
04103 Leipzig
E-Mail: zimmer@medizin.uni-leipzig.de
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