ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2001Alberto Giacometti: Zum Hinsehen zwingen

VARIA: Feuilleton

Alberto Giacometti: Zum Hinsehen zwingen

Dtsch Arztebl 2001; 98(33): A-2125 / B-1802 / C-1697

Lange, Joachim

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LNSLNS In Zürich wird die unverwechselbare Skulpturenwelt des Bildhauers mit frühen Plastiken konfrontiert. Die Schweizer wissen, was sie ihrem wohl bedeutendsten Bildhauer schuldig sind. Die 100-Franken-Scheine der Schweizerischen Nationalbank sind ihm gewidmet. Der Schreitende, eine der spindeldürren, stelenartigen Menschenskulpturen, die Alberto Giacomettis reifen Stil ab 1947 prägen, die sind sein Markenzeichen geworden. Auf der anderen Seite der Banknote ist ein Porträt des Künstlers abgebildet. Sein Blick: zwingend, fragend und auch zweifelnd. Sein Leben (er starb 1966) erfüllt, vor allem in den Jahrzehnten in denen er in Paris lebte, alle Künstlerklischees: Seiner inneren Berufung verpflichtet, rücksichtslos gegen sich selbst und oft auch gegen seine Umgebung. Vieles Geschaffene immer wieder verwerfend. Der Bruder Diego in seiner Nähe ist nicht nur häufig Modell, sondern rettet manches, die Mutter in der Schweiz, der er es auch recht machen will, und der seine Plastiken, die ihm den Weltruhm bringen, immer wieder zu dünn sind. In Zürich wird die unverwechselbare Skulpturenwelt mit frühen kubistischen und erstmals nahezu komplett auch mit seinen surrealistischen Plastiken konfrontiert. In der exzellent arrangierten Werkschau, die im Kunsthaus Zürich ihre Pforten geöffnet hat, bilden die typischen Giacometti-Skulpturen in einem weiten Raum das Zentrum, sie liefern einen gut inszenierten Aha-Effekt nach einer spannenden Wanderung entlang des Weges dorthin. Die Ausstellung zeigt seine ersten realistischen Skizzen und Porträts, die kubistischen Kompositionen aus den 20er-Jahren, die gemalten und modellierten Porträts der Eltern und den in seiner fast quadratischen Form äußerst re-duzierten „Blickenden Kopf“ (1928). Zu sehen sind außerdem die räumlich aufbrechenden, surrealistischen Konstruktionen mit dem „Palast um vier Uhr früh“ aus dem Jahr 1932. Ganz gleich in welcher Schaffensperiode – immer wieder verblüfft das Spannungsverhältnis seiner Figuren mit dem sie umgebenden Raum. Giacomettis Schreitende wirken auch als Kleinstplastik riesig, wenn sie auf einem wuchtigen Sockel präsentiert werden. Abgerundet wird diese große Retrospektive, die gemeinsam mit dem Museum of Modern Art in New York zusammengestellt wurde und 90 Skulpturen, 40 Gemälde sowie 60 Zeichnungen präsentiert, durch eine Ausstellung von Fotos aus dem Leben dieses Graubündner Weltkünstlers, der zu neuem Hinsehen zwingt. Dr. Joachim Lange Grande tête, 1960, Bronze, 95,3 x 30 x 33 cm, Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint-Paul Die Ausstellung „100 Jahre Alberto Giacometti“ ist bis 2. September im Kunsthaus Zürich zu sehen. Internet: www.kunsthaus.ch
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