ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1996Vier Jahre Weiterbildung: Eine kritische Zwischenbilanz

POLITIK: Kommentar

Vier Jahre Weiterbildung: Eine kritische Zwischenbilanz

Hoppe, Jörg-Dietrich

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LNSLNS In Europa wird die Novelle der Weiter­bildungs­ordnung des 95. Deutschen Ärztetages von 1992 als die fortschrittlichste und modernste angesehen und von einigen Ländern sogar als Vorbild genommen. In Deutschland ist das Urteil nach vier Jahren und nach Umsetzung in geltendes Recht in den meisten Lan­des­ärz­te­kam­mern allerdings durchaus zwiespältig.


Die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung aus dem Jahre 1992 ist besonders gekennzeichnet durch die Einführung zusätzlicher Möglichkeiten, eine spezialärztliche Qualifikation zu erwerben. Zu den klassischen Instrumenten wie Facharztbezeichnungen, Teilgebietsbezeichnungen und Zusatzbezeichnungen sind nicht führungsfähige Qualifikations-Zertifikate wie die fakultativen Weiterbildungen in Fächern und Fachkunden hinzugekommen. Die Zahl der Fachgebiete ist von bis dahin 29 auf 41 erweitert worden, wobei allerdings die Zahl der echten Neueinführungen wesentlich geringer ist, da existierende Gebiete aufgeteilt wurden, Zusatzbezeichnungen in Gebietsbezeichnungen umgewandelt oder Gebietsbezeichnungen aus der früheren DDR-Facharztordnung in die nunmehr gemeinsame Weiter­bildungs­ordnung der alten und der neuen Länder übernommen wurden. Hierzu sei in Erinnerung gerufen, daß die Ärztekammern der Bundesrepublik Deutschland aufgrund der Gesetzeslage verpflichtet sind, Arztbezeichnungen einzuführen, wenn dies im Hinblick auf die wissenschaftliche Entwicklung und eine angemessene Versorgung der Bevölkerung erforderlich ist. Der 95. Deutsche Ärztetag 1992 hat gründlich diskutiert, ob man dieser gesetzlichen Vorgabe sehr restriktiv oder vorausschauend und damit ausdifferenzierend folgen soll. Er hat dabei auch die Konsequenzen für die "Anwender" der Weiter­bildungs­ordnung, also die zur Weiterbildung Befugten, die Weiterbildungswilligen und die Administrationen der Ärztekammern, mitbedacht. Nach nunmehr vier Jahren beurteilen manche die Beschlüsse von 1992 als zu kompliziert, weil überreguliert. Es handelt sich hier nicht um eine allgemeine Einschätzung aller an der Entwicklung der zweiundneunziger Novelle Beteiligten, aber um durchaus gewichtige Stimmen aus dem Kreise der Weiterbildungswilligen und der Verwaltungen der Ärztekammern. Folgende Faktoren dürften die gegenwärtige Lage kennzeichnen:
l Gesetzliche Restriktionen bei der Niederlassung - Im Mai 1992 hat niemand vorausgesehen, daß schon wenige Monate später nur noch Fachärzte in die vertragsärztliche Versorgung aufgenommen werden dürften und nach einer kurzen Übergangszeit eine Bedarfsplanung im ambulanten vertragsärztlichen Sektor gelten würde, die die Niederlassung in der vertragsärztlichen Praxis drastisch reduzieren würde.
l Überhang an ausgebildeten Ärzten - Dadurch und durch die nur unwesentlich rückläufige Zahl von Studienabsolventen hat sich die Arbeitsmarktsituation für den ärztlichen Nachwuchs seit 1993 erheblich verschlechtert.
l Fehlinterpretation der Intentionen der Weiterbildungs-Novelle - Der Sinn der Einführung von fakultativen Weiterbildungen und Fachkunden, nämlich die Weiterbildung zum Erwerb der eigentlichen Gebietsbezeichnungen von Hürden und Engpässen zu befreien und in gesonderte, nicht von jedem Weiterbildungswilligen zu absolvierende zusätzliche Weiterbildungsgänge zu verlagern, wurde ins Gegenteil verkehrt. Es hat sich die Meinung verbreitet, jede gebietsassoziierte fakultative Weiterbildung und Fachkunde gehöre zur "Komplettierung" der Facharztweiterbildung. l Mißbrauch der Weiterbildung als innerorganisatorisches Machtinstrument - Manche Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung verstehen die Vorschriften der zweiundneunziger Novelle als eine Verstärkung der Macht der zur Weiterbildung Befugten, also in der Regel der Leitenden Ärztinnen und Ärzte, welche diese in vielen Fällen in Herrschaftsmanier mißbrauchten.
l Wirkungen auf andere Rechtsbereiche - Durch die Bedeutung des ärztlichen Berufsrechts, auch für das Sozialrecht, spielt die Weiter­bildungs­ordnung eine immer größere Rolle bei Auslegungsfragen der Vergütungsordnungen für Ärzte, was die Gestaltung und die Administration nicht gerade erleichtert. Als Ausweg wird unter anderem vorgeschlagen, die Weiterbildung zu deregulieren und ihre heutigen Funktionen in andere Regelungskreise zu verlagern oder auf diese oder jene gar zu verzichten. Wie sollten wir mit diesen Forderungen umgehen?
Die frühere - erstmals 1924 eingeführte - Facharztordnung und heutige Weiter­bildungs­ordnung hat bis heute folgende Funktionen: 1. Eine Bildungsordnung
2. Eine Schilder-(= Werbe-)Ordnung
3. Eine mittelbare Honorarverteilungswirkung
4. Eine Beeinflussung der Strukturen des ärztlichen Dienstes an den Weiterbildungsstätten, überwiegend also an den Krankenhäusern
5. Dadurch eine Beeinflussung des ärztlichen Arbeitsmarktes
6. Eine Dokumentation ärztlicher Dienstleistungsangebote gegenüber der Öffentlichkeit.
Die hieraus abzuleitende faktische Funktion einer "Arbeitsteilungs- oder Berufsausübungsregelungsordnung" wird angesichts der Tatsache, daß zukünftig in unserem sozialen Sicherungssystem nur noch Fachärztinnen und Fachärzte tätig werden können, immer bedeutungsvoller.
Da der ordnungspolitische Regelungsbedarf unbestritten ist, kann die gegenwärtige Weiter­bildungs­ordnung aufgrund ihrer Regelungsleistung weder vollständig zurückgefahren noch ersatzlos aufgegeben werden, ohne daß andere sich dieser Aufgabe annähmen. Denn jede Substitution würde entweder überhaupt nicht mehr oder nicht mehr allein in der ärztlichen Selbstverwaltung gestaltet werden, sondern durch andere am politischen und rechtlichen Geschehen im Gesundheitswesen Beteiligte vorgenommen. Daß mit dem Gesundheitsstrukturgesetz von 1993 erstmalig ärztliche berufliche Qualifizierungen in das Sozialrecht eingeführt wurden, muß für die ärztliche Selbstverwaltung ein Alarmzeichen sein. Wenn bei der Umsetzung und Anwendung der Weiter­bildungs­ordnung heute Probleme entstehen, müssen die Ordnung selber und die Rahmenbedingungen untersucht werden, unter denen Weiterbildung stattfindet beziehungsweise administriert wird. In beiden Bereichen muß nach möglichen Anpassungen gesucht werden, um für die Betroffenen die Situation zu erleichtern.
Die größten Probleme schafft das sich stetig vermindernde Arbeitsplatzangebot in den Weiterbildungsstätten als Folge des in Krankenhaus und Praxis vorzuhaltenden sogenannten Facharztstandards bei der Patientenbetreuung und der faktischen sukzessiven Rückführung finanzieller Ressourcen vor allem im Personalbereich. Traditionell ist ärztliche Weiterbildung learning by doing, und zwar im Rahmen der Erbringung ärztlicher Leistungen auf einem planmäßigen Arbeitsplatz. 1977 haben wir auf dem 80. Deutschen Ärztetag in Saarbrücken darauf hingewiesen, daß sich ab der zweiten Jahreshälfte 1983 der Arbeitsmarkt für Ärzte wandeln wird: von einem Überangebot an Arbeitsplätzen zu einer Übernachfrage. So ist es auch eingetroffen. Das hat zu mehr oder weniger vertretbaren Arbeitsplatzteilungen und sogenannten Gastarzttätigkeiten geführt, mit oder ohne Drittmittelfinanzierungen. Diese echten oder virtuellen Reserven sind nunmehr aufgebraucht, der Arbeitsmarkt für weiterbildungswillige Ärztinnen und Ärzte ist weitgehend zusammengebrochen. Andererseits werden wir unverändert zur Versorgung der Bevölkerung Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin und in der spezialisierten Medizin brauchen, so daß Weiterbildung im Sinne der Sicherung der Strukturqualität ärztlicher Versorgung unvermindert stattfinden muß. Die Forderung nach einer weitgehenden Auflösung der Strukturierungsleistung der Weiter­bildungs­ordnung ist identisch mit einer Verminderung der Strukturqualität, so daß nur vorsichtige Anpassungen in Frage kommen. Angesichts des raschen Fortschrittes der medizinischen Wissenschaft und im Hinblick auf die Versorgungsqualität der Bevölkerung sind weder abrupte Änderungen der bestehenden Weiter­bildungs­ordnung in Philosophie und Ausprägung noch eine ersatzlose Aufgabe akzeptabel.
Sehr wohl zu diskutieren ist, ob die tradierte Form der arbeitsplatzbezogenen Weiterbildung unverändert beibehalten werden kann. Zu fragen ist, ob
1 Weiterbildungsressourcen
nicht durch zusätzliche finanzielle Mittel erschlossen werden müssen, wenn nicht mehr nur die ärztliche Approbation, sondern der Erwerb einer Gebietsbezeichnung als Voraussetzung für eine dauerhafte ärztliche Tätigkeit in unserem sozialen Sicherungssystem durchgesetzt worden und Rechtsprechung geworden ist, und 1 nicht-arbeitsplatzgebundene
Weiterbildungsmaßnahmen als Substitution herangezogen werden können, wie zum Beispiel Kursweiterbildungen, Angebote der modernen Telemedizin usw., und 1 unter Beachtung der Regeln der Europäischen Union die Qualifikationsnachweise für den Erwerb der Erlaubnis zur Führung einer Gebietsbezeichnung modifiziert werden können, um Spielräume für zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen zu gewinnen, also zu einer Flexibilisierung der Weiterbildung zu gelangen, und
1 die Erfolgsüberprüfungen bei der Anerkennung von Qualifikationen zur Führung von Bezeichnungen von den Zeugnissen der Weiterbildungsbefugten mehr in die Abschlußprüfung verlagert werden können, indem mündliche und gegebenenfalls auch praktische Elemente ausgebaut werden.
Unabhängig davon sind entsprechend dem Auftrag der Heilberufsgesetze der Länder fortlaufende Überprüfungen notwendig, ob die wissenschaftliche Entwicklung der Medizin und die angemessene Versorgung der Bevölkerung die Einführung oder auch die Abschaffung von Bezeichnungen erforderlich machen.
Die Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer sind sich der Probleme bewußt und bestrebt, eine sorgfältige und vorsichtige Fortentwicklung der Weiter­bildungs­ordnung zu erreichen, die alle angesprochenen Aspekte berücksichtigt. Sie werden aber auch Fehlentwicklungen und "unbeabsichtigte Folgen" im Blick halten.
Es führt jedoch kein Weg daran vorbei, daß gerade mit Hilfe der Weiter­bildungs­ordnung das Gelingen einer erfolgreichen arbeitsteiligen Kooperation von Ärztinnen und Ärzten bei der Versorgung der Bevölkerung durch die ärztliche Selbstverwaltung gestaltet und geregelt werden muß.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe
Vizepräsident der
Bundes­ärzte­kammer
Tersteegenstraße 31
40474 Düsseldorf

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