ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1996In USA werden Reihenuntersuchungen empfohlen: Chlamydieninfektionen bleiben oft unerkannt

POLITIK: Medizinreport

In USA werden Reihenuntersuchungen empfohlen: Chlamydieninfektionen bleiben oft unerkannt

Simm, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Mängel bei der Diagnose von Chlamydieninfektionen führen dazu, daß ein Großteil aller Infizierten nicht erkannt wird, kritisierte kürzlich Prof. Eiko Petersen auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre klinische Medizin in Frankfurt. Einer aktuellen Erhebung zufolge sind die bakteriellen Erreger der Geschlechtskrankheit in Deutschland bei etwa 3,7 Prozent aller Männer und 2,8 Prozent der Frauen im Erststrahlurin nachweisbar, erklärte der Leiter der Poliklinik der UniversitätsFrauenklinik Freiburg. Die bei etwa jedem zehnten Patienten auftretenden Folgeerkrankungen - wie Eileiterschwangerschaften, Infertilität und Arthritis - ließen sich jedoch weitgehend vermeiden, wenn bei sexuell aktiven, jungen Frauen und deren Partnern Reihenuntersuchungen mit einem molekulargenetischen Nachweisverfahren eingeführt würden.Zwar ist seit dem vergangenen Jahr ein Screening im Rahmen der Mutterschaftsvorsorgeuntersuchungen vorgesehen, doch hätten die von den Krankenkassen erstatteten Schnelltests und Enzymtests nur eine Spezifität von 50 beziehungsweise 70 Prozent. Gefordert seien statt dessen moderne labordiagnostische Methoden wie der Ligase-Kettenreaktionstest, mit dem sich "praktisch 100 Prozent erreichen lassen". Die Kosten dafür bezifferte Petersen mit 50 bis 100 Mark gegenüber 15 Mark für einen Schnelltest und 25 Mark für einen Enzymtest. Außerdem kritisierte Petersen den seiner Meinung nach zu späten Zeitpunkt der Untersuchung: "Im Grunde sind Schwangere zehn Jahre zu alt für ein Screening."Der Gynäkologe empfiehlt statt dessen, diese Maßnahme bei Frauen zwischen 15 und 25 Jahren nach ei-nem Partnerwechsel durchzuführen, außerdem bei Blutungsstörungen und einer Cervicitis. Wenn die Untersuchung keinen Befund ergibt, sollte auch der Partner untersucht werden. Dies sei durch die neuen Urin-basierten Testsysteme vertretbar, die einen Abstrich verzichtbar machen.


Frühzeitiger Nachweis
Die Dringlichkeit derartiger Empfehlungen belegt jetzt eine Untersuchung des Center for Health Studies im amerikanischen Seattle und der University of Washington (New England Journal of Medicine, Band 334, S. 1362). In der randomisierten, kontrollierten Studie an 2 607 Frauen mit erhöhtem Risiko für Chlamydieninfektionen konnte der Nutzen eines Screenings eindeutig nachgewiesen werden: Gegenüber der Kontrollgruppe sank die Häufigkeit von Entzündungen des Beckenraumes in der Screeninggruppe innerhalb eines Jahres um 56 Prozent. "Damit haben wir den bisher direktesten Beweis dafür erbracht, daß der frühzeitige Nachweis und die Behandlung asymptomatischer Chlamydieninfektionen die Häufigkeit von Beckenraumentzündungen reduzieren kann", kommentierte Studienleiter Walter F. Stamm. Auf einem Workshop des US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda waren Forschungsergebnisse vorgestellt worden, wonach bis zu 40 Prozent aller unbehandelten Chlamydieninfektionen Entzündungen der Gebärmutterschleimhaut, der Eileiter sowie der umgebenden Strukturen hervorrufen.In einem begleitenden Kommentar bezeichneten Vertreter des Center for Disease Control (CDC) in Atlanta die neue Studie daher als einen "Meilenstein". Immerhin führten symptomatische Beckenraumentzündungen in jedem fünften Fall zur Infertilität oder zu chronischen Schmerzen sowie - bei jeder zehnten Patientin - zu ektopischen Schwangerschaften.Auch ökonomische Aspekte sprechen demnach für ein Screening. In den USA stünden den geschätzten jährlichen Kosten für ein nationales Verhütungsprogramm von 175 Millionen Dollar durch Chlamydien verursachte Schäden in Höhe von 2,4 Milliarden Dollar gegenüber. "Ein Screening auf Chlamydien sollte für junge, sexuell aktive Frauen zur Norm werden", erläuterte CDC-Mitarbeiterin Dr. Judith N. Wasserheit den offiziellen Standpunkt ihrer Behörde, der auch von der American Medical Association und der Preventive Services Task Force unterstützt wird.Die in Frankfurt tagenden Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre klinische Medizin konnten sich laut ihres Präsidenten Professor Hellmuth Kleinsorge (Gießen) bisher nicht auf eine offizielle Empfehlung einigen.
Michael Simm

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote