ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/200147. Konsultativtagung: Blick über den Tellerrand

POLITIK

47. Konsultativtagung: Blick über den Tellerrand

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2153 / B-1829 / C-1721

Korzilius, Heike

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LNSLNS Vertreter der deutschsprachigen Ärztekammern haben sich in Bozen für eine verstärkte Zusammenarbeit unter anderem auf dem Gebiet der ärztlichen Fortbildung ausgesprochen.


Die Treffen haben Tradition. Zum 47. Mal versammelten sich Mitte Juli Vertreter der deutschsprachigen Ärztekammern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aus Luxemburg und Südtirol, um sich über die gesundheitspolitischen Entwicklungen in ihren Ländern zu informieren und Möglichkeiten einer verstärkten Zusammenarbeit zu diskutieren. Nach dem Willen der Ständigen Arbeitsgruppe Fort- und Weiterbildung sollte vor allem die Kooperation bei der ärztlichen Fortbildung ausgebaut werden. Dazu gehöre, dass die Ärztekammern der beteiligten Länder wechselseitig ihre Fortbildungssysteme anerkennen. Darüber hinaus regte die Gruppe an, die Kammern sollten sich gegenseitig über akkreditierte und abgelehnte Fortbildungsveranstalter informieren. Nur so eröffne sich für die Ärztinnen und Ärzte der Teilnehmerstaaten ein grenzüberschreitender Zugang zu qualitätsgesicherter Fortbildung.
Umweltbelastungen
Neben der Berufspolitik beschäftigte sich die diesjährige Konsultativtagung auch mit den gesundheitlichen Folgen von Handy-Nutzung und Klimaerwärmung. Die Arbeitsgruppe „Gesundheit und Umwelt“ zeigte sich insbesondere besorgt darüber, dass immer mehr Kinder und Jugendliche immer häufiger zum Handy greifen. Trotz der unübersehbaren Vorteile des Mobilfunks dürfe man mögliche Gefahren durch elektromagnetische Strahlung nicht vernachlässigen. Kinder und Jugendliche seien davon besonders betroffen, weil sie beim Telefonieren mit dem Handy mehr Strahlung aufnähmen als Erwachsene und generell empfindlicher seien. Als mögliche Gesundheitsgefahren werden derzeit Veränderungen von Membran-, Rezeptor- und Chromosomeneigenschaften, von Signalübertragung, Gehirntätigkeit, Reaktionszeiten, Schlafmustern und Befindlichkeit sowie die Tumorpromotion diskutiert. Vor diesem Hintergrund hat die Arbeitsgruppe „Gesundheit und Umwelt“ empfohlen, dass Kinder und Jugendliche Mobiltelefone nur für wichtige Gespräche nutzen und diese möglichst kurz halten sollten. An die Adresse der Regierungen richtete sich die Forderung, die Bevölkerung über mögliche Risiken zu informieren und entsprechende wissenschaftliche Studien zu fördern. Zwar liegen noch keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über die Gefahren der Handy-Nutzung vor – auf EU-Ebene laufen dazu große Studien –, der Präsident der Ärztekammer Südtirol, Dr. Klaus Widmann, begründete dennoch das Engagement der Ärzte: „Wir haben auch die Aufgabe auf mögliche Gefahren hinzuweisen. Bis Beweise auf dem Tisch liegen, ist es oft zu spät.“
Besorgt äußerte sich die Arbeitsgruppe auch über die gesundheitlichen Folgen der Klimaerwärmung, die vorwiegend auf den zunehmenden CO2-Ausstoß zurückzuführen sei. Die Experten rechnen unter anderem mit einer Zunahme von Infektionskrankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber auch in gemäßigten Klimazonen. Es bedürfe drastischer Maßnahmen, um das Protokoll von Kyoto, das eine Senkung des CO2-Ausstoßes um fünf Prozent bis zum Jahr 2012 vorsieht, erfüllen zu können. Dazu der Referent der Arbeitsgruppe, Dr. Bernhard Rüetschi, von
der Schweizer Ärztekammer: „Besseres Wissen müsste zu konsequenterem Handeln führen.“ Im Sinne der Prävention sollte sich auch die Ärzteschaft bei diesem Thema mehr engagieren.
Mehr gemeinsames Engagement forderte Dr. med. Ulrich Oesingmann, Präsident des Bundesverbandes der Freien Berufe, auch mit Blick auf die Berufspolitik: „Wir müssen uns organisieren, um in einem erweiterten Europa die Interessen der Freien Berufe vertreten zu können“, sagte Oesingmann. „Davon wird es abhängen, ob wir Ärzte bleiben oder Gesundheitsmechaniker werden.“ Die EU-Kommission sehe die Arztpraxen als kleine und mittlere Betriebe ohne besonderen Status. Dabei erbringe der Arzt Dienstleistungen besonderer Art, deren Basis das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient sei. „Der Arztberuf ist kein Gewerbe“, betonte Oesingmann. Man müsse sich jetzt gemeinsam gegen zunehmende bürokratische Gängelung und das Beschneiden beruflicher Freiheiten wehren.
Allenthalben Sparpolitik
An einem Punkt war es allerdings nicht nötig, Gemeinsamkeiten zu beschwören: In den meisten Gesundheitssystemen ist Sparen angesagt. Mit einem Defizit von drei Milliarden Schilling bei der Kran­ken­ver­siche­rung und einer Regierung, die nicht bereit ist, die Beiträge zu erhöhen, schlagen sich die Österreicher mit ähnlichen Problemen herum wie die Deutschen. Auch ein Sprecher der Schweizer Ärztekammer diagnostizierte „komplexe Probleme im Gesundheitswesen“. Dort mussten erst kürzlich die Kran­ken­ver­siche­rungsbeiträge um sechs Prozent erhöht werden. Das größte Problem für die Schweizer Ärzte stellt aber zurzeit die drohende Abschaffung des Kontrahierungszwangs dar, das heißt, die Kassen können sich künftig die Ärzte aussuchen, mit denen sie Verträge schließen. Einen enormen Machtzuwachs für die Kassen, die Gefahr der Bürokratisierung und der Nivellierung der Medizin nach unten befürchtet die Schweizer Ärztekammer. Beneidenswert sind derzeit die Luxemburger. „Unsere Sozialversicherung schwimmt im Geld“, sagte Dr. Daniel Mart. Streit gibt es trotzdem: um die Verteilung.
Heike Korzilius
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