ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Frankreich: Ärzte vor Gericht

POLITIK

Frankreich: Ärzte vor Gericht

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2154 / B-1831 / C-1635

Hermann, Joseph

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LNSLNS Immer häufiger bemühen Patienten die Gerichte, wenn ihre Behandlung nicht erfolgreich verlaufen ist.

Praktische Ärzte, vor allem aber Fachärzte stehen in Frankreich häufiger vor Gericht. Die Tendenz, den Arzt zu verklagen, wenn die Behandlung nicht erfolgreich war, hat vor allem bei den Chirurgen dazu geführt, dass sie manchmal zögern, operative Eingriffe vorzunehmen, die sich als riskant erweisen könnten. Das geschieht auch in Fällen, in denen der Patient zuvor seine Zustimmung erteilt hat. Das verhindert häufig nicht, dass dem Arzt nach einem negativen Resultat vorgeworfen wird, der Patient sei zum Zeitpunkt seiner Einwilligung nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen.
Die Mehrzahl der Konflikte entsteht, weil sich die Patienten zu wenig über die Risiken einer Therapie informiert fühlen. Vor Gericht wird oft erklärt, man hätte die Behandlung verweigert, wäre man vorher informiert worden. Aber zahlreiche Ärzte fragen sich, was geschieht, wenn sie ihre Patienten über alle Risiken aufklären und dieser die einzig mögliche Therapie ablehnt.
Großbritannien und USA keine Vorbilder
Prof. Jacques Montagut, Direktor des nationalen Ethik-Komitees in Toulouse, erklärt: „Ich bin nicht für die Methode, die in Großbritannien und in den USA den Arzt anhält, die Patienten ausführlich zu informieren, ohne vor allem die psychologischen Auswirkungen zu beachten. Die Aussprache zwischen Arzt und Patient ist wesentlich, aber es gibt Informationen, zum Beispiel bei der Krebsbehandlung, die schwierig zu definieren sind.“ Prof. Jacques Puel, Chefarzt der Abteilung für Kardiologie im Krankenhaus von Toulouse, sagt: „Die Ärzte haben genug von dieser Situation. Wir spielen ein Spiel, in dem es mehr Schiedsrichter als Spieler gibt. Es wird bald keinen Arzt mehr geben, der bereit ist, Kranken zu helfen, wenn seine Arbeit von Leuten kontrolliert wird, die mit Medizin nichts zu tun haben.“ Erst kürzlich hat der Staatsrat verfügt, dass Krankenhausärzte künftig angehalten sind, ihre Patienten über therapeutische Risiken zu informieren, auch wenn diese gering sind. Hier stellt sich aber die Frage: Inwieweit vertraut der Patient seinem Arzt, und inwieweit folgt er seinen Weisungen? Das Centre hospitalier d’Argenteuil bei Paris wollte Klarheit schaffen. Die Ergebnisse seiner Untersuchung geben zu denken. 63 Prozent der Patienten in der Abteilung für Erkrankungen der Verdauungsorgane erklärten, sie folgten den Therapieanweisungen ihres Arztes nicht. 35 Prozent beachteten nicht die Dosierungsanweisungen für die ihnen verordneten Medikamente. 44 Prozent brachen die Behandlung ab, sobald sie sich besser fühlten. 34 Prozent vergaßen häufig, ihr Medikament zu nehmen, und zehn Prozent veränderten selbst die Dosis. Fast die Hälfte der Patienten konnte sich nicht an die Namen der Medikamente erinnern, die ihnen vor der Einlieferung ins Krankenhaus verschrieben worden waren. 70 Prozent der Patienten gaben an, sie seien über ihre Behandlung nicht genügend informiert.
Auf der anderen Seite greifen immer mehr Patienten zur Selbstmedikation. Man hat in Fachkreisen eine Liste von 740 Medikamenten erarbeitet, die zur Selbstmedikation gehören und die in den Apotheken frei verkauft werden. Häufig sind sich die Patienten allerdings nicht darüber im Klaren, welche Risiken die Selbstmedikation bergen kann. Häufig gehen sie erst zum Arzt, wenn sich die Krankheit verschlimmert hat – oft reichlich spät, manchmal zu spät. Joseph Hermann
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