ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001. . . mit Entsetzen Scherz: Rauchertote sind nur die Spitze des Eisbergs

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

. . . mit Entsetzen Scherz: Rauchertote sind nur die Spitze des Eisbergs

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2158 / B-1832 / C-1724

Wenderlein, J. Matthias

zu dem Beitrag World Health Organization (WHO) von Hans-Joachim Maes in Heft 25/2001
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LNSLNS Die Kritik an der WHO mit ihrer TFI („Tobacco free Initiative“) ist nicht überzeugend. Ob die 94 Texte zum Thema Rauchen nun aus den Jahren 1999 und 2000 oder aus den Jahren 1996 ff. stammen, ist nicht gravierend. Denn völlig neue Methoden zum Aufdecken der Mortalität infolge Zigarettenkonsums sind in den letzten beiden Jahren nicht aufgekommen.
Auch die Kritik, dass die WHO-Daten zur weltweiten Raucherpopulation „schwankend“ zwischen 1,1 und 1,2 Milliarden betragen, ist marginal. Das gilt auch für die Zahl der Rauchertoten von vier Millionen pro Jahr beziehungsweise schätzungsweise 100 Millionen Rauchertoten im 20. Jahrhundert.
Denn: Auch die Hälfte oder weniger sollten als Katastrophe gewertet werden. Die Forderung an die WHO, mit statistischen Angaben nicht zu großzügig umzugehen, ist berechtigt, um nicht deren Glaubwürdigkeit zu gefährden. Aber damit zugleich die Unterstellung vorzunehmen, die WHO „treibe mit dem Entsetzen Scherz“ – bezogen auf Rauchertote –, ist sicherlich absurd.
Ich wünsche mir, dass andere Dimensionen gesellschaftlicher Schäden des Rauchens zu weiteren WHO-Themen würden. Denn Rauchertote sind nur die Spitze des Eisbergs „ökonomischen Unheils“ durch Rauchen.
Zum Verständnis eine Studie bei der US-Luftwaffe von 1997: Von den dortigen Angestellten seien 25 Prozent Raucher, die Kosten von 107 Millionen Dollar jährlich verursachen. Davon sind 20 Millionen für medizinische Versorgung und 87 Millionen Dollar Unkosten durch Fehltage. Diese Relation 1 zu 4 zulasten der Arbeitswelt spricht für mehr betriebliches Interesse an wirtschaftlichen Schäden durch Rauchen.
Wenn in den USA 6 bis 12 Prozent der Ausgaben im Gesundheitswesen durch Folgen des Nikotinkonsums verursacht werden, dann müssten die höheren Fehlzeiten durch Rauchen eigentlich die Wirtschaft zum Kampf gegenüber diesen Kosten herausfordern.
Eine schottische Studie bestätigte die höheren Fehlzeiten am Arbeitsplatz bei Rauchern gegenüber Nichtrauchern. Die dadurch entstehenden Kosten wurden auf 40 Millionen Pfund pro Jahr geschätzt, der jährliche Produktionsverlust auf 450 Millionen Pfund pro Jahr. Dieser Faktor 11 müsste betriebswirtschaftlich mehr Interesse finden. Ist es bei solchen Nikotinfolgekosten noch betriebswirtschaftlich zeitgemäß, starke Raucher einzustellen? Betriebe könnten heute bei Neueinstellungen dazu einfache Schnelltests benutzen. Damit ist Cotinin als wesentlicher von 20 Nikotin-Metaboliten erfassbar. Die Cotinin-Halbwertszeit beträgt circa 17 Stunden. Dies könnte als Raucher-„Biomarker“ für Screening-Zwecke verwendet werden bei arbeitsmedizinischen Untersuchungen. Beschäftigte mit hohem Cotinin und zugleich hohen Fehlzeiten könnten zur Raucherentwöhnung verpflichtet werden. Solche Vorschläge werden sicher Empörung auslösen!
Keine Empörung löst dagegen aus, dass über 60 Prozent der Krebstodesfälle bei Rauchern auf Nikotinkonsum zurückzuführen sind. Wer trägt die Kosten dafür? Warum gilt hier nicht das Verursacherprinzip bezüglich Schadensfolgen? Immerhin Dreiviertel der Krebstodesfälle unter Rauchern sollen vermeidbar sein. Diese Aussage des britischen Epidemiologen J. Peto wurde im Wissenschafts-Journal „Nature“ abgedruckt. Solche Daten länderbezogen und schließlich global weiter hochzurechnen hinsichtlich volkswirtschaftlichem Schaden, wäre eine lohnendere Aufgabe, als darüber zu lamentieren, dass die WHO über China mit über 1 000 Millionen Einwohnern keine exakten Raucherangaben mit Folgeschäden macht.
Als Lobbyist für die Zigarettenindustrie würden mir kreativere Argumente einfallen, zum Beispiel „Kampf den Passiv-Rauchern“, die kein Geld für Zigaretten ausgeben wollen, aber beeindruckend am Zigarettenkonsum anderer „partizipieren“ (mit Gesundheitsschäden und ebenfalls höheren Fehlzeiten).

Prof. Dr. med. J. Matthias Wenderlein,
Universitätsfrauenklinik Ulm,
Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm
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