ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001. . . mit Entsetzen Scherz: Chance verpasst

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

. . . mit Entsetzen Scherz: Chance verpasst

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2158 / B-1832 / C-1724

Rose, Claudia; M.P.H.

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LNSLNS Nicht . . . „dem Entsetzen Scherz“, sondern entsetzlicher Schmerz hat sich bei mir nach dem Lesen des zitatreichsten und inhaltsärmsten jüngsten Aufsatzes zur Frage der Glaubwürdigkeit internationaler WHO-Daten eingestellt.
H.-J. Maes präsentiert eine „kritische Analyse“ des von der WHO zum Thema „Rauchen-assoziierte Morbidität und Mortalität“ präsentierten Datenmaterials. Hierbei legt der Autor Bewertungsmaßstäbe an, die Empfehlungen der „good scientific practise“ entstammen. Problematisch ist dieser Ansatz insofern, als er ungeachtet der Wichtigkeit eines korrekten Umgangs mit Datenmaterial von falschen Voraussetzungen ausgeht.
Die Erstellung von Gesundheitsreports auf weltweiter Ebene beinhaltet per se ein gravierendes Unsicherheitspotenzial; zu erwähnen sind hier die Unsicherheit demographischer Erhebungen, die hochproblematische Vergleichbarkeit internationaler Populationen, die zu betrachtenden kaum definierbaren Endpunkte, ja sogar die Schwammigkeit der Variable „Rauchen“ selbst. Dementsprechend zählt es zu den schwierigsten Fragestellungen der Epidemiologie, im Rahmen gesundheitspolitischer Aktionsprogramme aus sehr heterogenem Datenmaterial Prognosen und Hochrechnungen auf weltweiter Ebene abzuleiten. Internationale Organisationen wie die WHO sind sich dieser Problematik bewusst, müssen dennoch im Rahmen ihres Auftrags und verfügbarer Mittel gesundheitspolitische Ziele definieren und
verfolgen. Statt jedoch diese Zusammenhänge sachlich zu diskutieren, polemisiert der Autor gegen die WHO und wirft ihr schlampigen Umgang mit Datenmaterial vor, dessen Genese und Schwierigkeit er selbst offensichtlich nicht verstanden hat.
Impetus und Sinn dieser Abhandlung bleiben genauso unklar wie der fachliche Hintergrund des Autors und sein berufliches Interesse am Thema. Die pseudowissenschaftliche Darstellung erinnert jedoch fatal an entsprechende Öffentlichkeitsarbeit der amerikanischen Tabakindustrie, die seit Mitte der 80er-Jahre versucht, durch unsaubere methodische Kritik die Anti-Rauchen-Initiativen der US-Gesundheitsbehörden zu diskreditieren.
Fazit: Schade, dass eine Chance verpasst wurde, ein wichtiges „public health“-Thema angemessen zu diskutieren – schade, dass sich das DÄ wohlmeinend, aber unkritisch vor diesen Karren spannen lässt.

Dr. med. Claudia Rose, M.P.H.,
Wingerts Au 64,
68259 Mannheim
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