ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001. . . mit Entsetzen Scherz: Typisch für die Wirrnisse der WHO in den letzten Jahren

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

. . . mit Entsetzen Scherz: Typisch für die Wirrnisse der WHO in den letzten Jahren

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2159 / B-1833 / C-1725

Schuster, Gerhard

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LNSLNS Dem Autor Maes ist sicher zu danken, die häufig variierten Zahlen der WHO zum Rauchertod zusammengestellt zu haben und damit die schon lange bekannte Glaubwürdigkeitsproblematik auf recht sachliche Beine zu stellen. Sein Beitrag ist typisch für die Wirrnisse der WHO in den letzten Jahren. Ja, es stimmt: Die Tabakindustrie variiert ihre Behauptungen kaum und hat damit einen jahrzehntelangen Glaubwürdigkeitsvorsprung: „Passivrauchen ist (mehr oder weniger) unschädlich“, ist da nur ein Beispiel. Man kann es sich offenbar auch leisten, als Industrie teure „Werbekampagnen“ bei VIVA und MTV gegen (!) das Rauchen mit „Werbespots“ zu starten, die vorgeschoben transportieren sollen, unter 18 Lebensjahren sei Rauchen nicht sinnvoll, über 18 Jahren könne man sich jedoch „frei“ fürs Rauchen entscheiden. Dies schädigt den Zigarettenabsatz ohnehin nicht: Der Lehrer einer siebten Klasse, die gerade eine Freistunde mit kollektivem Qualmen verbrachte, berichtete mir trocken, genau 100 Prozent seiner Schüler seien Raucher. Je schwächer die WHO, je dreister die Industrie.
Die Unterwanderungsversuche der WHO durch jahrzehntelange intensive Aktivität der Industrie (Tobacco Company Strategies to Untermine Tobacco Control Activities, WHO July 2000) zeigten wenigstens, dass man die WHO noch ernst nimmt. Natürlich ist zuzugestehen, dass diese Zahlen per se kaum besonders genau erfasst werden können. Beim Rauchertod in den zahlenmäßigen Dimensionen eines Völkermordes ist keine genaue Erfassung weltweit möglich. Jedoch scheinen solche Zahlenangaben, die regelmäßig variiert werden, doch arg der öffentlichen Kampagne zu schaden.
Was fehlt der WHO? Offenbar eine qualifizierte interne wissenschaftliche Erfassung und Dokumentation ebenso wie eine PR, die dieses Zahlenfundament glaubhaft herüberbringt, um Wirkung zu zeigen. Zielgruppenspezifische Variation solcher Zahlen diskreditiert die WHO leider vollständig. Da hat der Autor Maes wirklich Recht.
Manche vermuten die Ursache des Desasters in mangelnden finanziellen Möglichkeiten der WHO. Nun, man kann auch mit wenig Mitteln glaubhaft sein und gute Öffentlichkeitsarbeit leisten. Peinlich, peinlich: Auch Autor Maes hatte offenbar Probleme, überhaupt die Dateien herunterzuladen oder separat geschickt zu bekommen. Auf so manche Zusendung warte auch ich immer noch. Jemanden dort telefonisch zu erreichen, ist ohnehin arg schwierig. Eine professionelle Art, maximal möglichen Erfolg mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu erreichen, ist das nicht. Vielleicht erbarmt sich einmal ein Doktorand und versucht eine genaue Analyse der Situation.
Mein persönliches Fazit: Die WHO ist wohl zurzeit kaum in der Lage, den organisierten Tabakherstellern adäquat Paroli zu bieten, und leistet in diesem Zusammenhang eher Bärendienste. Ob es sogar mehr schadet denn nützt?

Gerhard Schuster,
PRESSpool (R)- Das Redaktionsbüro,
Pestalozzistraße 23, 55283 Nierstein
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