ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001. . . mit Entsetzen Scherz: Zahlenspiele auch in anderen Themenbereichen

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

. . . mit Entsetzen Scherz: Zahlenspiele auch in anderen Themenbereichen

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2162 / B-1834 / C-1726

Kalk, Andreas

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LNSLNS Inkonsistente und irreführende Zahlenangaben der WHO sind leider kein Einzelfall:
Im Tuberculosis Handbook der WHO von 1998 wird noch von 2,73 Mill. Toten durch Tuberkulose im Jahr 1995 und 3,0 Mill. projizierten Toten im Jahr 2000 berichtet, während aktuelle Angaben aus der Internet-Seite der WHO die Zahl der Toten im Jahr 1999 auf 1,669 Mill. schätzen. Auch hier also wird mit schockierenden Zahlen recht großzügig umgegangen.
Leprahilfswerke wie das Deutsche Aussätzigen-Hilfswerk DAHW werden in ihrer Öffentlichkeitsarbeit massiv durch Publikationen der WHO behindert, in denen von einer unmittelbar bevorstehendern oder gerade stattgehabten „Elimination“ der Lepra die Rede ist. Laut Angaben der WHO selbst (Weekly Epidemiological Record vom 8. Juni 2001) wurden im Jahr 2000 weltweit 631 000 neue Leprapatienten aufgespürt. Zudem seien am 31. Dezember 2000 weltweit 618 000 in Behandlung befindliche Leprapatienten registriert gewesen. Kurz zuvor, am 16. Mai, teilte die WHO in einer Pressemitteilung mit, die „globale Last“ der Krankheit sei unter den Wert von 1/10 000 Einwohner gefallen. Damit sei das Ziel der „Elimination“ der Lepra erreicht. Diese Mitteilung lässt folgende Tatsachen weitestgehend außer Acht:
- Die Zahl der am jeweiligen Jahresende registrierten Leprapatienten dient der WHO als Maßstab für die „Elimination“ der Lepra. Er ist zu einem Zeitpunkt gewählt worden, als viele Patienten noch lebenslang oder über viele Jahre behandelt wurden. Heutzutage werden die meisten Patienten nur noch sechs bis zwölf Monate therapiert und erscheinen dann nicht mehr im Register. Dieser Effekt – das Aussortieren von Millionen von Patienten aus diesen Registern – ist wesentlich für die absinkende Zahl am Jahresende registrierter Fälle verantwortlich.
- Ungeachtet dessen werden seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts jährlich über 500 000 neue Patienten entdeckt. Der von der WHO für das Jahr 2000 benannte Wert von 631 000 neuen Fällen ist der fünfthöchste in der Geschichte der Menschheit.
-Wie die WHO selbst in den Fußnoten des Weekly Epidemiological Record einräumt, sind gerade die Daten aus den hochendemischen Ländern Indien und Brasilien unvollständig. Diese Information kann das Deutsche Aussätzigen-Hilfswerk bestätigen.
- Weiterhin entspräche die „registrierte Prävalenz“ der Fälle am 31. Dezember 2000 bei einer von der UNO angegebenen Weltbevölkerung von 6,055 Mrd. einem Wert von 1,02/10 000 Einwohner und läge damit über dem von der WHO selbst vorgegebenen Ziel der Elimination.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Zahlen ein Artefakt darstellen, von bemerkenswert vielen neuen Patienten berichten, unvollständig sind und dem recht willkürlich festgelegten Ziel der Elimination nicht gerecht werden. Zahlen unsicherer Verlässlichkeit (reliability in der Sprache der Epidemiologen) höhlen natürlich die Aussagekraft darauf aufbauender Schlussfolgerungen aus. Dies Phänomen ist umso bedenklicher, als die Welt­gesund­heits­organi­sation die Führungsrolle in der medizinisch-technischen Beurteilung von Gesundheitsproblemen beansprucht.
Es stellt sich somit in Übereinstimmung mit dem Beitrag auch in anderen Themenbereichen tatsächlich die Frage, inwieweit die WHO Zahlenspiele mit menschlichen Schicksalen vornimmt, um bestimmte Ziele zu verwirklichen beziehungsweise sich selbst zweifelhafte Erfolge zu bescheinigen.

Andreas Kalk,
Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk e.V.,
Marianhillstraße 1c, 97074 Würzburg
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