ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001. . . mit Entsetzen Scherz: Kindersterblichkeit beeinflusst Lebenserwartung

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

. . . mit Entsetzen Scherz: Kindersterblichkeit beeinflusst Lebenserwartung

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2163 / B-1838 / C-1642

Razum, Oliver; Müller, Olaf

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LNSLNS Herr Maes kritisiert, dass die Schätzungen der WHO zum weltweiten Rauchverhalten inkonsistent sind; zweitens, dass die Prognosen zur Entwicklung der Zahl der Rauchertoten in den nächsten Jahrzehnten laufend verändert werden; und drittens, dass Männer in den so genannten Entwicklungsländern aufgrund der niedrigen Lebenserwartung das „mittlere Alter“ von 69 Jahren gar nicht erreichten, vor dem sich laut Prognose der WHO die Hälfte aller Todesfälle aufgrund des Rauchens ereignen würden.
Zum ersten und zweiten Punkt möchten wir anmerken, dass aufgrund des Mangels an Daten aus Entwicklungsländern eine genauere Abschätzung der Rauchprävalenz weltweit derzeit nicht möglich ist; noch schwieriger ist die Voraussage der Anzahl von Toten durch das Zigarettenrauchen in den kommenden Jahrzehnten. Je nach verwendeter Datengrundlage und Modellierungstechnik ergeben sich unterschiedliche Schätzungen. Dies ändert aber nichts an der durch zahlreiche Studien belegten Tatsache, dass das Rauchen mit einer Reihe von Erkrankungen und vorzeitigen Todesfällen assoziiert ist. Weiterhin besteht spätestens seit der Publikation der „Global Burden of Disease-Studie“ bei Fachleuten Einigkeit darüber, dass tabakassoziierte Erkrankungen und Todesfälle auch in Entwicklungsländern massiv an Bedeutung gewinnen werden. Beim dritten Punkt argumentiert Herr Maes fehlerhaft. Die durchschnittliche Lebenserwartung wird stark durch die Kindersterblichkeit beeinflusst und liegt dort besonders niedrig, wo die Kindersterblichkeit hoch ist – nämlich in Entwicklungsländern. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ein Mensch, wenn er erst einmal das 15. Lebensjahr erreicht hat, durchschnittlich schon mit 33 Jahren (Sierra Leone) oder mit 68 Jahren (China) stirbt.
Abschließend möchten wir auf bekannt gewordene Strategien verweisen, mit denen die Tabakindustrie versucht, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Public-Health-Relevanz des Rauchens infrage zu stellen. So wurde in einem in der Fachzeitschrift „The Lancet“ publizierten Artikel aufgezeigt, dass die Tabakindustrie erhebliche finanzielle Mittel aufwendet, um zum Teil über bezahlte Wissenschaftler manipulierende Beiträge zu den epidemiologischen Zusammenhängen zwischen Tabakkonsum und Gesundheitsrisiken in den Medien und in Fachzeitschriften zu platzieren. So plante alleine die Firma Philip Morris, bis zu sechs Millionen US-$ für eine Kampagne gegen die von der „International Agency for Research on Cancer (IARC)“ veröffentlichten Ergebnisse zu den Risiken des Passivrauchens auszugeben, dreimal mehr, als die IARC-Studie gekostet hat . . .

Dr. med. Oliver Razum, Dr. med. Olaf Müller,
Hygiene-Institut, Tropenhygiene,
Im Neuenheimer Feld 324, 69120 Heidelberg
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