ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Todesnachrichten: Mitgefühl zeigen

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Todesnachrichten: Mitgefühl zeigen

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2164 / B-1836 / C-1728

Arens, Christoph

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LNSLNS Ergebnisse einer Studie der Universität Dortmund

Vielfach bleibt nur Hilflosigkeit: Wenn Ärzte, Altenpfleger, Priester oder Polizeibeamte Menschen über den Tod eines nahen Verwandten oder Freundes informieren müssen, könnte die psychische Belastung auf allen Seiten kaum größer sein. Das zeigt eine neue Studie der Universität Dortmund. „Trotz jahrelanger Erfahrung“, heißt es in dem von dem Psychologen Frank Lasogga initiierten Projekt, „kann man sich an diese Aufgabe wohl nie gewöhnen.“ Für die Dortmunder Studie wurden 171 Überbringer und 47 Empfänger solcher Hiobsbotschaften über ihre Erfahrungen befragt.
Die Untersuchung zeigt, wie schmal der Grat des richtigen Verhaltens für den Überbringer ist: Einerseits schätzen Überbringer von Todesnachrichten „Oberflächlichkeit“, „Gefühlskälte“ und „zu viel Routine“ als zentrale Fehler ein. Doch gleichzeitig werten zahlreiche Empfänger es als sehr positiv, wenn Überbringer Sicherheit und Ruhe und nicht zu viele Emotionen ausstrahlen.
Klar wird: Von solchem Verhalten hängt viel ab. „Wird eine Todesnachricht unangemessen überbracht, kann das zu einer zusätzlichen Traumatisierung der Empfänger führen“, heißt es in der Studie. Fest steht aber auch: Forschungen darüber, wie Todesnachrichten optimal überbracht werden können, gibt es kaum – und kann es auch kaum geben, weil Reaktionen der Empfänger sehr individuell geprägt sind.
Dass 96 der befragten Überbringer von Todesnachrichten erklärten, die Empfänger hätten vor allem traurig, entsetzt oder fassungslos reagiert, kann kaum verwundern. Die Dortmunder Wissenschaftler stellten aber auch das genaue Gegenteil fest: 36 der 171 Befragten hatten in einer solchen Situation erlebt, wie Angehörige und Freunde die Nachricht „nüchtern, gefasst oder gelassen“ aufnahmen und gleich über technische Details wie Todesanzeigen oder Beerdigungstermine zu reden begannen. In elf Fällen konnten Empfänger die Nachricht überhaupt nicht begreifen. Zu einem völligen Zusammenbruch, so die Dortmunder Wissenschaftler, kommt es auch bei ganz überraschenden Todesnachrichten nur selten.
Völlig unterschiedlich waren auch die körperlichen Reaktionen der Empfänger: In 16 von 171 Fällen reagierten die Informierten ausgesprochen lethargisch oder apathisch. 21 wurden wütend und hysterisch, ein Teil richtete seine Aggressionen auch direkt auf den Überbringer der Nachricht. Eine andere Form der „Erregungsabfuhr“ zeigten laut Studie vier von 171 Fällen: Sie äußerten sich durch „übersteigerten Aktionismus oder Redefluss“, wollten sofort etwas unternehmen oder dem Überbringer alles Mögliche über den Verstorbenen erzählen.
Trotz aller Unsicherheiten und individuellen Reaktionsmuster: Lasogga hat einige Regeln für das Überbringen von Todesnachrichten aufgestellt: „Mangelnde Zeit scheint das eindeutig größte Problem zu sein“, stellte er fest. Zuhören, die Betroffenen sprechen lassen und selbst eher schweigen, aber Mitgefühl zeigen, lautet eine weitere Regel. Christoph Arens


Notfallseelsorger unterstützen nicht nur Hinterbliebene, sondern auch die Überbringer von Todesnachrichten.
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