ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Helicobacter: Auf zwei Beinen heilt man besser

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Helicobacter: Auf zwei Beinen heilt man besser

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2166 / B-1872 / C-1748

Benoit, Walter F.; Benoit, Barbara

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LNSLNS Mit den von Ottmar Leiß in dem Aufsatz „Helicobacterisierung
psychosomatischer Konzepte?“ (Deutsches Ärzteblatt, Heft 14/2001) angesprochenen Problemen befasst sich der folgende Beitrag.


Die Art und Weise, wie Schulmediziner die Forschungsergebnisse der helicobacter-assoziierten Ulkuskrankheit gegen die Befunde psychosomatischer Forschung zum Krankheitsbild des Stressulkus instrumentalisieren, führt zu der Frage, welche Folgen dieses rein naturwissenschaftliche Denken für einen praktisch tätigen Allgemeinarzt und seine Patienten hat.
Das naturwissenschaftliche Denken führt zu einem in sich geschlossenen Krankheitskonzept, das nicht auf Evidenz, das heißt verstehender Einsicht in ein Krankheitsbild, sondern auf dem analytisch gewonnenen Beweis von Fakten beruht. Aufbauend auf der Beweisbarkeit der zellulären, bakteriologischen und physiologischen Fakten, lässt sich, um beim Beispiel der helicobacter-assoziierten Krankheitsentitäten zu bleiben, ein abgeschlossenes Therapiekonzept entwickeln, das sich seinerseits wieder in allen einzelnen biochemischen Stoffwechselprozessen nachvollziehen lässt. (1) Dieses naturwissenschaftliche Denken ist so universal, dass es sich auf alle übrigen Krankheitsentitäten problemlos übertragen lässt. Die soziale Befindlichkeit und die psychische Verfassung des Patienten haben darin ebenso wenig behandlungsrelevante Bedeutung wie die Bilderwelten der subjektiven Anatomie des Patienten. (2)
Im Gegensatz zur Schulmedizin stellt sich die Situation für den Allgemeinmediziner ganz anders dar. Er hat es nicht mit dem abstrakten Konstrukt einer Krankheitsentität, sondern mit der konkret gegebenen Singularität des jeweiligen Patienten in seiner aktuellen biopsychosozialen Verfassung zu tun. Bei dem Gegenüber handelt es sich nicht um die helicobacter-besiedelte Anhäufung von Haupt-, Beleg- und Becherzellen et cetera einschließlich umgebenden Mesenchyms, sondern um jemanden mit einer Störmeldung, die sich etwa anhört wie: Da stimmt etwas nicht und tut weh.
Codierte Störsignale produzieren alle biologischen Systeme auf zellulärer, physiologischer und sprachlicher Ebene; es sind Mitteilungen darüber, dass und in welcher Art und Weise die Systeme – gleichgültig ob als Zelle, Organismus oder Gesellschaft – an die Grenzen ihrer Ressourcen gelangt sind. (3)
Wenn es sich bei dem Krankheitsbild, etwa den Oberbauchbeschwerden, das in Gestalt des Patienten gegenübertritt, um eine codierte Metapher über Art und Ausmaß der gestörten psychosozialen Auseinandersetzung handelt, sollte therapeutisches Denken und Handeln in erster Linie darin bestehen, die Metapher des Krankheitsbildes zu decodieren, um dem Patienten die Möglichkeit zu geben, Lösungsstrategien für seine Situation zu finden. Dieser Komplex soll am Beispiel von zwei Patienten, die seit dem Erscheinen des Aufsatzes von Leiß die Praxis durchlaufen haben, und einem weiteren typischen Fall verdeutlicht werden.
30. April 2001: Eine 23-jährige Patientin klagt über Schmerzen im Oberbauch. Die Intensität der Beschwerden sind Anlass für eine Röntgenuntersuchung, bei der eine erosive Fundusgastritis nachgewiesen wird. Auf die gezielte Frage, ob sie sich zeitgleich mit ihren Beschwerden in ihren Entfaltungsmöglichkeiten blockiert oder sabotiert gefühlt habe, reagiert sie zunächst überrascht und berichtet dann mit zunehmender Bewegung, dass ihr Lebensgefährte ihr Bemühen nach Selbstständigkeit und finanzieller Unabhängigkeit aktuell zu hintertreiben versucht.
10. Mai 2001: Bei einem 60-jährigen Patienten mit Teerstühlen wird eine Gastroskopie veranlasst und bei helicobacter-negativem Befund ein aktives Ulcus ventriculi an typischer Lokalisation nachgewiesen. Auf die Frage, womit er aktuell nicht fertig wird, nennt der Fernfahrer den Namen seines Juniorchefs, der in Kürze die Firma übernehmen wird, der ihn und seine Kollegen über die gesetzlichen Grenzen hinaus fordert und mit dem ein Gespräch über sein kriminelles Verhalten nicht möglich ist.
Dritter Fall: Ein 49-jähriger Aushilfskoch holt ein Rezept für seine Frau ab und erwähnt beiläufig eine Gastroskopie wegen eines Ulcus ventriculi am Vortag. Angesprochen auf ein aktuelles Ereignis, berichtet er, von seinem Arbeitgeber um seinen verdienten Lohn betrogen worden zu sein. Noch am selben Tag führt er ein stark emotional verlaufendes Gespräch mit seinem Arbeitgeber. Bei der Kontrollgastroskopie nach einer Woche ist das Ulcus komplett abgeheilt, ohne dass er den verordneten Protonenpumpenhemmer eingenommen hat.
Die Beispiele zeigen, dass allgemeinärztliches Handeln mehr ist als die Analyse einer Krankheitsentität mit seiner zellulären und physiologischen Kausalität. Um ein Krankheitsbild vollständig zu decodieren, bedarf es – wie in den angeführten Fällen – als zweiter wissenschaftlicher Methode der Herstellung einer hermeneutischen Empathie, an deren Ende die für den Einzelfall gültige Einsicht in die semantische Kausalität steht. Wie in Analogie mit der Quantenphysik ist bei der Auseinandersetzung mit einer Singularität zu erwarten, dass die empathische Objekt-Subjekt-Beziehung einen Einstellungswandel herbeiführt, der aus sich heraus schon heilsam sein kann, wenn das Krankheitsbild richtig decodiert wurde. (4) Die Decodierung besteht in den angeführten wie in allen weiteren daraufhin explorierten Fällen darin, dass die Patienten sich von einem übermächtig empfundenen Gegenüber in ihren Entfaltungsmöglichkeiten blockiert oder sabotiert fühlen.
Psychosomatische Medizin ist nicht ein Fach im Schatten der vielen Fachgebiete heutiger Schulmedizin, sondern das übergeordnete Lehrgebäude ganzheitlicher Medizin. Die von Blaser und anderen Vertretern moderner Schulmedizin betriebene Reduktion medizinischer Forschung auf den naturwissenschaftlichen Aspekt sieht auf eine nur etwa 150-jährige Geschichte zurück. Diese Zeitspanne umfasst die überwältigende Anhäufung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bis hin zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Aus der Einseitigkeit dieser reduktionistischen Betrachtungsweise resultieren aber auch die Forschungsdefizite, wenn es um die Decodierung des psychosozialen Anteils des vom Patienten herangetragenen Krankheitsbildes geht. Es wird die Aufgabe künftiger Forschung sein, über Krankheitsentitäten der naturwissenschaftlichen Medizin hinaus die Schlüssel zu den psychosozialen Krankheitsbildern zu finden. (5)
Psychosomatische Medizin besitzt ihre Gültigkeit unabhängig davon, ob es sich um Krankheitsentitäten wie funktionelle Oberbauchbeschwerden oder um ein helicobacter-assoziiertes Ulkus handelt. In der Praxis sind ganzheitliche Konzepte, welche die aktuelle biopsychosoziale Situation mit umfassen, tragfähiger als eine reduktionistische – nur naturwissenschaftlich ausgerichtete – Sichtweise.
Walter F. Benoit, Barbara Benoit

Literatur
1. Adam O, Dörfler H, Forth W : Ulzera im oberen Magen-Darm-Trakt. Dt Ärztebl 2001; 98: A 840–844 [Heft 13].
2. Johnen R: Sich gesund fühlen im Jahr 2000. In: Schüffel W (Hrsg.). Berlin, Heidelberg: Springer 1986.
3. Hüther G: Der Traum vom stressfreien Leben. Spektrum der Wissenschaft Dossier 3/1999: Stress 6–11.
4. Schmahl FW, von Weizsäcker CF: Moderne Physik und Grundfragen der Medizin. Dt Ärztebl 2000; 97: A 165–167 [Heft 4].
5. Benoit B, Benoit WF: Krankheitsbilder. 2. Aufl, Frankfurt: RG Fischer 2001.
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