ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Disease Management: Falscher Ansatz

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Disease Management: Falscher Ansatz

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2167 / B-1839 / C-1731

Weber, Karl-Heinz

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LNSLNS Von einem der bekanntesten deutschen Diabetologen stammt der Satz „Der Diabetiker ist bedingt gesund“. Er legte in der Kieler Universitätsklinik einen Gemüsegarten an, in dem seine stationären Patienten umgraben, säen und jäten mussten. Die pathophysiologischen Unterschiede zwischen Diabetestyp 1 und 2 waren damals noch nicht bekannt. Aber der Professor wusste aus klinischer Erfahrung, dass körperliche Arbeit den Blutzuckerspiegel senkt. Auch heute gilt noch, dass richtige Ernährung, Normalgewicht und Bewegung die statistische Mehrzahl aller Diabetiker auch ohne Therapie praktisch zu Gesunden macht. Immer wieder wurden Risikozuschläge für fettleibige Diabetiker diskutiert.
Diabetes mellitus ist eine von sieben Volkskrankheiten mit überwiegend chronischem Verlauf, die Gegenstand der Reformen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) werden sollen. Viel Ärger gab es durch den 1994 eingeführten Risiko­struk­tur­aus­gleich (RSA). Kassen mit hohen Risiken durch Alter, Geschlecht, Zahl der Mitversicherten und geringen Beitragseinnahmen erhalten Ausgleichszahlungen. Die individuellen Beiträge, ursprünglich zur Steigerung des Wettbewerbs vorgesehen, verursachten große Wanderungsbewegungen. Durch die freie Kassenwahl wanderten junge und gesunde Mitglieder zu billigen Betriebskrankenkassen ab. Unter den 1,2 Millionen Wechslerinnen und Wechslern im Jahr 2000 waren nur rund 800 chronisch Kranke.
Der Gedanke einer effektiveren Therapie leuchtet zunächst ein, aber er ist „von des Gedankens Blässe angekräuselt“ (Hamlet). Medizinisch werden solche Programme beim heutigen Stand der Kommunikationstechnik meist überschätzt, ökonomisch sind sie kontraproduktiv. Denn jeder Patient ist anders und bräuchte seinen eigenen Leibarzt. Auf das Individuum einzugehen ist die eigentliche ärztliche Kunst. Biofirmen blühen, weil sie sich darauf spezialisiert haben, an Computermodellen zu testen, warum gerade dieses Medikament von jenem Patienten nicht vertragen wird. Diese komplizierten, durch eine gute Arzt-Patienten-Beziehung entscheidend unterlegten Prozesse durch das Bundesversicherungsamt zertifizieren zu lassen, ist keine gute Lösung.
Nicht mehr rationelle Verwaltung, Besonnenheit bei den Satzungs-, Wahl- und Fremdleistungen sollen maßgebend sein, sondern allzu leicht manipulierbare Begriffe wie die „Chronizität der Krankheiten“. In einer überalterten Gesellschaft ist Polymorbidität fast die Regel. Wenn mehr Chronizität mehr Geld bedeutet, wird sich bald eine wundersame Verschiebung der Krankheitscharakteristika ergeben (ähnlich dem Zeitkorridor bei Bestimmung der Pflegestufen I und II in der Pflegeversicherung). Der ortsfremde Medizinische Dienst der Krankenkassen wird in die Richtung eines erhöhten Minutenaufwandes gedrängt.
Die Gesundheitspolitiker gehen mangels eigener praktischer Erfahrung von der falschen Vorstellung aus, dass eine Objektivierung geldrelevanter Tatbestände ohne finanzielle Eigenmotivation des Versicherten möglich ist. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt setzt die falsche Gesundheitspolitik von Norbert Blüm fort. Beide berücksichtigen ungenügend Motivationen und Wechselhaftigkeit im Krankheitsgeschehen. Der Patient wird zu sehr bürokratisch verwaltet. Er wird getrieben, anstatt selbst zu treiben. Das hat er bei seinen hohen Beiträgen nicht verdient. Die GKV gleicht heute einem Autofahrer, der mit angezogener Bremse Vollgas gibt. Dr. med. Karl-Heinz Weber
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