ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Nepal: Hohe Heilkunst auf dem Dach der Welt

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Nepal: Hohe Heilkunst auf dem Dach der Welt

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2168 / B-1875 / C-1750

Schulz, Yvonne; Wittig, Florian

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LNSLNS Hilfe für Kranke und fruchtbare Begegnung zweier Medizinsysteme: Jedes Jahr unternimmt die ärztliche Hilfsorganisation meditibet aus München mobile Ärztetrecks in den Himalaya.


Wir sitzen auf 4 100 Meter Höhe auf einem „kleinen“ Gipfel unter Hunderten von Gebetsfahnen, die an langen Schnüren zwischen kleinen Steintürmchen aufgespannt sind und im Wind knattern. Die Luft ist dünn. Links von uns liegt der Mount Everest, zum Greifen nahe, daneben der Lothse. Wir sitzen auf einem Berg im Solu Khumbu, dem Gletschertal, das bis auf das Dach der Welt, nach Tibet, führt. Unter uns, etwa zweihundert Meter tiefer, liegt das Kloster Tengboche. Seit fünf Tagen steht hier unsere mobile Klinik. In der Mittagspause zwischen den „Sprechzeiten“ sind wir mit einer kleinen Brotzeit auf den Berg geklettert. Die Sonne scheint noch sehr warm, und wenn der Wind etwas dreht, hört man aus einem Wald in der Nähe des Klosters die Gesänge der Mönche, die sich auf das alte tibetische Maskentanzfest Mani Rimdu vorbereiten.
Mit unserem Blick über das Tal kreisen die Erinnerungen an die letzten Wochen, an die Schicksale vieler Menschen, die wir hier kennen gelernt haben: kranke Kinder in Lumpen mit Impetigo contagiosa, einer infektiösen, pustelbildenden Hauterkrankung, die epidemieartig in einem Dorf nahe dem abgelegenen Kloster Takshinto ausgebrochen war. Die Augen der Kinder waren vorgealtert, die Haut von der starken Höhensonne ausgetrocknet und der Genitalbereich von den eitrigen Pusteln entstellt. Sie kamen von überall her und warteten tagelang im Kloster auf unsere Hilfe.
Wir denken an den jungen Mann, der seit Monaten in der Hütte der Eltern auf seiner Pritsche lag und wahrscheinlich an einer rheumatischen Arthritis litt. Die Muskulatur an seinen Beinen war stark hypotrophiert und die Gelenke kontrakt mit Spitzfußstellung, sodass es nach langsamer Spontanheilung wohl noch lange dauern wird, bis er wieder laufen und seinen Eltern auf dem Feld helfen kann.
Ein anderes Phänomen waren die Füße der Menschen hier im Khumbu, der Region um den Mount Everest, dem höchsten Berg der Erde. Nicht jeder Sherpa, so heißen die Ureinwohner der Khumburegion, ist im Besitz von einem Paar Schuhe, und so laufen die Menschen oft barfuß oder nur mit Badeschlappen in den Bergen. Die Hornhäute waren sehr dick, verkrustet und rissig mit Entzündungen, wie wir es in Deutschland noch nie zuvor gesehen haben. Unsere Gedanken kreisen um die vielen Patienten, die an chronischen Bauchschmerzen, Verdauungsproblemen, Herzinsuffizienzen, Ödemen, an chronischer Atemnot und Gelenkschmerzen litten und denen mit einer besseren medizinischen Versorgung oft leicht geholfen wäre.
Auch hier oben lachen wir wieder über unsere Erfahrungen mit gespendeten altmodischen Brillen aus Deutschland. Diese waren unseren Patienten die wertvollste Medizin. Eine Brille kann sich kaum ein Einheimischer leisten. Sie sind nur in Kathmandu zu erwerben, acht Tage zu Fuß und einen Tag mit dem Bus entfernt. In unserem Leichtsinn ließen wir die Brillen offen neben den Medikamenten liegen, bis wir feststellen mussten, dass plötzlich alle Patienten an Sehschwäche litten. Unsere einzige Diagnosemöglichkeit war das Zeigen von Fingern und das Probieren der Brillen. Dabei war es den Patienten völlig egal ob zu klein oder zu groß, ob Damen- oder Herrenbrille.
Unser Ärzteteam war seit drei anstrengenden Wochen in den Bergen unterwegs, immer zu Fuß von Kloster zu Kloster. Das Tengboche-Kloster, das mächtigste Kloster der Region, war unser letztes Ziel. Täglich empfingen wir hier einheimische Patienten, die von weit her gekommen oder getragen wurden und sich Hilfe erhofften.
Unser Team bestand aus zwei deutschen Ärzten – einem Chirurgen und einem Internisten –, einem tibetischen Arzt mit seinem Studenten, einem hohen Mönch, dem Leiter von meditibet in Nepal, zwei deutschen Studenten, einem Fotojournalisten, zwei Assistenten und einem Übersetzer. Geführt wurden wir von einem Sherpa-Guide. Unser Ge-
päck – allein 300 Kilogramm an medizinischen Hilfsgütern – wurde zuerst von Trägern, in höheren Regionen von Yaks getragen. Auf unserer Route besuchten wir acht tibetische Klöster. Sie waren in ihrer tausendjährigen Geschichte Mittelpunkt tibetischer Kultur und dienten nicht nur als Stätten religiösen Denkens und kultischen Handelns. Sie waren gleichzeitig Schulen und Bewahrer aller Künste: der Malerei, Medizin, Musik, Kalligraphie und Astrologie. In jedem Kloster bauten wir unsere mobile Klinik auf und untersuchten kostenfrei einheimische Patienten, Mönche und Touristen. Einige Patienten waren sehr krank, viele hatten gewöhnliche Beschwerden, andere wollten sich einem kostenfreien Gesundheitscheck unterziehen, viele kamen auch aus Neugier.
Wir untersuchten und behandelten mehr als 300 Patienten. Auffällig war die geringe Zahl an Herz- und Kreislauferkrankungen und die hohe Zahl an gastrointestinalen Krankheiten. Gefäßerkrankungen scheinen bei dem anstrengenden, aber auch gesünderen Leben in den Bergen seltener zu sein als in den Industrieländern. Außerdem sterben Patienten oft aus ungeklärter Ursache, was ebenfalls zu einer niedrigen Prävalenz kardiozirkulatorischer Erkrankungen führt. Die gastrointestinalen Beschwerden sind vor allem auf die unausgewogene und unregelmäßige Ernährung zurückzuführen, hinzu kommt das hastige Essen und das schlechte Kauen wegen der schlechten Zähne.
Ein besonders wichtiger Aspekt unserer Reise war die Zusammenarbeit mit dem tibetischen Arzt Sherab T. Bharma. Sherab hatte im indischen Exil sieben Jahre tibetische Medizin studiert. Sechzehn Jahre musste der Rinponche, der „Abt“, des Tengboche-Klosters auf einen tibetischen Arzt warten, um die Menschen der Region wieder durch ihre traditionelle Heilkunst behandeln lassen zu können. !
Die tibetische Medizin entwickelte sich vor etwa 2000 Jahren in enger Beziehung zum Buddhismus aus verschiedenen Naturheilverfahren, unter anderem der chinesischen Medizin. Sie geht davon aus, dass Körper und Geist jedes Menschen einen Mikrokosmos bilden, in dem verschiedene Energien – die wiederum aus den fünf Elementen Erde, Luft, Feuer, Wasser und Raum entstehen – im Gleichgewicht sind. Wird dieses Gleichgewicht gestört, erkrankt der Mensch. Durch genaue Anamneseerhebung, Inspektion der Zunge, des Urins und vor allem durch die Pulsdiagnose kommt der tibetische Arzt zur Diagnose. Der Amchi spricht in seiner Lehre davon, dass eine Energie zu schwach oder zu stark ausgeprägt ist, wenn das Organsystem erkrankt. Sekundär ist häufig, um welche Erkrankung es sich dabei handelt, beispielsweise um eine Infektion oder Krebs. Die tibetische Medizin lehrt, dass bei der Behandlung eines erkrankten Organs die anderen nicht vernachlässigt werden dürfen, denn die isolierte Behandlung eines Organs kann ungünstige Auswirkungen auf ein anderes Organ haben. Zentrale Therapieform ist die Gabe von Kräuter- und Juwelenpillen, die aus mindestens 20 und bis zu einhundert Einzelsubstanzen bestehen.
Die tibetische Heilkunde war immer eingebettet in den buddhistischen Glauben, in dem Mitgefühl eine zentrale Rolle spielt. Alle Diagnosemethoden beruhen auf der geübten Wahrnehmungsfähigkeit und Erfahrung des behandelnden Arztes. Die tibetische Medizin kennt keine technischen Hilfsmittel. Allein mit den beiden Sinnesfunktionen des Fühlens und Sehens konnte Sherab fast alle Krankheiten treffsicher diagnostizieren. Die ruhige, respektvolle und mitfühlende Art, mit der Sherab seine Patienten behandelte, beeindruckte uns westliche Ärzte sehr. Gut helfen konnte Sherab bei chronischen Erkrankungen, wie Verdauungsbeschwerden, psychosomatischen und psychischen Problemen, Schlafstörungen und bei so genannten „gewöhnlichen Beschwerden“, die den Patienten in seiner Lebensqualität einschränken. Bei diesen Erkrankungen versuchten wir die Menschen wieder auf ihre traditionelle Heilkunst aufmerksam zu machen und ließen davon ab, westliche Medikamente zu geben, bei denen wir die Nebenwirkungen nicht mehr abwarten konnten und deren Wiederbeschaffung für die Patienten unmöglich war.
Sherab sah in der Zusammenarbeit im Ärztetreck die Chance, sich mit den Stärken der westlichen Medizin vertraut zu machen. Sein Medizinsystem kennt keine Behandlung akuter Krankheitsfälle, wie schwere bakteriologische Infektionen, internistische oder chirurgische Notfälle oder akute Schmerzen. Wir untersuchten die Patienten gemeinsam. In diesen „Fallbesprechungen“ hatten wir nie den Eindruck, dass sich unsere Medizinsysteme gegenseitig ausschließen oder dass sie miteinander rivalisieren. Wir hatten vielmehr das Gefühl, dass sie sich sehr gut ergänzen können.
Die Reise war für meditibet ein Erfolg. Vielen Kranken konnte geholfen werden, die Gesundheitsstation am Serlo-Kloster wurde eröffnet, das nächste große Projekt, die Errichtung der Tibetisch-Westlichen Medizinschule ist zusammen mit den einflussreichsten Klöstern der Region und einem deutschen Entwicklungshilfespezialisten in Planung, und die Organisation für den nächsten Ärztetreck läuft. Die Arbeit in den Klöstern erlaubte es uns, das Leben dort hautnah mitzuerleben. Durch die Zusammenarbeit mit dem tibetischen Arzt Sherab lernten wir westlichen Ärzte wieder, in welch enger Beziehung Körper und Geist stehen, wie man durch Mitgefühl Einblick in das Leiden eines Menschen bekommt und wie man Patienten schon durch Zuwendung helfen kann. Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Mönche hat uns genauso bewegt wie die atemberaubende Schönheit und Gefährlichkeit der Natur. Yvonne Schulz, Dr. Florian Wittig


Oben: Buddhistische Mönche des Tengboche-Klosters im Himalaya. Unten: Dr. Wittig in der Gesundheitsstation im Kloster Serlo erklärt einer Nonne Medikamente. Die Nonne leitet die Gesundheitsstation.


In jedem Kloster wurde eine Notfallapotheke bereitgestellt.


meditibet e.V. ist ein medizinisches Entwicklungshilfeprojekt mit dem Ziel, die tibetische Medizin zu fördern und zu erhalten. Dies soll durch internationalen Austausch und interkulturelle Zusammenarbeit erreicht werden. In den meditibet-Projekten arbeiten westliche und tibetische Ärzte zusammen, um mit ihrem gemeinsamen Wissen eine medizinische Grundversorgung in unterversorgten Gebieten aufzubauen. Jedes Jahr unternimmt meditibet mobile Ärztetrecks in den Himalaya. Im September fliegt wieder ein Ärzteteam nach Nepal. 2002 soll der Bau einer meditibet-Medizinschule beginnen. Seit Oktober 2000 unterhält der Verein in Nordnepal eine Gesundheitsstation. Hierfür werden Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige anderer Heilberufe, bei besonderer Qualifikation auch Studenten gesucht. Interessenten, die bereit sind, ihren Jahresurlaub unentgeltlich zu opfern, wenden sich an meditibet e.V., Türkenstraße 71, 80799 München,
E-Mail: info@meditibet.de, Website: www.medi tibet.de. Der Verein benötigt auch Geld- und Sachspenden, Medikamente und medizinische Instrumente für die Umsetzung der Projekte.


Arbeiten in der „mobilen Klinik“ unter freiem Himmel


Der tibetische Arzt Sherab T. Bharma bei der Pulsdiagnostik


Behandlungsdiagnosen nach Fachrichtung und Häufigkeit

Orthopädie (Wirbelsäule, inkl. Spannungskopfschmerz) 19 Prozent
Magen-Darm-Erkrankungen 14 Prozent
Chirurgie (Wunden, Abszesse) 10 Prozent
Leichte Infekte 13 Prozent
Schwere Infekte 9 Prozent
Augenerkrankungen 8 Prozent
Herz-Kreislauf-Erkrankungen 7 Prozent
Dermatologische/Allergische Erkrankungen 7 Prozent
HNO 5 Prozent
Psychosomatische/Psychiatrische Erkrankungen 2,5 Prozent
Zahnprobleme (als Hauptdiagnose) 2 Prozent
Neurologische Erkrankungen 1 Prozent
Höhenkrankheit (bei Touristen) 2,5 Prozent
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