ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Mobbing: Forschungsprojekte initiieren

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Mobbing: Forschungsprojekte initiieren

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2172 / B-1879 / C-1754

Ruppert, Britta

Zu dem Beitrag „Hilflose Helfer in Diagnostik und Therapie“ von Dr. med. Argeo Bämayr in Heft 27/2001:
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LNSLNS Psychotherapeuten werden bei Mobbingopfern nicht nur aus Hilflosigkeit und Uninformiertheit selbst zu Mobbern. Die Fähigkeit, mit Konflikten im eigenen Berufsfeld umzugehen, ist in der Psychotherapie nicht größer als in anderen Berufen. Mobbing ist hier ubiquitär, aber wie in der übrigen Medizin wird es bagatellisiert oder verleugnet. Mir ist keine psychotherapeutische Klinik und kein psychotherapeutisches Weiterbildungsinstitut bekannt, das zum Thema Diagnostik und Therapie bei Mobbingopfern Fortbildungen anbietet oder Forschungsprojekte initiiert. Dazu bräuchte es allerdings Mut. Forschung und Weiterbildung zu vernachlässigten Themen in Gang bringen können vor allem Kollegen, die in Kliniken und Instituten die leitenden Positionen innehaben. Mit dem Thema Mobbing lenken sie jedoch die Aufmerksamkeit auf ihr eigenes bisheriges Verhalten als Vorgesetzte, zum Beispiel als Klinikchefs. Falls sie als Supervisor von Teams in psychotherapeutischen Institutionen arbeiten, werden sie ihren potenziellen Auftraggebern, den Klinikchefs oder Betriebsleitungen, vielleicht suspekt. Das gilt noch mehr für die Weiterbilder, zum Beispiel Lehranalytiker, die auch als Coach für Führungskräfte im psychosozialen Bereich arbeiten. Coaching und Teamsupervision sind einträgliche Tätigkeiten und leicht durch eine zu kritische Haltung zu gefährden. Die Ursache für das Mobbing und/oder die Symptome den Opfern selbst anzulasten und dafür alle diagnostischen Register der jeweiligen psychotherapeutischen Spezialisierung zu ziehen ist hingegen ungefährlich für das eigene Wohlergehen.
Diese Haltung der Weiterbilder wird bewusst oder unbewusst weitergegeben, zum Beispiel so: Der Bericht eines Mobbingopfers (natürlich mit Entwicklungsanamnese) wurde gegen den erklärten Willen des Betreffenden den Teilnehmern eines Weiterbildungsseminars vorgespielt und unter Leitung des Weiterbilders ihrem „diagnostischen“ Eifer überlassen, das heißt mit entwertenden Kommentaren versehen. Die überwiegend jungen Kollegen nahmen, wohl um weiterhin dazuzugehören, an diesem hässlichen Schauspiel fast ohne Widerspruch teil. Was werden sie tun, nachdem sie auf diese Weise Empathie und Solidarität verlernten, wenn ein Patient mit psychosomatischen und/oder psychischen Problemen und einer typischen Geschichte von Konflikten am Arbeitsplatz in ihre Praxis kommt? Psychotherapeuten müssten ihr eigenes Verhalten, ihre Ausbilder, ihre – teure und lange – Weiterbildung und beruhigende „Gewissheiten“ infrage stellen, um Mobbingopfern helfen zu können.
Britta Ruppert, Rebenlaube 11, 45133 Essen
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