ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Eisenbahnkrankheit: Britisches Phänomen

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Eisenbahnkrankheit: Britisches Phänomen

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2173 / B-1880 / C-1754

Otte, Andreas

Zu dem Feuilleton-Beitrag „Kuriositäten: Radio- und Eisenbahnkrankheiten“ von Hans-Joachim Maes in Heft 23/2001:
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LNSLNS Mit großem Interesse und nicht ohne Erheiterung habe ich den von Hans-Joachim Maes gesammelten zivilisationskritischen Text zum Thema der Eisenbahnkrankheit (englisch: „railway spine“) gelesen, der von einem Dr. Schütte aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammt. Medizinhistorische Texte aus vergangenen Zeiten sind immer ein Gewinn, auch wenn (oder gerade weil) sie häufig nicht immer gänzlich korrekt sind und sich viele Texte zum gleichen Thema deutlicher als heutzutage unterscheiden.
So wurde damals unter der Eisenbahnkrankheit gemeinhin weniger – wie beschrieben – eine Erkrankung verstanden, die durch die Körpererschütterungen beziehungsweise Vibrationen beim längeren Eisenbahnfahren entsteht. Hauptsächlich stellte man die Diagnose „railway spine“ als Folge von Eisenbahnunfällen, vornehmlich Zusammenstößen. Generell war die Diagnose „railway spine“ auch ein britisches Phänomen des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts. Diese Diagnose war umstritten, da bei den betroffenen Patienten keine sichtbaren Verletzungen feststellbar waren. Man verstand darunter ein posttraumatisches Syndrom nach Eisenbahnunfall, das wahrscheinlich auf eine „molekulare spinale Schädigung“ zurückzuführen sei. Die sich damals entfaltende medikolegale Diskussion über das Vorhandensein dieser Erkrankung verschwand in England schnell nach 1900, hat aber – wie dem Bericht des Dr. Schütte zu entnehmen ist – noch einige Jahre fern der Insel, wohl allerdings in etwas abgewandelter Form, überlebt. Später sprach man nur noch von einer „funktionellen Neurose“, womit der Beginn der modernen Diskussion über die Validierung posttraumatischer Syndrome eingeläutet wurde.
Dr. med. Andreas Otte, Obere Lachen 10, 79110 Freiburg
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