ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Immunpathogenese entzündlich-rheumatischer Erkrankungen

MEDIZIN: Diskussion

Immunpathogenese entzündlich-rheumatischer Erkrankungen

Dtsch Arztebl 1996; 93(5): A-255 / B-201 / C-189

Hoffmann, Zvonimir; Burmester, Gerd-Rüdiger

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Gerd Rüdiger Burmester, Dr. med. habil. Bernhard Manger und Prof. Dr. med. Joachim Robert Kalden in Heft 14/1995
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LNSLNS Ergebnisse aus der Sensibilisierung
Es ist leider so, daß etwa 30 Prozent der Polyarthritiker unter immunsuppressiver Therapie dieselbe wegen Unverträglichkeit und Nebenwirkungen abbrechen müssen (1, 2). Auch bei den NSAR steht es nicht besser, so daß eine Alternative eventuell mit Paradigmawechsel zu bedenken ist.
Die vorgeschlagene Therapieform beruht auf Erfahrungen, theoretischen Überlegungen und experimentellen Ergebnissen, die sich im Rahmen der Gesellschaft zur Erforschung der molekularen Organo- und Immunotherapie e. V., München (GEMOI), im Laufe von 30 Jahren ergeben haben (3, 4, 5, 7, 8, 9).
Es wurde bei den Therapieüberlegungen davon ausgegangen, daß es sich bei rheumatischen Krankheiten um die Reaktion auf einen persistierenden Infekt handelt, der auf ein Immunsystem trifft, das darauf in inkompetenter Weise antwortet. Das ist im wesentlichen genetisch bedingt. Diese Immunantwort löst einen autoaggressiven Prozeß aus, der sich in bradytrophen Geweben manifestiert. Eine kausal gerichtete Therapie setzt demnach auf mehreren Stufen an:
1. Bekämpfung von Infekt und Infektabwehrschwäche mit den Mitteln, die die Herdforschung entwickelt hat, dann Regeneration der infektgeschädigten Gewebe mittels biomolekularer Präparate – Biological Response Modifiers. Diese xenogenen Organtherapeutika enthalten keine Zellmembranen und keine Zellkerne (6). Sie aktivieren die Proteinsynthese, stimulieren Repairmechanismen sowie die Vermehrung und Differenzierung von Stammzellen. Sie sind nicht mehr artspezifisch und induzieren keine Allergie. Es kommen die Präparate mit Inhaltsstoffen aus Schleimhäuten und den Bronchien zum Einsatz (12).
2. Zur Modulation des Immunsystems steht eine Präparation aus fötalem, bovinem Thymus zur Suppression einer T-Lymphozyten-Überfunktion und andererseits aus juvenilem Thymus zur Stimulierung einer TZellschwäche zur Verfügung (zum Beispiel Neythymun®, NeyImmun®, NeyDesib®).
3. Um die Produktion autoaggressiver Antigen-Antikörper-Komplexe zurückzudrängen, werden diese Komplexe aus dem Patientenblut gewonnen und antigenisiert. In tolerogener Dosierung s.c. injiziert, kommt es zur Induktion eines Antiidiotypantikörpers. Diese Behandlung wird die Gegensensibilisierung nach Theurer genannt (11).
4. Weiter verwendet man ein Serum-Hydrolysat. Es wirkt blockierend auf die Bindung der pathologischen Antigen-Antikörper-Komplexe an das Immunglobulin sowie an das Komplement. Nach Isolierung der pathogenen Antikörper aus dem Serum des Patienten erfolgt eine enzymatische Spaltung in die antigenbindenden und komplementaktivierenden Fragmente. Die autologen antigenbindenden Fragmente binden nach i. m. Injektion die Autoantigene. Eine Aktivierung des Komplementsystems erfolgt nicht mehr.
5. Für den degenerierten Knorpel und die Synovialis gibt man die spezifischen biomolekularen Präparationen, die sich auch in der Unfall- und Sportmedizin bewährt haben (10).
Ergebnisse: Von 95 Bechterewpatienten wurden 80 Prozent rezidivfrei, schon nachdem sie die Behandlungsserie zweimal durchlaufen hatten. Von 150 Polyarthritisfällen normalisierte sich die BSG von 59 Fällen im Stadium III 50 mal, im Stadium IV von 34 Fällen 10 mal. Der ASL konvertierte in 86 Prozent der Fälle im Stadium I, II, III. Ebenso viele Patienten wurden medikamentenfrei. Eine relative Lymphozytose normalisierte sich. 57 Patienten waren RF-positiv, wovon 25 konvertierten, was doch interessant ist und zu weiteren Untersuchungen Anlaß gibt. Röntgenologisch wurde im Laufe von 10 Jahren keine Progression im Stadium I, II, III beobachtet, auch im Stadium IV traten keine mutilierenden Prozesse in dieser Zeit auf. Akute Schübe traten seltener auf, vereinzelte Überempfindlichkeitsreaktionen beruhten auf zu hoher Dosierung der Gegensensibilisierung, welche nach Zurücknahme der Konzentration fortgesetzt werden konnte. Es war für Patient und Arzt eine erfreuliche Therapieform.


Literatur beim Verfasser


Dr. med. Zvonimir Hoffmann
Tilsiter Straße 11 28816 Stuhr


Schlußwort
In der obengenannten Anfrage spricht der Kollege davon, daß etwa 30 Prozent der "Polyarthritiker" eine immunsuppressive Therapie wegen Unverträglichkeit oder Nebenwirkungen abbrechen müssen. Da der Begriff "Polyarthritiker" nicht näher ausgeführt ist, muß angenommen werden, daß hiermit die chronische Polyarthritis (rheumatoide Arthritis, RA) gemeint ist. Wie in unserem Beitrag über die Immunpathogenese rheumatischer Erkrankungen dargelegt wurde, sind die direkt entzündungsauslösenden Mechanismen bei diesem Krankheitsbild nicht zweifelsfrei identifiziert worden. Dennoch ist die in der Zuschrift genannte Hypothese sicherlich eine sehr gut mögliche Erklärung zur Entstehung von einigen rheumatischen Erkrankungen, bei denen angenommen werden kann, daß aufgrund von bestimmten genetischen Voraussetzungen ein subklinischer Infekt nicht abgewehrt werden kann und das Immunsystem somit überschießend und fehlreagiert, so daß schließlich autoaggressive destruktive Mechanismen eintreten. Durch experimentelle Daten belegt, erscheint diese Genese bisher jedoch nur für das Krankheitsbild der LymeArthritis, bei dem persistierend Borrelien die Immunreaktion unterhalten und eine histologisch nicht unterscheidbare Synovitis besteht. Hier zielt jedoch die Therapie klar auf die Elimination der Erreger durch eine antibiotische Therapie.
Aus diesen Ausführungen geht hervor, daß zwar einige experimentelle Befunde für eine durch infektiöse Erreger ausgelöste Immunreaktion bei der rheumatoiden Arthritis sprechen, daß jedoch eine solche Hypothese keinesfalls belegt ist. Daher muß auch unser weiteres therapeutisches Augenmerk derzeit auf eine Unterdrückung dieser fehlgesteuerten Immunreaktionen gerichtet sein. Es ist zu befürchten, daß sich durch ungezielte Immunstimulation autoaggressive Vorgänge verstärken. Insbesondere gilt dies für die sogenannten Kollagenosen, vor allem für den systemischen Lupus erythematodes, bei dem wir selbst erhebliche und dramatische Exazerbationen beispielsweise nach Eigenbluttherapie oder anderen "immunstimulierenden Maßnahmen" gesehen haben. Zudem ergibt sich bei den von Dr. Hoffmann angeführten Präparaten die Problematik der fehlenden Standardisierung der genauen Zusammensetzung und nicht zuletzt die Frage nach Kontamination mit tierischen infektiösen Erregern, etwa den Erregern der spongiformen bovinen Enzephalopathie ("Rinderwahnsinn"). Auch ist die Wirksamkeit bezüglich einer Immunstimulation durch die angeführten Präparate in kontrollierten Studien keinesfalls belegt.
Bei den von Dr. Hoffmann dargestellten Ergebnissen fällt erneut auf, daß unterschiedliche Erkrankungen gleichermaßen angesprochen werden, hier ist die Rede von Patienten mit einem Morbus Bechterew sowie nicht näher definierter Polyarthritis. Es wird von einer Konversion des ASL (Antistreptolysin-Titers) gesprochen, dessen Veränderungen jedoch allenfalls beim rheumatischen Fieber zu erwarten sind – eine Erkrankung, die heute nur noch selten beobachtet wird. Aus den mir zugänglichen Literaturhinweisen des Verfassers ist keine Arbeit ersichtlich, in der die von Dr. Hoffmann zitierten Daten enthalten sein könnten. Anzumerken ist, daß wir heute wissen, daß nur in kontrollierten doppelblind durchgeführten Studien eine klare Aussage zur Wirksamkeit bei den meisten rheumatischen Erkrankungen möglich ist.
Zusammenfassend ist also auszuführen, daß zwar die Theorie einer persistierenden Infektion als Basis der immunologisch autoaggressiven Mechanismen bei der rheumatischen Arthritis sehr interessant ist, daß hier jedoch im Gegensatz zur Lyme-Arthritis die experimentellen Belege fehlen. Insofern kann derzeit nicht zu einer immunstimulierenden Therapie bei dieser Erkrankung und besonders nicht bei den Kollagenosen geraten werden, da hier erhebliche Exazerbationen zu befürchten sind. Zudem sind die angesprochenen stimulierenden Therapieverfahren in ihrer Wirksamkeit nicht belegt; vielmehr können sie zu bedrohlichen allergischen Reaktionen führen oder aber theoretisch selbst eine Infektion durch virale Kontaminationen auslösen.
Unsere wissenschaftlichen Bemühungen müssen dahin gehen, durch moderne molekularbiologische Verfahren nach möglichen Erregern zu suchen, um dann gezielt diese zu bekämpfen und ausschalten zu können. Sehr schwierig dürfte dies jedoch dann sein, wenn durch bereits überwundene Infektionen das Immunsystem so weit fehlgeleitet ist, daß auch in Abwesenheit von nachweisbaren Erregern autoaggressive Mechanismen unterhalten werden.


Prof. Dr. med.Gerd-Rüdiger Burmester
Medizinische Universitätsklinik und Poliklinik III
Zentrum für Innere Medizin
Universitätsklinikum Charité
Schumannstraße 20/21
10098 Berlin

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