ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Praxisgründung 1999/2000: Das Investitionsverhalten von Ärztinnen und Ärzten

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Praxisgründung 1999/2000: Das Investitionsverhalten von Ärztinnen und Ärzten

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2199 / B-1865 / C-1757

Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland

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LNSLNS In den Jahren 1999/2000 wurden rund 1 600 der von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank vorgenommenen Finanzierungen von ärztlichen Praxisgründungen nach einer einheitlichen Systematik ausgewertet. Die durch die „APO“-Bank in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) durchgeführte Auswertung vermittelt ein Bild über das Investitionsverhalten der Ärztinnen und Ärzte bei der Praxisneugründung und -übernahme.


Acht Formen der Praxisgründung lassen sich bei den von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank vorgenommenen Finanzierungen unterscheiden, wobei sich die folgenden Prozentsätze auf Westdeutschland (1999/2000) beziehen:
- Einzelpraxisneugründungen (21 Prozent),
- Einzelpraxisübernahmen (46 Prozent),
- Gemeinschaftspraxisneugründungen (1,5 Prozent),
- Praxisgemeinschaftsneugründungen (1,5 Prozent),
- Überführung einer bestehenden Einzelpraxis in eine Gemeinschaftspraxis (9,1 Prozent),
- Überführung einer bestehenden Einzelpraxis in eine Praxisgemeinschaft (2,6 Prozent),
- Gemeinschaftspraxis-/Praxisgemeinschaftsbeitritt (15,8 Prozent),
- andere Gründungsformen (2,5 Prozent).
Der Trend, eine Praxis zu übernehmen oder in eine bereits bestehende Praxis einzutreten, war in Westdeutschland mit 76 Prozent aller Finanzierungen sehr hoch. Knapp die Hälfte aller Finanzierungen entfiel allein auf Übernahmen einer Einzelpraxis. In Ostdeutschland waren 48,4 Prozent der durchgeführten Finanzierungen Einzelpraxisübernahmen. Der Anteil der Einzelpraxisneugründungen war mit 30,9 Prozent aller Finanzierungen höher als im Westen.
Von den in die Auswertung einbezogenen Analysebögen entfielen in Westdeutschland 67 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen und -übernahmen. 70,2 Prozent der Einzelpraxisfinanzierungen waren Übernahmen und lediglich 29,8 Prozent Neugründungen. Damit bestätigt sich der schon in den vergangenen Jahren beobachtete Trend, in eine bestehende Praxis einzutreten oder diese zu übernehmen, statt eine Praxis neu zu gründen. 32,2 Prozent der ausgewerteten Finanzierungen bezogen sich auf Gründungen von Gemeinschaftspraxen und Praxisgemeinschaften sowie den Praxisbeitritt; 0,8 Prozent der Finanzierungen betrafen sonstige Gründungsformen. Von den in Ostdeutschland erfassten Niederlassungen entfielen 79,3 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen und
-übernahmen. Die Anzahl der analysierten kooperativen Praxisgründungsformen (Anteil von 19,3 Prozent) und der sonstigen Gründungsformen (Anteil von 1,4 Prozent) ist für eine gesicherte Auswertung zu gering.
Einzelpraxen
Die folgende Auswertung bezieht sich nur auf Einzelpraxen. Es werden zunächst immer die Ergebnisse für Westdeutschland und in Klammern die entsprechenden Werte für Ostdeutschland dargestellt.
59,2 Prozent (73,6 Prozent) aller Existenzgründer waren 33 bis 40 Jahre, weitere 23,2 Prozent (13,2 Prozent) zwischen 41 und 45 Jahre alt. 14,3 Prozent (2,8 Prozent) der Ärzte waren bei der Einzelpraxisgründung älter als 45 Jahre und 3,3 Prozent (10,4 Prozent) jünger als 33 Jahre. Auch im Osten wurde der überwiegende Teil aller Finanzierungen im Alter von 33 bis 40 Jahren getätigt; gleichzeitig hatten aber junge Ärzte unter 33 Jahren im Osten einen deutlich höheren Anteil an den Einzelpraxisfinanzierungen als im Westen.
Bei den analysierten Finanzierungen zeigte sich sowohl im Westen als auch im Osten ein Schwerpunkt der Einzelpraxisgründungen in der Großstadt: 52,5 Prozent (35,9 Prozent) aller Praxisfinanzierungen lagen in der Großstadt, weitere 27,5 Prozent (30,3 Prozent) in Mittelstädten und 16,3 Prozent (24,1 Prozent) in Kleinstädten. Lediglich 3,7 Prozent (9,7 Prozent) aller finanzierten Praxen wurden in ländlichen Gebieten durchgeführt. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass 74,3 Prozent (72,4 Prozent) aller Finanzierungen auf Spezialisten entfielen, deren Niederlassung tendenziell im städtischen Bereich erfolgt.
Der Schwerpunkt der Einzelpraxisfinanzierungen lag bei Allgemeinmedizinern, Internisten und Gynäkologen. Von den Einzelpraxisfinanzierungen entfielen auf diese drei Gruppen allein 475 (85) oder 53,1 Prozent (58,6 Prozent).
Das mittlere Finanzierungsvolumen einer Einzelpraxis lag im Westen in den Jahren 1999/2000 bei 362 004 DM, im Osten bei 244 420 DM. Es errechnet sich sowohl aus Praxisneugründungen wie aus -übernahmen. Die Durchschnittsbeträge sowie alle im Folgenden genannten Werte beziehen sich nur auf die in der Grafik dargestellten Fachgebiete.
Bei Neugründung einer Einzelpraxis betrug das durchschnittliche Finanzierungsvolumen im Westen 275 341 DM und war damit günstiger als die Übernahme einer Einzelpraxis, für die im Mittel 398 712 DM gezahlt wurde. In Ostdeutschland ist der Unterschied nicht so groß: Die Einzelpraxisneugründung kostete 225 302 DM im Durchschnitt, die Übernahme 254 178 DM. Bei der Gegenüberstellung ist zu berücksichtigen, dass möglicherweise unterschiedliche Praxisgrößen in den Vergleich eingehen. Im Einzelnen ergibt sich die Aufteilung der Finanzierungsvolumina aus der Tabelle.
Bei der Praxisneugründung, die im Mittel 275 341 DM (225 302 DM) kostete, entfielen durchschnittlich 164 516 DM (151 773 DM) oder 59,7 Prozent (67,4 Prozent) auf die Investitionen für die Praxisausstattung und die medizinischen Geräte. Weitere 73 831 DM (56 429 DM) – das entspricht einem Anteil von 26,8 Prozent (25 Prozent) – wurden für den Betriebsmittelkredit benötigt, wobei es sich um den im Durchschnitt eingeräumten und nicht den letztlich in Anspruch genommenen Betrag handelt. 26 332 DM (7 953 DM) beziehungsweise 9,6 Prozent (3,5 Prozent) mussten für die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten aufgebracht werden.
Bei der Praxisübernahme wurden im Mittel 398 712 DM (254 178 DM) zur Finanzierung aufgewendet. Davon entfielen 219 512 DM (121 015 DM) oder 55,1 Prozent (47,6 Prozent) auf das Übernahmeentgelt. Dieser Betrag wird vom Praxisübernehmer an den -abgeber gezahlt und setzt sich zusammen aus dem ideellen Praxiswert sowie dem Substanzwert für Geräte und medizinische Ausstattung. Für
die Neuanschaffung medizinischer Geräte und Ausstattung bei Praxisübernahme wurden durchschnittlich 70 540 DM (68 884 DM), das entspricht einem Anteil von 17,7 Prozent (27,1 Prozent), aufgewendet. Auf den Betriebsmittelkredit entfielen 81 072 DM (53 099 DM) oder 20,3 Prozent (20,9 Prozent) und auf die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten 17 296 DM (5 458 DM) oder 4,3 Prozent (2,1 Prozent).
Beim Vergleich der Finanzierungsstrukturen für Praxisneugründungen und -übernahmen ergibt sich eine interessante Relation. Im Westen war bei der Übernahme die Summe aus ideellem und materiellem Wert der Praxis sowie Neuinvestitionen in Höhe von 290 052 DM deutlich höher als die Summe der Investitionskosten für die Praxisausstattung und die Praxisgeräte bei der Praxisneugründung in Höhe von 164 516 DM. Im Osten wurden bei Praxisübernahmen für Übernahmeentgelte und Neuinvestitionen zusammen 189 899 DM aufgewendet, während die Neuanschaffung von Praxisausstattung bei Praxisneugründung Kosten von 151 773 DM verursachte.
Die Entwicklung des Finanzierungsvolumens in Westdeutschland in den letzten zehn Jahren zeigt, dass seit In-Kraft-Treten des Gesundheitsstrukturgesetzes im Jahr 1993 die Einzelpraxisübernahme zunehmend teurer wurde als die Neugründung. Ausschlaggebend für die Entwicklung ab 1993/94 ist nicht allein die Höhe des immateriellen Übernahmeentgeltes. In einigen Arztgruppen jedoch verteuert es erst die Übernahme einer Einzelpraxis im Vergleich zur Neugründung. Es ist zu vermuten, dass im immateriellen Übernahmeentgelt in den vergangenen Jahren eine zusätzliche „Knappheitsrendite“, bedingt durch die Zulassungsbeschränkung, enthalten ist.
Die Annahme, Praxisneugründungen fänden aufgrund der Zulassungsbeschränkung überwiegend in strukturell schwierigen Gebieten und mit vorsichtigerem Investitionsverhalten aufseiten der Ärzte statt, konnte anhand der Analyse nicht bestätigt werden. Im Westen entfielen in Kleinstädten und im ländlichen Raum rund zwei Drittel aller Einzelpraxisgründungen auf Praxisübernahmen, während rund ein Drittel der Einzelpraxen neu gegründet wurden. Aber auch im groß- und mittelstädtischen Bereich wurden 29,2 Prozent aller Einzelpraxen neu gegründet.
Einzelpraxis: Ost-West-Vergleich
Um die Finanzierungsvolumina vergleichen zu können, wurden gewichtete Durchschnittsbeträge für Ost- und Westdeutschland errechnet, bei denen eine Gleichverteilung der Ärzte auf die einzelnen Arztgruppen in beiden Regionen angenommen wurde. Im folgenden Vergleich werden die gewichteten durchschnittlichen Finanzierungsvolumina für Allgemeinärzte und Fachärzte getrennt betrachtet.
Bei der Einzelpraxisneugründung finanzierten Allgemeinärzte in Westdeutschland durchschnittlich 254 589 DM, während ostdeutsche Allgemeinärzte 211 429 DM aufwendeten. Damit war das durchschnittliche Gesamtfinanzierungsvolumen bei Neugründung einer Allgemeinarztpraxis im Osten um 17 Prozent niedriger als im Westen. Der Gesamtfinanzierungsbetrag von Fachärzten lag im Osten mit 195 020 DM um 26,6 Prozent unter dem im Westen (265 848 DM).
Noch größere Unterschiede in den Gesamtfinanzierungsbeträgen zwischen Ost- und Westdeutschland zeigten sich bei der Einzelpraxisübernahme. Für diese Gründungsform finanzierten westdeutsche Allgemeinärzte durchschnittlich 299 509 DM. Ostdeutsche Kollegen zahlten im Durchschnitt 172 294 DM und lagen damit 42,5 Prozent unter Westniveau. Für die Übernahme einer fachärztlichen Einzelpraxis wurde im Osten mit 290 976 DM beziehungsweise 31,8 Prozent ebenfalls weniger gezahlt als im Westen (426 343 DM). Gerade im Hinblick auf Praxisübernahmen ist zu vermuten, dass sich in Ost- und Westdeutschland Praxisstrukturen und -größen unterschieden.
Das durchschnittliche Finanzierungsvolumen bei Einzelpraxisneugründung war in Ostdeutschland in fast allen Arztgruppen – Ausnahme: Nervenärzte/Neurologen (+5,4 Prozent) und Psychotherapeuten/Psychiater (+9,2 Prozent) – niedriger als in Westdeutschland. Besonders deutliche Unterschiede wurden bei Einzelpraxisneugründungen von Internisten (–31,6 Prozent) beobachtet. Bei der Einzelpraxisübernahme, deren Finanzierungsbeträge in allen Arztgruppen im Osten unter dem Westniveau lagen, wurde der größte Unterschied mit –55,2 Prozent bei Kinderärzten festgestellt (Tabelle).

Deutsche Apotheker- und Ärztebank
Abt. Betriebswirtschaft der Heilberufe
Postfach 10 10 31, 40001 Düsseldorf

Zentralinstitut für die
kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland
Höninger Weg 115, 50969 Köln


´Tabelle
Durchschnittliches Gesamtfinanzierungsvolumen in DM
nach Arztgruppen 1999/2000
Arztgruppe Einzelpraxisneugründung Einzelpraxisübernahme
West Ost West Ost
Allgemeinärzte 254 589 211 429 299 509 172 294
Augenärzte 411 675 – 471 826 326 500
Chirurgen 537 962 – 544 883 –
Gynäkologen 409 953 – 398 205 348 264
HNO-Ärzte 401 217 – 452 376 335 083
Hautärzte 252 313 – 403 271 208 000
Internisten 452 813 309 912 441 802 306 353
Kinderärzte 216 429 – 347 331 155 600
Nervenärzte/
Neurologen 214 859 226 429 332 600 –
Orthopäden 368 860 291 383 598 302 –
Psychotherap./
Psychiater  73 130  79 833  90 367 –
Urologen 429 500 – 509 310 –
Quelle: Deutsche Apotheker- und Ärztebank, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung 2001
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