ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2001Arnold Böcklin – Eine Retrospektive: Gegenpol zum Impressionismus

VARIA: Feuilleton

Arnold Böcklin – Eine Retrospektive: Gegenpol zum Impressionismus

Dtsch Arztebl 2001; 98(34-35): A-2198 / B-1901 / C-1774

Apke, Bernd

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LNSLNS Eine groß angelegte Ausstellung, die in drei Museen zu sehen ist,
gibt einen Überblick über die künstlerische Entwicklung des Malers.


Das Telegramm, das er zu seinem 70. Geburtstag 1897 aus Amerika erhält, ist zwar nur lapidar mit „Boecklin Europe“ adressiert, doch erreicht es den Jubilar ohne Probleme: Arnold Böcklin (1827 bis 1901) gilt in dieser Zeit im deutschsprachigen Raum als der größte Maler des 19. Jahrhunderts. Entsprechend aufwendig fallen denn auch die Gedächtnisfeiern zu seinem Tod aus: Altäre mit lodernden Opferschalen, theatralische Inszenierungen mit Huldigungen und Deklamationen. Lange Trauerzüge in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz zeugen von der Begeisterung, die Böcklins Kunst bei seinen Zeitgenossen auszulösen vermag.
Die Ausstellung der Werke des Meisters, die nun vom Basler Kunstmuseum, dem Pariser Musée d'Orsay und der Münchner Neuen Pinakothek aus Anlass der 100. Wiederkehr des Todestages organisiert worden ist, wird den zeitgenössischen Besucher jedoch nur schwerlich in eine solche Böcklin-Euphorie versetzen wie die Menschen vor einem Jahrhundert. Heute sind es vor allem die heiteren, mit bunten und hellen Farben gemalten Bilder der Impressionisten, die dafür sorgen, dass die Menschenmassen vor Museen Schlange stehen. Böcklin aber vertritt quasi den Gegenpol zum Impressionismus: Der gebürtige Basler nimmt ihn schlichtweg gar nicht erst zur Kenntnis – er lebt in einer anderen Welt. Statt einer impressionistischen Momentaufnahme städtischen Lebens findet man bei Böcklin den Rückzug in eine arkadische Natur, statt einer Teilhabe an der Geschichte interessiert ihn nur der Mythos.
Das, was Böcklin bewegt, wird schon in seiner Studienzeit deutlich, als er 1848 während eines kurzen Studienaufenthaltes in Paris Zeuge der blutigen Februar- und Junirevolution wird und traumatisiert auf Anraten seines Mentors Jacob Burckhardt kurze Zeit später nach Rom umsiedelt. Sein Leben lang bleibt denn auch Italien Böcklins bevorzugtes Land.
Während er in seiner Frühzeit dunkle, schwere Landschaften malt, denen er ein paar Figuren als Staffage beigesellt, entwickeln sich die zunächst kaum kenntlichen Wesen allmählich zu den Bedeutungsträgern in den Gemälden. Der Maler zeigt nicht Zeitgenossen, sondern Mischwesen zwischen Mensch und Tier und orientiert sich dabei häufig an den Metamorphosen des Ovid. Hier erschreckt der bocksfüßige Pan einen Hirten, dort jagt ein Kentaur, ein Mann mit dem Unterleib eines Pferdes, eine erschrokkene Nymphe. Mal malträtieren sich haarige Kentauren in blutigem Kampf, mal räkeln sich barbusige Nereiden, Frauen mit einem Fischunterleib, auf Felsen im Meer. Immer geht es bei Böcklin um Grundsätzliches: Begehren und Kämpfen, Sehnsucht und Tod, aber auch Spielen und Zeitvertreib. Häufig findet sich in den Bildern auch die Ironie. Die Idealwelt der Mythen interessiert Böcklin nur dann wirklich, wenn er sie mit Trivialem kombinieren kann. Die Tritonen und Nymphen sind eben oft nur beschränkte Kleinbürger und insofern Persiflagen auf ihre idealen Vorbilder – aber das sieht man eben erst auf den zweiten Blick.
Allmählich wird Böcklins Werk dann symbolistisch. Eines seiner bekanntesten Werke, die „Toteninsel“ von 1880, bringt die neue Stimmung auf den Punkt. Der Maler zeigt einen magisch leuchtenden Felsen im Meer vor finsterem Nachthimmel. Ein Nachen mit weißem Sarg und stehender weißer Rückenfigur gleitet auf die mit dunklen Zypressen kenntlich gemachte Felseinfahrt zu, an deren Seiten sich große Grabkammern öffnen. Die suggestive Wirkung dieses Bildes, von dessen fünf Fassungen die Ausstellung drei präsentieren kann, ist im doppelten Sinne ungeheuerlich. Die tiefe Verlorenheit und Melancholie, die Sehnsucht nach einem endgültigen Aufgehobensein ergreift auch heute noch zutiefst.
Bild des Untergangs
Einige Räume weiter dann das Entsetzen der „Pest“ von 1898. Auf einem fledermausartigen Ungeheuer reitet der Tod mit weit ausholender Sense direkt auf den Betrachter zu, den wohl als nächster der endgültige Hieb ereilen wird. Aus dem Maul des Ungeheuers strömt Dampf, der die Menschen in der Straße hinter ihm bereits hingestreckt hat. Das Bild des Untergangs: eine Ikone der Jahrhundertwende und ein Spiegel der Ängste um 1900.
Die groß angelegte Böcklin-Schau zeigt einen Maler der anderen Wirklichkeit: Ihn interessiert das, was hinter dem Außen liegt – und was die Menschen mindestens so stark bewegt wie der impressionistische Glanz der Oberflächen. Bernd Apke


Arnold Böcklin: „Die Pest“, 1898, Tannenholz , unvollendet , 149,5 x 104,5 cm


Arnold Böcklin: „Die Toteninsel“, 1880, Leinwand, doubliert, 111 x 155 cm

Die Ausstellung „Arnold Böcklin – Eine Retrospektive“ ist bis 26. August im Kunstmuseum Basel (St. Alban-Graben 16, CH-4010 Basel) zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags: 10 bis 17 Uhr, mittwochs: 10 bis 19 Uhr. Katalog: 60 sFr. Vom 1. Oktober bis 15.
Januar 2002 ist die Ausstellung im Pariser Musée d’Orsay (62, rue de Lille, F-75343 Paris) zu sehen. An-schließend wandert sie vom 14.
Februar bis 26. Mai 2002 in die Münchner Neue Pinakothek (Barer Straße 29, 80799 München).
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