ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1996Qualitätssicherung: Marketing mit Zertifikat

POLITIK: Aktuell

Qualitätssicherung: Marketing mit Zertifikat

Schmidt, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Qualitätssicherung ist en vogue. Inzwischen schmücken sich schon vier Krankenhäuser, eine Apotheke (des Klinikums Innenstadt der Universität München), eine Augenarztpraxis (Dr. Peter Ziegler, Boppard) und sogar eine gesetzliche Krankenkasse (BKK B. Braun Melsungen) mit einem speziellen Qualitätssiegel, dem Zertifikat nach der Norm ISO 9000 ff. Sie dokumentieren damit nach außen einen bestimmten Qualitätsstandard. Die BKK Braun Melsungen gibt freimütig zu, daß sie mit dem Zertifikat auch ihre Position im Kassenwettbewerb stärken will. Die werbende Außenwirkung ist den Zertifizierten, die dafür viel Geld ausgegeben haben, sicher nicht unwillkommen. Die europäische Norm zur Qualitätssicherung DIN EN ISO 9000 ff. wird seit ihrer Einführung im Jahr 1987 in mehr als 70 Ländern anerkannt und bislang vor allem im produzierenden Gewerbe und in der Industrie eingesetzt. Mehr und mehr kommen jetzt auch der Dienstleistungsbereich und damit das Gesundheitswesen hinzu. Die ISO 9000 beschreibt keine Leistungsstandards, sondern ist eine Systemnorm: Sie legt die Einrichtung eines Qualitätsmanagementsystems und die Elemente, die ein solches System enthalten muß, fest. In einem 20 Kapitel umfassenden Handbuch werden die Maßnahmen zum Nachweis der Qualitätssicherung festgehalten wie Verantwortung der Unternehmensleitung, Identifikation von Leistungen, Korrekturmaßnahmen oder Schulung. In einem Zertifikataudit wird durch externe Auditoren geprüft, ob das Qualitätsmanagementsystem den Anforderungen der ISO 9001, 9002 oder 9003 entspricht und ob es in der Praxis angewendet wird. Ist das der Fall, wird ein Zertifikat erteilt als Bescheinigung, daß ein funktionierendes Qualitätsmanagementsystem angewendet wird. Zwischen 15 000 DM und 60 000 DM kostet die Prüfung der Einrichtung samt Erteilung des Zertifikats.
Die Aussagekraft für den Verbraucher und Kunden von Dienstleistungsunternehmen ist minimal. Das ISOSiegel belegt zwar, daß bestimmte Ausstattungs- und Organisationsmerkmale vorliegen, doch über die Qualität der medizinischen und pflegerischen Versorgung sagt es nichts aus. Die Bundes­ärzte­kammer, die Krankenkassen-Verbände und auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. sind deshalb bereits im Frühjahr auch gemeinsam auf Distanz gegangen: Die Zertifizierungswelle sei nicht sachgerecht, betonen sie unisono, und werde daher nicht von ihnen unterstützt. Krankenhäuser sollten den "zweifelhaften Nutzen derartiger teurer Verfahren verantwortungsbewußt erwägen".

Beschränkte Aussagekraft
Geschäftsführer Karl-Josef Schmidt vom St.-Josefs-Hospital in Wiesbaden, das als erstes Krankenhaus in Deutschland nach ISO 9001 (vom TÜV Rheinland) im Januar 1996 zertifiziert wurde, räumt ein: "Die Normenreihe kann und will keine Leistungsstandards setzen. Sie nennt vielmehr Forderungen an ein Qualitätsmanagementsystem, das eine systematische Verhütung von Fehlern ermöglicht. Das Qualitätsmanagement-Handbuch liefert den Rahmen, um die betrieblichen Abläufe transparent zu machen und die Verantwortlichkeiten und Kompetenzen zu regeln." Das St.-Josefs-Hospital nehme nicht in Anspruch, eine besonders hohe oder sogar eine bessere Qualität als alle anderen Krankenhäuser zu bieten, versichert Schmidt, doch habe die Zertifizierung eine Qualitätsverbesserung auf allen Ebenen gebracht. Für Dr. Martin Beuel, Leitender Arzt der Fachklinik Haus Kraichtalblick, ist das ISO-Zertifikat kein Abschlußstempel, sondern lediglich eine Bescheinigung, daß derzeit ein funktionierendes Qualitätsmanagementsystem angewendet wird. Es ist deshalb auch auf zwei Jahre befristet und muß regelmäßig erneuert werden. Ihm ist wichtig, daß dieses Qualitätsmanagementsystem eine permanente Einladung an alle Mitarbeiter darstellt, die Arbeitsprozesse weiter zu verbessern. Die Fachklinik in KraichtalOberacker ist nach eigenen Angaben die erste Suchtklinik und Rehabilitationseinrichtung in Deutschland, die ein Zertifikat nach DIN EN ISO 9001 (durch die TÜV CERT-Zertifizierungsstelle des TÜV Südwest) erhalten hat. Klaus Schmidt, München

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote