ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Medikamenten-Pass: Geteiltes Echo

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Medikamenten-Pass: Geteiltes Echo

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2212 / B-1884 / C-1768

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LNSLNS Datenschützer befürchten „gläsernen Patienten“.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt will mit der Einführung eines elektronischen Medikamentenpasses die Arzneimittelsicherheit verbessern. Mit Vertretern der Ärzte und Apotheker verständigte sie sich am 23. August in Berlin auf die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die Einzelheiten „so zügig wie möglich“ erarbeiten soll. Ihr sollen ein Vertreter des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, ein Pharmakologe und ein IT-Experte angehören.
Anlass des Treffens der Ministerin mit dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, und dem Präsidenten der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Hans-Günter Friese, war der „Fall Lipobay“.
Obwohl Deutschland ein gutes System der Arzneimittelüberwachung habe, müssten die Informationen über verordnete Arzneimittel besser vernetzt werden, sagte Schmidt. Probleme mit dem Datenschutz sieht sie nicht, wenn gewährleistet ist, dass Dritte nicht auf die Daten zugreifen können: „Sicherheit muss Vorrang haben vor datenschutzrechtlichen Bedenken“, betonte die Ministerin. Während Ärzte, Apotheker und Pharmaindustrie die Einführung des Medikamentenpasses grundsätzlich befürworten, stößt er bei Politikern verschiedener Parteien, Datenschützern und den Krankenkassen auf Widerstand.
Der AOK-Bundesverband hat die Pläne der Ministerin als „teuren Irrweg“ abgelehnt. Der stellvertretende Vorsitzende, Dr. Rolf Hoberg, forderte stattdessen – wie auch der BKK-Bundesverband – die Einführung eines elektronischen Rezepts. Dabei werde die Arzneimittelverordnung des Arztes auf einem datengeschützten Gesundheitsserver hinterlegt. Der Patient autorisiere per PIN-Nummer den Apotheker zur Einsicht in die dort abgelegte Verordnung. Bestehe der Verdacht, dass es bei einem Präparat auffällig häufig zu Nebenwirkungen komme, könne dieser umgehend geprüft und die Ärzte der Patienten können informiert werden. Mit dem Arzneimittelpass sei das nicht möglich.
Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Dr. Joachim Jacob, ist der Auffassung, dass eine elektronische Speicherung von Arzneimittelverordnungen dem Einzelnen mehr schadet als nützt. Arzneimitteldaten ließen immer Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand zu. Er plädierte deshalb für einen Pass auf freiwilliger Basis. Auch die Grünen reagierten skeptisch. Arbeitgeber und Versicherungen seien an solchen Informationen brennend interessiert, warnten die gesundheits- und innenpolitischen Sprecher Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir.


Berieten über Fragen der Arzneimittelsicherheit: Manfred Richter-Reichhelm, Ulla Schmidt, Jörg-Dietrich Hoppe und Hans-Günter Friese (von links)
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