POLITIK

Heroinprojekt: Die Schwelle wird niedriger

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2228 / B-1898 / C-1782

Bartmann, Peter

Der Erfolg eines heroingestützten Therapieangebots wird von der Qualität der psychosozialen Betreuung abhängen.


Der Startschuss ließ lange auf sich warten. Erst nach zeitaufwendigen Verhandlungen konnte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), jetzt die Umsetzung eines Projekts ankündigen, das Konsumenten „harter“ Drogen einen kontrollierten Bezug von Heroin aus ärztlicher Hand ermöglichen soll. Das Bundesministerium für Gesundheit, Niedersachsen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen sowie die Kommunen Bonn, Frankfurt, Hannover, Karlsruhe, Köln und München schrieben in einem Kooperationsvertrag Rahmenbedingungen und Kostenaufteilung des Projekts fest. Nach positiven Ergebnissen ähnlicher Projekte in England, den Niederlanden und der Schweiz hatte die Bundes­ärzte­kammer ein derartiges Modell bereits Anfang 1998 gefordert.
Obwohl in Deutschland an den Folgen des Tabakkonsums jährlich 55-mal mehr Menschen sterben als durch den Gebrauch illegaler Substanzen, misst die Gesundheitspolitik der Prävention, Kontrolle und Rehabilitation bei der Opiatabhängigkeit nach wie vor große Bedeutung zu. Immer noch ist umstritten, wodurch das Abrutschen in Beschaffungskriminalität, Prostitution und soziale Verelendung stärker bewirkt wird: durch den Drogengebrauch selbst oder durch seine staatliche Sanktionierung.
Mit der Neuerung in der Drogenpolitik sollen Opiatabhängige, die von bisherigen Hilfsangeboten nicht erreicht werden, unter staatlicher Aufsicht Heroin erhalten. Das Modell ist auf drei Jahre begrenzt und sieht für 560 Patienten eine ärztliche Abgabe spritzfertigen Heroins in mehreren Tagesportionen vor. Eine gleich große Referenzgruppe soll einmal täglich Methadon erhalten. Untersucht werden soll, ob die heroingestützte Behandlung den Gesundheitszustand und die soziale Situation von Schwerstabhängigen verbessern kann. Man hofft, dass sich dadurch die Beschaffungskriminalität verringert und mehr Abhängigen als bisher ein erster Schritt auf dem Weg zur Abstinenz gelingt.
Kritiker der Initiative wie Hubert Hüppe, drogenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, bemängeln an dem Vorstoß, er gehe zulasten der etablierten Drogenhilfe. Hüppe erwartet, dass das Projekt jährlich mehr als 36 Millionen DM kosten könnte und dafür Mittel aus anderen Bereichen abgezogen werden. Für die Prävention stehe nur ein Drittel dieses Betrags bereit. Bei der Methadon-Behandlung fehlten noch immer „greifbare Mindeststandards für die psychosoziale Behandlung“. Die nordrhein-westfälische FDP begrüßte indes das Projekt. Es werde sich als Hilfe für Schwerstabhängige bewähren, erklärte die drogenpolitische Sprecherin Ute Dreckmann. Der Prävention müsse jedoch weiterhin Vorrang eingeräumt werden.
Das schwierigste Problem wird einhellig in der Polytoxikomanie und dem unkontrollierten Beikonsum vieler Abhängiger gesehen. Deshalb ist in der Projektplanung durch das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg eine wissenschaftliche Überwachung vorgesehen. Ob das Design eingehalten werden kann, wird davon abhängen, wie ähnlich Schwerstabhängige, die das Methadonprogramm bisher nicht in Anspruch nehmen, der Gruppe der Methadonsubstituierten sind. Von weit mehr als 100 000 Konsumenten harter Drogen in Deutschland ist nur ein Teil in Behandlung oder erhält eine Substitution.
Der Erfolg der Initiative wird wesentlich von der Qualität des psychosozialen Begleitangebots abhängen. Der Bund wird neben der wissenschaftlichen Begleitung auch die Hälfte der Aufwendungen für die medizinische Betreuung und die Sozialarbeit tragen. Das auf Großstädte zugeschnittene Projekt wird als Baustein eines differenzierten Maßnahmenkatalogs verstanden. Die Politik einer Schadensbegrenzung weicht das prohibitorische Prinzip in der Drogenpolitik nur scheinbar auf. In Wirklichkeit setzt sie eine neue – „niedrigschwellige“ – Stufe vor die steile Treppe des Aufstiegs aus der Abhängigkeit.
Dr. med. Peter Bartmann


Der Löffel soll verschwinden. Drogenpolitiker erhoffen bessere Entwöhnungschancen bei besserer Hygiene.


Manche Ärzte befürchten bei den Abhängigen eine Verfestigung der Sucht – und dass der „Staat zum Dealer“ werden könnte.


Befürworter halten dem
entgegen, hier werde nicht Versorgung geleistet, sondern lediglich der Grundstein für eine qualifiziertere Therapie gelegt.
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