ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001NS-Psychiatrie: Gedenken an die Opfer

THEMEN DER ZEIT

NS-Psychiatrie: Gedenken an die Opfer

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2250 / B-1918 / C-1801

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LNSLNS Mahnmal erinnert an Deportation und Tötung

An die Deportation und Ermordung psychisch Kranker während der NS-Zeit erinnert ein Mahnmal auf dem Gelände des heutigen Landeskrankenhauses Wunstorf in Niedersachsen. Im Rahmen einer Gedenkstunde wurde es am 17. August enthüllt. In den Jahren 1940/41 war die damalige Landes-Heil- und -Pflegeanstalt Wunstorf Ausgangspunkt für die Deportation und fast vollzählige Ermordung von 370 Patientinnen und Patienten.
Der erste Transport im September 1940 führte 158 Patienten jüdischen Glaubens in das alte Zuchthaus Brandenburg mit der Tarnbezeichnung „Landespflegeanstalt“, der ersten Tötungsanlage in Deutschland. Die folgenden Deportationen von 212 psychisch Kranken wurden als „planwirtschaftliche Verlegung“ deklariert. Sie führten zunächst in andere Anstalten wie Idstein, Scheuern und Eichberg, die Durchgangsstationen der so genannten T4-Aktion waren. Von dort wurden die wegen ihrer psychischen Leiden als „lebensunwert“ bezeichneten Opfer in Tötungseinrichtungen oder -Anstalten, wie zum Beispiel Hadamar (Hessen), gebracht. Die T4-Aktion wurde nach der Rücknahme des „Euthanasieerlasses“ am 24. August 1941 in vielen Anstalten in ganz Deutschland in ungeregelter, willkürlicher Form fortgesetzt. Die Anstalt Wunstorf löste sich am 1. September 1941 auf, die verbliebenen Kranken wurden verlegt.
Die Tötung psychisch kranker Juden und die T4-Aktion werden im Nachhinein als ein Probelauf für den Holocaust gesehen. Späteren Vernichtungsaktionen an Juden, Sinti, Roma und Homosexuellen dienten sie als „Vorbild“. Heute geht man von insgesamt etwa 200 000 Opfern unter den psychisch Kranken aus. Das Landeskrankenhaus Wunstorf nahm den 60. Jahrestag der letzten Deportation aus der damaligen Pflegeanstalt zum Anlass, an die Opfer zu erinnern. Die Gedenktafel ist an einem Arrangement aus Eisenbahnschwellen angebracht, die auf einem Rasen als schmale Palisade aufgestellt sind. Zu ihnen hin führen auf dem Rasen Schwellenstücke.
Die Wanderausstellung „Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen“, die die Thematik vertieft, ist vom 28. Oktober bis zum 16. Dezember 2001 im Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager in Papenburg zu sehen. TA


Aufschrift der Gedenktafel:
Wir gedenken der Patientinnen und Patienten, die unter dem Naziregime aus der Landes-Heil- und -Pflegeanstalt Wunstorf abtransportiert und grausam ermordet wurden

Im September 1940 wurden 158 psychisch Kranke jüdischen Glaubens aus ganz Norddeutschland hierher verbracht und am 27. 9. 1940 zum Zuchthaus Brandenburg in den Gastod geschickt

Vom 23. 4. 1941 bis zum 1. 8. 1941 wurden 212 Kranke, denen wegen psychischer Nervenleiden ihr Lebensrecht abgesprochen war, durch drei Transporte in die Anstalten Idstein, Scheuern und Eichberg und von dort in Tötungsanstalten gebracht

Gedenken macht Leben menschlich
Vergessen macht es unmenschlich

Mahnmal auf dem Gelände des Landeskrankenhauses Wunstorf
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