ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Wissenschaftstheorie - Doppelblind bei alternativen Heilverfahren: Mangelhafte Argumentation

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Wissenschaftstheorie - Doppelblind bei alternativen Heilverfahren: Mangelhafte Argumentation

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2251 / B-1919 / C-1802

Schilling, Tom

von Georg Ivanovas in Heft 13/2001 Zu dem Beitrag erhielt die Redaktion eine Reihe kritischer Zuschriften, die im Folgenden in einer Auswahl mit einem Schlusswort des Autors wiedergegeben werden. Dieser geht darin auch ein auf den Beitrag „Wirksamkeitsprüfung: ,Doppelblindstudien‘ und komplexe Therapien“ von Schuck et al. in Heft 30/2001.
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LNSLNS Es ist sehr löblich von dem Autor, sich für die wissenschaftliche Anerkennung der Homöopathie und anderer, nicht näher definierter Heilverfahren stark zu machen und die Beurteilbarkeitskriterien dieser Therapien kritisch zu hinterfragen. Leider ist dies schon nahezu alles, was sich Positives über diesen Beitrag sagen lässt.
Die Argumentationsrichtung des Artikels ist leicht zu durchschauen, wenn man sich die Vorhaltungen, denen sich die Homöopathie ausgesetzt sieht, vor Augen führt. Der Autor nennt zwei Hauptvorwürfe und bemüht sich um deren Widerlegung: Erstens sei der Wirkmechanismus nicht geklärt (sieht man von esoterischem Geschwafel über „Energien“ ab), und zweitens schneide die Homöopathie gegenüber Placeboeffekten nicht besser ab. Den ersten Vorwurf hat der Autor zu Recht mit dem Satz widerlegt, dass sich die therapeutische Wirkung unabhängig von unseren Modellvorstellungen entfaltet – oder eben auch nicht. Die zu dieser Schlussfolgerung führende Argumentation ist allerdings mangelhaft. Anhand des Fallbeispiels einer therapeutisch wirksamen NaCl-Injektion wird ein Pseudowiderspruch konstruiert, dass der Placeboeffekt als nichttherapeutisch definiert werde. Allerdings existiert die postulierte Demarkationslinie nicht, weil die Definition des Placeboeffekts nicht ein nichttherapeutischer, sondern ein unspezifischer therapeutischer Effekt ist. Der Placeboeffekt zeichnet sich dadurch aus, dass der therapeutische Effekt unabhängig davon ist, ob sich in der Spritze NaCl, Glucoselösung oder Eigenblut befindet. Im Gegensatz dazu ist der Verumeffekt eben gerade nicht mit anderen Mitteln reproduzierbar. Dem Autor scheint diese Tatsache zumindest unbewusst klar zu sein, da er das Argument ins Feld führt, dass Verum und Placebo zwei statistische Größen seien und deshalb im Einzelfall keine Beurteilung der Wirksamkeit erlauben würden.
Worin allerdings der Widerspruch zwischen diesen Feststellungen liegt, bleibt das Geheimnis des Autors, welches auch nicht durch den exzessiven Gebrauch des Wortes Logik enthüllt wird. Die Physik galt lange Zeit als die Kausalitätswissenschaft schlechthin. Mittlerweile ist man auch in diesem Zweig der Wissenschaft davon abgerückt, strenge Einzelfallkausalitäten zu postulieren, man spricht vielmehr von Ereigniswahrscheinlichkeiten. Es ist möglich, dass sich aufgrund der zufälligen Synchronität der ungeordneten Teilchenbewegungen ein Traktor entgegen der Schwerkraftwirkung bewegen kann. Dass solche Ereignisse extrem unwahrscheinlich sind, wird auch der Autor aus seinem Ereignishorizont heraus bestätigen können. Dennoch ist es falsch, aufgrund der Möglichkeit des unwahrscheinlicheren Falles (Bewegung entgegen der Schwerkraft, Wirkung des Placebos) die Existenz und die höhere Wahrscheinlichkeit des anderen Falles (Bewegung mit der Schwerkraft, Wirkung des Verums) anzuzweifeln.
Den zweiten Vorwurf will der Autor mit der Behauptung entkräften, indem er die Nichtanwendbarkeit des Doppelblindversuchs auf die Homöopathie postuliert. Dies versucht er damit zu begründen, dass der Doppelblindversuch nur Elemente einer Klasse messen könne, während der Homöopath die gesamte Klasse der Elemente bemisst. Allerdings muss auch der Homöopath Parameter für einzelne Elemente untersuchen, anhand derer er den Erfolg oder Misserfolg seiner Therapie validiert. Diese – individuellen – Parameter sind dann wiederum einer Doppelblindstudie zugänglich. Diesen Fakt versucht der Autor zu verschleiern, indem er die Ausleseparameter als ungenügend definiert beschreibt, zum Beispiel die temporäre Verschlechterung von Kopfschmerzen oder die Zunahme von Herpes. Allerdings führen meines Wissens Chirurgen immer noch sinnvolle Doppelblindstudien durch, obwohl sich häufig postoperativ der Zustand des Patienten verschlechtert. Eine adäquate Definition der Ausleseparameter ist auf jeden Fall notwendige Voraussetzung eines Studiendesigns, und die Verletzung dieser Voraussetzung stellt nicht das Studienprinzip infrage.
Interessant ist die Frage nach der Vergleichbarkeit von spezifischen Arzneimitteln und einer homöopathischen Behandlung. Dies wird vom Autor mit Verweis auf die formale Logik abgelehnt, obwohl eher zu vermuten ist, dass er die unterschiedlichen Konzepte – symptomorientierte versus ganzheitliche Therapie – nicht miteinander verglichen wissen möchte. Der Grund der Ablehnung erschließt sich auch nicht aus dem weiterführenden Internettext. Es wäre sehr wohl möglich, eine Doppelblindstudie einzurichten, bei dem eine Validierung durch den Patienten und/oder Therapeuten erfolgen könnte, ob im Anschluss an die Behandlung in Bezug auf Allgemeinzustand und/ oder das auslösende Symptom eine Verbesserung eintritt.
Auf jeden Fall möchte ich dem Autor zustimmen, dass das Konzept der spezifischen (also der rein symptomorientierten, wenn ich den Autor richtig verstehe) Heilung seine Grenzen hat und es das Verdienst der ganzheitlichen Medizin ist, diese Grenzen aufzuzeigen.
Tom Schilling,
Institute of Physiology, Department of Neurophysiology,
Tucholskystraße 2, 10117 Berlin
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