ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Wissenschaftstheorie - Doppelblind bei alternativen Heilverfahren: Fortschritt der Medizin bleibt unbeachtet

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Wissenschaftstheorie - Doppelblind bei alternativen Heilverfahren: Fortschritt der Medizin bleibt unbeachtet

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2253 / B-1925 / C-1716

Frölich, J. C.

von Georg Ivanovas in Heft 13/2001 Zu dem Beitrag erhielt die Redaktion eine Reihe kritischer Zuschriften, die im Folgenden in einer Auswahl mit einem Schlusswort des Autors wiedergegeben werden. Dieser geht darin auch ein auf den Beitrag „Wirksamkeitsprüfung: ,Doppelblindstudien‘ und komplexe Therapien“ von Schuck et al. in Heft 30/2001.
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LNSLNS In seinen historisch interessanten Darlegungen geht Ivanovas auf ein Problem ein, welches eine der besten Erklärungen für die Entstehung der Homöopathie überhaupt ist: Er schreibt, dass die Homöopathie sich mit Symptomatik befasse und nicht mit Diagnosen. Dies ist eine hochinteressante Aussage, die das Dilemma und die Lösung des Problems durch Hahnemann aufzeigt. Hahnemann war ein sorgfältig beobachtender Arzt, und ihm war klar, dass die Diagnosen seiner Zeit Krankheiten völlig unzulänglich beschrieben. Statt sich auf diese ungewissen pathophysiologischen Vorstellungen zu verlassen, verließ er sich auf das, was er beobachten konnte, nämlich die Symptome. An dieser Stelle öffnet sich denn auch der Bruch zur modernen Medizin: Unsere diagnostischen Methoden haben sich in einem unvorstellbaren Maß gegenüber denen von Hahnemann verbessert. Unsere pathophysiologischen Vorstellungen sind mit denen seiner Zeit nicht mehr vergleichbar.
Die weiteren Ausführungen zeigen, dass die Homöopathie und ihre Vertreter nicht nur grundsätzlich gegen die moderne Medizin gestellt sind, sondern offensichtlich auch von ihr keine annähernd adäquate Vorstellung mehr haben. Die Behauptung, Digitalis würde das Leben verkürzen und nicht mehr eingesetzt, ist grundfalsch. Digitalis ist nach wie vor ein wesentliches Medikament in der Behandung der schweren Herzinsuffizienz der New York Heart Association, Klassen drei und vier. Die Behauptung, ein Doppelblindversuch könne keine Aussage dazu machen, ob ein Medikament der Gesundheit förderlich sei oder nicht, zeigt, dass der Autor allerwichtigste Studien der letzten Jahre nicht zur Kenntnis genommen hat, so zum Beispiel die CAST-Studie (New England Journal of Medicine 1999; 324: 781). In dieser Doppelblindstudie wird klar gezeigt, dass die Gabe des Antiarrhythmikums zu mehr Todesfällen führt als die Gabe des Placebos. Ist das keine Aussage zu der Frage, ob das Medikament der Gesundheit förderlich ist oder nicht?
In Ivanovas’ Ausführungen taucht auch wieder die Formulierung auf, „der gesamten Person zu einem besseren Zustand verhelfen zu wollen“. Die Unterstellung ist, dass der auf naturwissenschaftlicher Basis arbeitende Arzt dieses Ziel nicht im Auge hat. Diese Unterstellung ist völlig abwegig. Im Gegensatz zur Homöopathie wird dieses Ziel jedoch auf dem Weg einer umfänglichen Diagnostik physischer und psychischer Faktoren erreicht, und es wird mit Methoden therapiert, über deren Ausgang im Rahmen von klinisch-pharmakologischen Untersuchungen Klarheit besteht. Der Versuch, die Homöopathie dadurch zu retten, dass man den Doppelblindversuch angreift und sich in die Zeiten Hahnemanns zurückversetzt, ist nicht nur ein zeitlicher Rückschritt.

Prof. Dr. med. J. C. Frölich,
Institut für Klinische Pharmakologie,
Medizinische Hochschule Hannover,
Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
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