ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Sanitätsdienst der Bundeswehr: Partner im zivilen Gesundheitswesen

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Sanitätsdienst der Bundeswehr: Partner im zivilen Gesundheitswesen

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2256 / B-1924 / C-1807

Demmer, Karl W.

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LNSLNS Der Sanitätsdienst der Bundeswehr vollzieht zurzeit die umfassendste Strukturreform seiner Geschichte. Dabei spielt auch eine enge Kooperation mit dem zivilen Gesundheitswesen eine wichtige Rolle.


Wenn in den letzten Jahren über den Sanitätsdienst der Bundeswehr berichtet wurde, standen Nachrichten über Einsätze in Kambodscha, Somalia, auf dem Balkan, in Ost-Timor oder Mosambik im Vordergrund, die das gewachsene Leistungsvermögen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr eindrucksvoll unter Beweis stellten. Um dauerhaft ihren Aufgaben insbesondere im Einsatz gerecht zu werden, unterzieht sich die Bundeswehr und damit auch ihr Sanitätsdienst derzeit der größten umfassendsten Strukturreform ihrer Geschichte. Für den Sanitätsdienst bietet dies die Chance, einen effektiven, leistungsfähigen und verlässlichen Dienstleister „Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr“ gleichberechtigt neben Heer, Luftwaffe und Marine sowie dem „zentralen Unterstützungsbereich“, der Streitkräftebasis, zu etablieren.
Der Bundesminister der Verteidigung hat im Juni 2000 auf der Basis einer umfassenden Bestandsaufnahme entschieden, dass die sanitätsdienstlichen Kräfte und Mittel, die bisher auf Heer, Luftwaffe, Marine, Zentrale Militärische Dienststellen der Bundeswehr und Zentrale Sanitätsdienststellen der Bundeswehr verteilt waren, in einem Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr (ZSanDstBw) zusammengeführt werden. Diese Entscheidung war die Grundlage für die seither im Bundesministerium der Verteidigung durchgeführten intensiven Untersuchungen und weitergehenden Planungen. Ein Schwerpunkt war die Ausrichtung des Sanitätsdienstes auf seine Kernaufgabe: die qualitativ hochwertige sanitätsdienstliche Versorgung im Einsatz.
Das Grundprinzip der neuen Sanitätsstruktur liegt einerseits in der Zusammenfassung der Sanitätskräfte in einem Behandlungs- und Ausbildungsverbund unter einheitlicher truppen- und fachdienstlicher Führung des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr und andererseits in der weitgehenden Integration des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in das deutsche Gesundheitsversorgungssystem. Für die Neugestaltung waren bestimmend:
- die fachlichen Vorgaben für eine zeitgemäße medizinische Versorgung
- die Einsatzanforderungen und Gefährdungsprofile für unsere Soldaten
- die Prinzipien effizienten und effektiven Wirtschaftens.
Die Maxime für die sanitätsdienstliche Auftragserfüllung im Auslandseinsatz ist unverändert, den Soldaten im Falle einer Erkrankung, eines Unfalls oder einer Verwundung medizinische Versorgung zuteil werden zu lassen, die dem fachlichen Standard in Deutschland entspricht.
Diese Vorgabe ist entscheidend für die Einsatzgrundsätze des Sanitätsdienstes und für seine personelle und materielle Ausstattung.
Das sanitätsdienstliche Einsatzkonzept sieht ein System von leistungsfähigen Sanitätseinrichtungen vor, die mit Luft- und Straßentransportmitteln verknüpft werden.
Als Endpunkt einer funktionierenden Rettungskette wird im Einsatzland grundsätzlich ein Lazarett betrieben. Diese – zugegebenermaßen aufwendige – Vorgehensweise hat sich in den vergangen Jahren bewährt, zumal viele unserer Verbündeten oder Partner als Resultat von Streitkräftereduzierungen und des damit verbundenen Abbaus auch von sanitätsdienstlichen Kapazitäten bei der klinischen Versorgung ihrer Soldaten Abstriche machen mussten. Deutschland dagegen kann auch im multinationalen Verbund einen substanziellen Beitrag für die sanitätsdienstliche Betreuung der im Gesamtverbund eingesetzten Soldaten leisten.
Eine wichtige Voraussetzung für die Gewährleistung einer hohen Qualität der sanitätsdienstlichen Unterstützung im Einsatz ist die Ausstattung mit hochwertigem Material, welches weitgehend unabhängig von den Umgebungsbedingungen eine medizinische Behandlung ermöglicht, die im Ergebnis deutschen Qualitätsanforderungen entspricht. Zu diesem Zweck sind die Modularen Sanitäts-Einrichtungen (MSE) in die Bundeswehr eingeführt worden.
Eine solche Einrichtung
- bietet die Voraussetzung für eine von der vorhandenen Infrastruktur unabhängige, fachlich hoch stehende sanitätsdienstliche Versorgung bei Einsätzen weltweit
- kann durch ihren modularen Aufbau an wechselnde Auftragslagen angepasst werden und
- stellt eine zukunftssichere Investition dar, da die Sanitätsausstattung in den Containern und Zelten fortlaufend dem medizinischen Fortschritt angepasst werden kann.
Dieses Rüstungsvorhaben hat für die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte größte Bedeutung. Der Sanitätsdienst benötigt eine adäquate Ausrüstung, um den Anforderungen des erweiterten Aufgabenspektrums begegnen zu können.
Ebenso unabdingbar für das Erreichen des geforderten medizinischen Standards ist kontinuierliches Üben des sanitätsdienstlichen Personals. Es muss im Inland ständig im medizinischen Betrieb tätig und im Team abrufbar sein. Die Bundeswehrkrankenhäuser bleiben daher eine feste Größe im Sanitätsdienst. Wie die Erfahrungen anderer Länder zeigen, kann nur durch direkte Zugriffsmöglichkeiten auf Fachpersonal in eigenen Einrichtungen gewährleistet werden, dass dieses qualifizierte Personal in ausreichendem Umfang jederzeit für Einsätze verfügbar ist. Um die Kapazitäten qualitativ und quantitativ zu garantieren, werden die Bundeswehrkrankenhäuser mehr als bisher in die Versorgung der zivilen Bevölkerung eingebunden werden. Über die bereits bewährte Zusammenarbeit in Ulm und in Koblenz hinaus werden derzeit mit unterschiedlichen Partnern (unter anderem gibt es Gespräche mit der Berliner Charité) die Modelle enger Kooperationen untersucht, in denen es dem Sanitätsdienst der Bundeswehr möglich ist, seine Ressourcen stärker auf den Einsatzbedarf hin orientiert und damit effizienter einzusetzen. In solche Partnerschaften sollen langfristig sämtliche Bundeswehrkrankenhäuser eingebunden werden. Bei dieser Zusammenarbeit stehen für den Sanitätsdienst folgende Intentionen im Vordergrund:
- Erhalt der Fähigkeit zur Betriebsführung von Bundeswehrkrankenhäusern als essenzielle Kernkompetenz des Sanitätsdienstes vor dem Hintergrund der Notwendigkeit des Betriebes von „Bundeswehrkrankenhäusern im (Auslands-)Einsatz“
- Sicherstellung der umfassenden Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie ständige Arbeit des ärztlichen und nichtärztlichen Personals der Bundeswehr an einem breit gefächerten Patienten-, Krankheits- und Verletzungsspektrum
- Erhaltung der Identität der Bundeswehrkrankenhäuser
- Kontinuität im Betrieb der Bundeswehrkrankenhäuser in der Umstrukturierung
- Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der Bundeswehr
- Gewährleistung der uneingeschränkten Verfügbarkeit des Personals der Bundeswehr.
Vertragliche Regelungen mit Großkrankenhäusern dienen der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Sanitätssoldaten und bieten zudem die Möglichkeit, einsatzbedingte Vakanzen in Bundeswehrkrankenhäusern durch Personal der Partnerkrankenhäuser temporär zu überbrücken.
Darüber hinaus werden Projekte im Einkauf, in der Logistik und dem Gebäudemanagement und gemeinsame Nutzung von Behandlungseinrichtungen und Großgeräten geprüft und in Teilbereichen auch realisiert.
Aufgrund der hohen einsatzmedizinischen Relevanz müssen Bundeswehrkrankenhäuser grundsätzlich in die notfallmedizinische Versorgung integriert bleiben. Besonderer Schwerpunkt ist dabei die Beteiligung an der Luftrettung.
Derzeit befinden sich an den Bundeswehrkrankenhäusern Koblenz, Ulm und Hamburg Luftrettungszentren. Die Hubschrauber in Ulm und Hamburg werden zurzeit noch von der Bundeswehr, bald aber durch zivile Betreiber bereitgestellt. Bei diesem für beide Seiten vorteilhaften Modell stellen der Betreiber das flugtechnische Personal einschließlich der Piloten und die Bundeswehr die Infrastruktur und das medizinische Fachpersonal zur Verfügung.
Die neue Struktur des Sanitätsdienstes
Der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr wird zukünftig die medizinische Betreuung der Soldaten im In- und Ausland umfassend gewährleisten. Hierzu gehören im Wesentlichen
- die präklinische und klinische Versorgung im Einsatz und im Friedensbetrieb
- zentrale Aufgaben in der Sanitätsmaterialwirtschaft
die sanitätsdienstliche Ausbildung
- öffentlich-rechtliche Aufgaben, die im Wesentlichen dem Aufgabenspektrum des zivilen öffentlichen Gesundheitswesens entsprechen
- die Unterstützung von Ausbildungs- und Übungsvorhaben
- der Verwundetenlufttransport.
Bei Heer, Luftwaffe und Marine sowie in der Streitkräftebasis werden weiterhin wesentliche spezifische sanitätsdienstliche Aufgaben verbleiben, wie zum Beispiel
- die sanitätsdienstliche Beratung der Kommandeure in den Stäben
- die flieger-, tauch- und schiffsärztliche Betreuung
- die sanitätsdienstliche Versorgung der Spezialkräfte und
- die truppen- und schiffsärztliche Versorgung an Bord.
Personell werden bei einer Gesamtstärke von etwa 285 000 Soldaten in der Bundeswehr rund 28 500 Dienstposten auf den Sanitätsdienst der Bundeswehr entfallen, von denen 26 600 im ZSanDstBw zusammengefasst sind.
Die neue Aufgaben- und Kräftezuordnung zum Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr erforderte auch eine neue Führungsstruktur. Im Verteidigungsministerium wird die Inspektion des Sanitätsdienstes ihren zukünftigen Aufgaben entsprechend zum Führungsstab umgegliedert. Die Führungsorganisation wird auf zwei Säulen ruhen: Die erste Säule stellt das Sanitätsführungskommando mit seinem nachgeordneten Bereich dar. Es nimmt die truppen- und fachdienstlichen Führungsaufgaben im Zentralen Sanitätsdienst wahr und wird zugleich zur Führung von Einsätzen der Streitkräfte mit sanitätsdienstlichem Schwerpunkt befähigt.
Die zweite Säule bildet das Sanitätsamt der Bundeswehr mit seinem unterstellten Bereich, in dem die Amts-, Forschungs- und Ausbildungsaufgaben für den Sanitätsdienst wahrgenommen werden.
Schnelle Einsatzkräfte
Neben den Sanitätskommandos, die die sanitätsdienstlichen Kräfte für den Friedensbetrieb und die Versorgung im Einsatz führen, sind dem Sanitätsführungskommando die Schnellen Einsatzkräfte des Sanitätsdienstes „SES“ zugeordnet. In diesem Verband sind luftbewegliche Truppenteile zusammengefasst, die zur unmittelbaren Unterstützung besonders zeitkritischer Einsätze, zum Beispiel im Rahmen Humanitärer Hilfe oder spezieller Operationen, erforderlich sind.
Mit der regionalen Führungsstruktur durch die Sanitätskommandos, denen die Bundeswehrkrankenhäuser, Sanitätszentren und -staffeln sowie die Sanitäts- und Lazarettregimenter unterstellt werden, werden einerseits größtmögliche Truppennähe gewährleistet und andererseits den Behörden der Länder und den Standesorganisationen starke Ansprechpartner in der Fläche geboten.
Die truppenärztliche, truppenzahnärztliche sowie die ambulante fachärztliche Versorgung erfolgen im Friedensdienstbetrieb grundsätzlich in Sanitätszentren und -staffeln des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr nach dem Primärarztsystem. Personal der Sanitätszentren und -staffeln wird darüber hinaus den Verbänden für Einsatz, Übung und Ausbildung bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt.
Um die Führungsspanne der Sanitätskommandos nicht zu überdehnen, werden an den großen Standorten so genannte Leitsanitätszentren eingerichtet, die weitere, kleinere Sanitätszentren und Sanitätsstaffeln in der Umgebung truppen- und fachdienstlich führen. Insbesondere den großen Sanitätszentren werden bedarfsabhängig Facharztgruppen zur ambulanten fachärztlichen Versorgung zugeordnet. In Abhängigkeit vom Betreuungsumfang kann die unmittelbare Versorgung der Einheiten am Standort auch durch Truppenambulanzen, welche nicht über einen ständig präsenten Truppenarzt verfügen, sichergestellt werden.
Bedarfsorientiert werden wie bisher die Einrichtungen des zivilen Gesundheitssystems genutzt.
Das Sanitätsamt der Bundeswehr wird zukünftig zwei Aufgabenfelder abdecken.
Im ersten Bereich werden die approbationsbezogenen Fachaufgaben sowie Qualitätsmanagement, Controlling und Materialausstattung wahrgenommen. Außerdem dient dieser Bereich als fachlicher Arbeitsstab für den Führungsstab des Sanitätsdienstes im Bundesministerium der Verteidigung.
Der zweite Bereich wird die Aufgaben „Ausbildung, Forschung und Entwicklung“ wahrnehmen.
Dem Sanitätsamt werden die Institute des Zentralen Sanitätsdienstes, die Sanitätsakademie und die zentralen Ausbildungseinrichtungen, das Sanitätslehrregiment und das Sanitätsübungszentrum, unterstellt. Wesentliche Neuerung ist der Aufbau eines Kompetenzzentrums für medizinischen ABC-Schutz und Umweltmedizin, welches seine Expertise, beispielsweise bei terroristischer Bedrohung, auch dem zivilen Bereich zur Verfügung stellen kann.
Sämtliche Sanitätseinrichtungen sind integrierte Elemente des im Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr entstehenden Ausbildungs- und Behandlungsverbundes.
Kürzere Wege für Soldaten
Durch die unter einheitlicher Führung aller sanitätsdienstlichen Behandlungsebenen erreichte enge Vernetzung können die Einbindung der Einsatzkräfte in die sanitätsdienstliche Friedensversorgung, die Koordination von Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie der Einsatzbereitschaft des Fachpersonals der Einsatzkräfte in militärischen und zivilen Einrichtungen bedarfsgerecht organisiert werden. Gleichzeitig kann der Unterstützungsbedarf der Truppe für Ausbildung, Übung und Einsatz aus einer Hand in räumlicher Nähe gewährleistet werden.
Neben einer qualitativ hochwertigen sanitätsdienstlichen Versorgung bedeutet dies unter anderem auch kürzere Wege und kürzere Wartezeiten für die Soldaten.
Mit der neuen Struktur kann sich der Sanitätsdienst den Herausforderungen der Zukunft stellen und als „Dienstleistungsunternehmen“, das den Streitkräften eine jederzeit bedarfsgerechte sanitätsdienstliche Unterstützung bereitstellt, seinen Auftrag erfüllen. Dabei werden die Qualität der sanitätsdienstlichen Versorgung, die Integration in das zivile Gesundheitswesen und das Selbstverständnis des Sanitätsdienstes als wichtige Bestandteile der Streitkräfte der Zukunft nicht nur erhalten, sondern in der Effizienz deutlich gesteigert.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2256–2258 [Heft 36]

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Karl W. Demmer
Generaloberstabsarzt
Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr
Fontainengraben 150, 53123 Bonn


Sanitätsdienst im Einsatz im ehemaligen Jugoslawien

OP-Container mit modernster Ausstattung


SAR-Hubschrauber werden in Deutschland für die Luftrettung eingesetzt. Standorte sind unter anderem Hamburg und Ulm.
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