ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Sexualstraftäter: Genauso polarisierend

BRIEFE

Sexualstraftäter: Genauso polarisierend

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2260 / B-1950 / C-1816

Arndt, Christoph

Zu dem „Seite eins“-Beitrag „Weghören – für immer“ von Sabine Rieser in Heft 28–29/2001:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Überrascht bin ich gewesen. Auf der einen Seite betont Sabine Rieser die Vielschichtigkeit im Umgang und Alltag von Sexualstraftaten. Auf der anderen Seite trägt sie dieser Vielschichtigkeit keine Rechnung und zeigt sie sich anderen Sichtweisen als ihrer eigenen gegenüber wenig offen. „Schrecklich simpel, widerlich populistisch“ bezeichnet sie Äußerungen Andersdenkender.
Offenbar möchte sie genauso polarisieren wie ihr Widersacher, Bundeskanzler Schröder. Doch im Kern geht es dabei um etwas ganz Einfaches: Zum einen gibt es den Anspruch der Psychiatrie, auch Sexualstraftäter zu therapieren. Zum anderen existiert der Wunsch der Bevölkerung, vor eben diesen Sexualstraftätern beschützt zu werden – erst recht vor Wiederholungstätern, die oft als bedauerliche „Therapieversager“ dargestellt werden, als Restrisiko, das die Bevölkerung zu tragen hätte.
Es ist ein großer Unterschied, ob sich Chirurgen oder forensisch tätige Psychiater einen Therapiefehler erlauben: Den Fehler des Chirurgen hat der Patient selbst zu tragen – er selbst ist es, der von dem Nutzen der gelungenen OP profitiert und der die Nachteile einer misslungenen OP tragen muss, nachdem er sich aufgrund einer genauen Aufklärung bewusst entschieden hat, die ihm bekannt gemachten Therapierisiken einzugehen. Von der richtigen Entscheidung eines forensisch tätigen Psychiaters profitiert auch der Patient – als erfolgreich rehabilitierter Straftäter. Doch die sich als falsch erweisenden Entscheidungen des Psychiaters hat nicht der Patient zu tragen, sondern Unschuldige, die Opfer der rückfällig gewordenen Straftäter. Bei einer angegebenen Rückfallquote von 20 Prozent ein nicht zu vernachlässigendes Risiko, dem nicht der Patient, sondern die Bevölkerung ausgesetzt wird. Dieser Unterschied macht es notwendig, offen über die Therapiemöglichkeiten zu diskutieren, die Sexualstraftätern angeboten werden können und dürfen. Das DÄ als Repräsentant der deutschen Ärzteschaft sollte sich dabei um neutrale Interessenabwägung bemühen. Die alleinige Darstellung der rein wissenschaftlich-medizinisch-therapeutischen Seite im DÄ ist dabei wenig hilfreich, sondern durch die Einseitigkeit eher schädlich.
Ich wünsche mir eine offene Diskussion zu diesem Thema. Ziel sollte es sein, der Politik wissenschaftlich fundierte Richtlinien anzubieten, wie eine Therapie in der forensischen Psychiatrie aussehen könnte, die auch von der Bevölkerung mitgetragen wird.
Dr. med. Christoph Arndt, Wilhelminenstraße 14 b, 24103 Kiel
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema