ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Plagiate: Wissenschaftszensur - Peer-Review-Verfahren

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Plagiate: Wissenschaftszensur - Peer-Review-Verfahren

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2262 / B-1930 / C-1813

Schilling, F.

Zu dem Beitrag „Die neuen Heilmittel-Richtlinien: Transparenz, Qualität und Wirtschaftlichkeit“ von Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm in Heft 25/2001:
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LNSLNS Der Hinweis auf „unlautere Manipulationen im wissenschaftlichen, insbesondere im medizinischen Bereich“ gibt mir Veranlassung, auf ein Verfahren hinzuweisen, das aufgrund seiner immanenten Willkür wissenschaftlichem Fehlverhalten im Sinne eines „ungerechtfertigten Umgangs mit fremdem wissenschaftlichen Eigentum“ die Tür öffnet. Es geht um das so genannte Peer-Review-Verfahren, dem medizin-wissenschaftliche Arbeiten vor ihrer Publikation unterliegen. Dieses Manöver hat im Zuge unserer kritikarmen Anglophilie auch in unserer Wissenschaft Einzug gehalten, mit der Verpflichtung auch unserer medizinischen Fachzeitschriften, eingereichte Manuskripte der kritischen Beurteilung durch anonym bleibende Gutachter zu überlassen, die über das Schicksal der Arbeit entscheiden. Der leitende Gedanke bei der Begründung dieses Verfahrens ist einerseits die Feststellung, ob das Manuskript für diese Zeitschrift formell geeignet ist; darüber hinaus aber die Überprüfung der Qualität der Arbeit und der Stichhaltigkeit der vorgebrachten Ergebnisse. Dies klingt überzeugend; das Ergebnis des Verfahrens wird aber bei kritischer Prüfung und Erfahrung zweifelhaft: Es ist nur teilweise dem wissenschaftlichen Fortschritt förderlich; teilweise aber verzögert es unnötigerweise oder blockiert gar durch fehlerhafte Kritik die Publikation und wird damit kontraproduktiv, was in manchen Fällen aufgrund von Arroganz oder minderer Motive im Schatten der Anonymität den Charakter wissenschaftlicher Sabotage annimmt.
Längst sind Fälle im Ausland bekannt geworden, in denen diese „Begutachtung“ zum Kampfplatz gegen unliebsame, dem „Gutachter“ unbequeme Erkenntnisse wird. Das Peer-Review-Verfahren erweist sich dabei als Wissenschaftszensur, der nicht nur wirklich unvollkommen erarbeitete, sondern eben auch Arbeiten, die im wissenschaftlichen Konkurrenzkampf als hinderlich empfunden wurden, zum Opfer fallen. Hier handelt es sich um eine mindestens als „unlauter“ zu bezeichnende „Wissenschaftsmanipulation“. Ausgedehnte eigene Erfahrung bestätigt dieses Vorkommen.
Bei der Beurteilung des Peer-Review-Verfahrens ist außerdem grundsätzlich zu bemängeln, dass die notwendige Diskussion über eine wissenschaftliche Arbeit und deren Erkenntnisse vor die Publikation vorverlagert wird, während die eigentliche Besprechung coram publico nach der Veröffentlichung stattfinden sollte, aber tatsächlich in den Zeitschriften kaum mehr zu finden ist. Die medizinische Fachwelt, das heißt also die Leser der Zeitschriften, wird damit getäuscht, und manchmal werden, wie oben dargelegt, der Autor und die potenziellen Leser betrogen.
Prof. Dr. med. F. Schilling, Hebbelstraße 20, 55127 Mainz
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