MEDIZIN: Diskussion

Pollenallergie

Dtsch Arztebl 1996; 93(5): A-257 / B-217 / C-186

Ruiken, Roland; Wüthrich, Brunello; Saller, Reinhard

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Brunello Wüthrich in Heft 14/1995
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LNSLNS Behandlung mit Luffa operculata D4
Mit großem Interesse habe ich den Artikel gelesen. Die gute Zusammenfassung der Therapie begrüße ich sehr. Besonders die neuen Antihistaminika, da wenig sedierend wirkend, dürften viele Praktiker interessieren. Bei der Behandlung der Pollenallergie – meist Langzeitanwendung – ist ein möglichst nebenwirkungsarmes Präparat zu wählen. Leider vermisse ich die homöopathische Therapie. So wird zum Beispiel für Luffa operculata D4 als Indikation "allergische Nasenschleimhautstörungen" angegeben (1, 2).
Bei sechs Patienten mit nachgewiesener Pollenallergie (Intrakutantest) wendete ich Luffa operculata D4 an. Alle Patienten litten bei Pollenflug unter Konjunktivitis, Rhinitis und Asthma. Drei Patienten litten unter allergischem Asthma. Unter Gabe von Luffa operculata D4 trat bei einem Patienten keinerlei Besserung ein und bei zwei Patienten (davon ein Patient mit Asthma) eine deutliche Besserung. Nur in Ausnahmefällen (etwa einmal im Monat) muß zusätzlich mit Antihistaminika gearbeitet werden. Bei drei Patienten (davon zwei Patienten mit Asthma) besteht unter der Medikation mit Luffa operculata D4 so weitgehende Beschwerdefreiheit, daß keine weitere Medikation nötig ist. Dieser Behandlungserfolg konnte während mehrerer Jahre mit Pollenflug erzielt werden. Die Besserung der Beschwerden bezog sich nicht nur auf die allergische Rhinitis, sondern auch auf die Konjunktivitis und, falls vorhanden, auch auf das Asthma. Nebenwirkungen wurden keine bemerkt, auch nicht bei Maximaldosierungen von 15mal zehn Tropfen pro Tag.
Anzumerken ist, daß alle sechs Patienten vor der homöopathischen Behandlung jahrelang mit Antihistaminika, Augentropfen und zum Teil mit Kortison und Bronchodilatantien behandelt wurden. Meiner Ansicht nach ist es sinnvoll, bei Allergien eine homöopathische Therapie durchzuführen.


Literatur
1. Homöopathisches Repetitorium, Arzneimitteltherapie in Tabellenform, Hrsg. Deutsche Homöopathieunion, 1992; S. 188
2. Augustin M, Schmiedel V: Praxisleitfaden Naturheilkunde, Therapieverfahren in Synopsen, Methoden, Diagnostik.
Jungjohann Verlag, 1. Auflage März 1993,
Kapitel 10
Dr. med. Roland Ruiken
Pfarrstraße 28
73733 Esslingen/N


Schlußwort
Wir sind Herrn Kollegen Roland Ruiken dankbar, daß er die Frage der homöopathischen Therapie bei der Pollenallergie angeschnitten hat. Dies gibt uns die Möglichkeit einer etwas breiteren Stellungnahme.
Homöopathische Behandlungsansätze werden bei einer größeren Anzahl von Patienten mit verschiedenen, allergisch bedingten Erkrankungen und Symptomen zumindest zeitweilig eingesetzt (2). Erhebungen wie auch eigene Erfahrungen weisen zum Beispiel bei atopischen Erkrankungen auf Häufigkeiten von 30 bis 40 Prozent hin. Mehr oder minder umfänglich dokumentierte Kasuistiken und Patientenberichte schildern beispielsweise eine Symptomreduktion, Symptomfreiheit oder eine Abnahme des Verbrauchs antiallergischer Medikamente in einem zeitlichen Zusammenhang mit einer solchen Behandlung. Allerdings ermöglicht diese Form der Dokumentation von Empirie (Fallberichte und gegebenenfalls Fallserien) keine Abschätzung der generellen Wirksamkeit und damit die Beantwortung der Fragen, mit welcher Wahrscheinlichkeit und Voraussagbarkeit ein Behandlungsverfahren wirksam ist und ob es allgemein als alleiniges Behandlungsverfahren empfohlen werden könnte.
Luffa D4 ist ein homöopathisches Arzneimittel (hergestellt nach den Vorschriften des HAB 1 aus Luffa operculata) mit entsprechend der homöopathischen Arzneimittelprüfung an Gesunden "empirisch" ermittelten organo- oder histotropen Wirkungsrichtungen (unter anderem "antiallergische Komponente"). Es wird überwiegend krankheits- beziehungsweise syndrombezogen eingesetzt und nicht personotrop wie in Richtungen der klassischen Homöopathie. Die funktiotrope Wirkungsrichtung von Luffa (D4, D6, D12) wird etwa folgendermaßen charakterisiert (Corcsi, 1991): "Angriffspunkt sind Schleimhäute von Nase, Rachen, Nebenhöhlen und Magen-Darm-Trakt. Kopfschmerzen bei Katarrh der oberen Luftwege, allergische und vasomotorische Rhinitis, Heuschnupfen, Rhinitis atrophicans und Ozäna, begleitet von Müdigkeit und Apathie. Neigung zu Fließ- und Stockschnupfen. Trockenheit in Nase und Rachen. Stomatitis. Gingivitis, trockene Pharyngitis, Völlegefühl im Magen, Magen-Darm-Spasmen mit hellen Stühlen, von Sinusitis ausgehende herdbedingte diffuse Muskel- und Gelenkschmerzen".
Häufige Anwendungsgebiete sind dementsprechend akute und chronische Sinusitiden unterschiedlicher Ätiologie und Pathogenese einschließlich allergischer Komponenten sowie verschiedene allergische Erkrankungen einschließlich Pollinosen.
Ein solcher symptom- beziehungsweise krankheitsbezogener Behandlungsansatz der als funktiotrop klassifizierten homöopathischen Arzneimittel läßt sich durchaus mit üblichen klinischen Untersuchungsmethoden prüfen. In einer multizentrischen doppelblinden vierarmigen Studie bei 152 auswertbaren Patienten mit akuten und chronischen Sinusitiden unterschiedlicher Ätiologie wurden neben Luffa D4 auch homöopathische Kombinationsarzneimittel mit Plazebo verglichen (3). Im Gruppenvergleich ließen sich keine Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen den Behandlungsgruppen zeigen (symptomatische Besserung bei etwa 80 Prozent der Patienten mit akuter Sinusitis und knapp 70 Prozent mit chronischer Sinusitis). Dieses Studienergebnis schließt nicht aus, daß in einem Einzelfall die jeweilige Behandlung wirksam gewesen sein könnte. Es erlaubt auch nicht die Schlußfolgerung, die verschiedenen Behandlungen beim einzelnen Patienten als austauschbar anzusehen. Umfassend dokumentierte und vor allem vergleichende Untersuchungen über Luffa D4 bei Pollinosen sind uns nicht bekannt.
Hingegen liegt ein Bericht von Wiesenauer et al. (4) über die Behandlung der Pollinosis mit Galphimia glauca vor. Es handelt sich dabei um eine multizentrische, prospektive, randomisierte und plazebokontrollierte Doppelblindstudie, welche von April bis Oktober 1986 bei Pollenallergikern durchgeführt wurde. Die Hauptkritik dieser Arbeit ist, daß die Pollinosis-Symptomatik nicht mit dem Pollenflugkalender der Region korreliert wurde, da die momentanen Symptome anläßlich der Wiedereinbestellung beim behandelnden Arzt naturgemäß je nach meteorologischer Situation stark variieren können. Auch geht aus dieser Studie unter Praxisbedingungen nicht hervor, gegen welche Pollen die Patienten sensibilisiert waren. Obwohl die Patienten nach Zusatzmedikation befragt wurden, wird in der Arbeit nicht darüber berichtet.
Literatur
1. Dorcsi M: Homöopathie. Band 5: Arzneimittellehre. Heidelberg: KF Haug Verlag, 1991; 3, verbesserte Auflage
2. Wiesenauer M: Homöotherapie bei allergischen Atemwegserkrankungen. Dtsch. Apoth. Z. 1987; 127: 1565–
1568
3. Wiesenauer M, Gaus W, Bohnacker U, Häussler S: Wirksamkeitsprüfung von homöopathischen Kombinationspräparaten bei Sinusitis. Ergebnisse einer randomisierten Doppelblindstudie unter Praxisbedingungen. Arzneim-Forsch/Drug Res. 1989; 39 (I): 620–625
4. Wiesenauer M, Gaus W, Häussler S: Behandlung der Pollinosis mit Galphimia glauca. Eine Doppelblindstudie unter Praxisbedingungen. Allergologie 1990; 13: 359–363
5. Wüthrich B. et al: Stellungnahme zum Beitrag Wiesenauer, Gaus, Häussler. Allergologie 1990; 13: 367–370


Prof. Dr. med. Brunello Wüthrich
Leitender Arzt der Allergiestation
Dermatologische Klinik
Universitätsspital
Gloriastraße 31 CH-8091 Zürich


Prof. Dr. med. Reinhard Saller
Departement für Innere Medizin
Abteilung Naturheilkunde
Universitätsspital
Rämistrasse 100 CH-8091 Zürich

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