ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Gesellschaftliche Ursachen

MEDIZIN: Diskussion

Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Gesellschaftliche Ursachen

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2284 / B-1972 / C-1837

Maiß, Jürgen

zu dem Beitrag Verordnungen in den 90er-Jahren von Dr. rer. soc. Ingrid Schubert Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl Dipl.-Psych. Axel Spengler Prof. Dr. sc. hum. Manfred Döpfner Priv.-Doz. Dr. med. Liselotte von Ferber in Heft 9/2001
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LNSLNS Es ist schon interessant, dass die Verordnung von Methylphenidat in den letzten zehn Jahren um circa 1 500 Prozent (!) angestiegen ist. Ein richtiger Boom ist ausgebrochen. Da wird eine psychotrope Substanz bei so genannten hyperkinetischen Kindern verordnet, die ihre Konzentration bündeln soll und sie leistungsmäßig an die Gesellschaft anpassen kann, aber keiner fragt nach den Ursachen der hyperkinetischen Störung. Es ist viel einfacher, eine Pille zu verschreiben, statt nach den wirklichen Ursachen zu suchen.
Die Ursachen für hyperkinetische Störungen bei Kindern werden wohl
vielmehr im veränderten gesellschaftlichen Zusammenleben zu suchen
sein, wie beispielsweise der heutigen Medienunkultur mit gewaltverherrlichenden und irrealen Darstellungen, Videospielen, Vereinzelung und Auflösung von traditionellen Familienstrukturen. Oft ist kein Elternteil mehr vorhanden, der sich den ganzen Tag liebevoll und zugewandt um die Kinder kümmern kann, da beide Eltern arbeiten (müssen). Vielleicht sollte man seine eigene Kinderzeit Revue passieren lassen und mit der heutigen Realität von Kindern vergleichen. Diese Veränderungen im täglichen Leben würden auch erklären, warum die Zunahme an Verordnungen zuerst in Amerika aufgetreten ist, wo derartige gesellschaftliche Umbrüche schon viel länger zurückliegen. Es bräuchte eine wirkliche Forschung nach den Ursachen der hyperkinetischen Störung und daran anschließend eine ursachengerechte Behandlung. Es ist immer besser, das Übel an der Wurzel zu packen, statt nur das Symptom zu kaschieren.
Alle Kollegen und Eltern sollten dies vor einer Verschreibung einer psychotropen Substanz an Kinder überdenken. Die Wirkungsweise von Methylphenidat ist mit einer Droge vergleichbar. Die Kinder steigern ihre Leistung, aber in ihrer Beziehungsfähigkeit bleiben sie auf dem Stand stehen, an dem mit der Verordnung begonnen wurde. Es kann nicht angehen, einfach Kinder durch Verabreichung von Pharmaka ruhig zu stellen und stromlinienförmig anzupassen, damit kein Problem mehr sichtbar ist. Echte Hilfe setzt an der Ursache an und die ist noch nicht klar identifiziert.
Auch ist die Hypothese von einem Übergewicht bestimmter Transmitter im Gehirn zu einfach. Warum sollte das plötzlich jetzt und gehäuft auftreten und nicht schon vor Urzeiten in der Evolution? Vielleicht müssten wir die Gestaltung unseres täglichen Lebens neu überdenken!

Dr. med. Jürgen Maiß
Wellerstädter Weg 4
91083 Baiersdorf
E-Mail: j.maiss@t-online.de

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