ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Ist die Verordnungszunahme berechtigt?

MEDIZIN: Diskussion

Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Ist die Verordnungszunahme berechtigt?

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2285 / B-1956 / C-1740

Schuck, Peter; Müller, Horst; Eckert, Hans

zu dem Beitrag Verordnungen in den 90er-Jahren von Dr. rer. soc. Ingrid Schubert Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl Dipl.-Psych. Axel Spengler Prof. Dr. sc. hum. Manfred Döpfner Priv.-Doz. Dr. med. Liselotte von Ferber in Heft 9/2001
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In den 80er-Jahren konnte man beim Literaturstudium zu hyperkinetischen Störungen den Eindruck gewinnen, dass die Stimulationstherapie zugunsten verhaltenstherapeutischer Maßnahmen abnehmen würde. 1989 nahm der Hersteller von Methylphenidat das Präparat in Italien selbst vom Markt. Jetzt soll es dort wieder eingeführt werden (3).
Die von den Autoren sehr eindrucksvoll beschriebene Zunahme des Verordnungsverhaltens in den 90er- Jahren hierzulande erscheint vordergründig mit einer evidenzbasierten Medizin gut vereinbar: Ein neuerer systematischer Review zu diesem Thema (2) mit 77 randomisierten Studien kommt zu dem Schluss, dass Stimulanzien zumindest kurzzeitig wirksam sind, untereinander hinsichtlich Wirksamkeit vergleichbar sind, und wirksamer erscheinen als andere medikamentöse oder nichtmedikamentöse (beispielsweise psychologische) Therapien (4). Wenig ist jedoch zu Ergebnissen wie schulischem und späterem beruflichen Erfolg oder sozialer Anpassung bekannt. Der Review verweist zudem auf eine Reihe elementarer methodischer Mängel mancher dieser Studien, wie zu kleine Stichproben, unzureichende Beschreibung der Randomisierungs- und Verblindungstechniken oder Umgang mit Studienabbrechern.
Zurückhaltung ist auch geboten, weil die Forschung zu nichtmedikamentösen Konkurrenztherapien finanziell chronisch schlechter ausgestattet ist. Es wurde deshalb schon diskutiert, der pharmazeutischen Industrie eine der Tabaksteuer vergleichbare Sonderabgabe aufzuerlegen, mit der dann solche Therapien finanziert werden sollen, zumal inzwischen in den USA ein Pharmahersteller dazu überging, seine Produktwerbung direkt beim Betroffenen und seiner Familie zu platzieren (1).

Literatur
1. Diller LH: The ritalin wars continue. West J Med 2000; 173: 366–367.
2. Jadad AR, Boyle M, Cunningham C et al.: Treatment of attention deficit/hyperactivity disorder. Rockville, MD: Agency for Healthcare Research and Quality, 2000.
3. Timimi S, Bonati M, Impicciatore P et al.: Evidence and belief in attention deficit hyperactivity disorder. BMJ 2001; 322: 555.
4. Zwi M, Ramchandani P, Joughin C: Evidence and belief in ADHD. BMJ 2000; 321: 975–976.

Dipl.-Psych. Dr. med. Dr. phil. Peter Schuck
Dipl.-Soz.-Päd. Hans Eckert
Dipl.-Psych. Dr. phil. Horst Müller
Forschungsinstitut für Balneologie und
Kurortwissenschaft
Lindenstraße 5, 08645 Bad Elster

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema