ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Restriktiver verschreiben

MEDIZIN: Diskussion

Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Restriktiver verschreiben

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2285 / B-1956 / C-1740

Neraal, Terje

zu dem Beitrag Verordnungen in den 90er-Jahren von Dr. rer. soc. Ingrid Schubert Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl Dipl.-Psych. Axel Spengler Prof. Dr. sc. hum. Manfred Döpfner Priv.-Doz. Dr. med. Liselotte von Ferber in Heft 9/2001
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LNSLNS Der Nachweis der 20-fachen Zunahme der Verschreibung von Methylphenidat innerhalb des Zeitraums von 1991 bis 1999 bei Kindern mit dem ADHD-Syndrom lässt aufhorchen. Was in dem Artikel nicht genügend zum Ausdruck kommt, ist eine Warnung, noch kritischer bei der Verschreibung von potenten Psychostimulantien bei Kindern vorzugehen. Dies geschah dann unter der Überschrift „Gefährliche Psychopharmaka“ im Heft 10/2001 des Deutschen Ärzteblatts, und zwar durch keine geringere Instanz als den Internationalen Suchtkontrollrat der UN.
Zu vermuten ist, dass der Hauptanteil dieser Verschreibungen von ungenügend kinderpsychiatrisch und psychotherapeutisch ausgebildeten Kinderärzten vorgenommen wird sowie von Kinderpsychiatern, die die
Indikation bei diesen schwer „handhabbaren“ Kindern zu wenig restriktiv stellen. Eine weitergehende Untersuchung der Frage, wer die Verschreibungen vornimmt, wäre von daher wichtig.
Meiner Meinung nach greift die Therapie dieser Kinder mit dem Amphetaminderivat Methylphenidat, auch in Kombination mit Verhaltenstherapie, zu kurz. Es kann nicht nur darum gehen, wie diese Kinder dazu gebracht werden können, schnell wieder zu funktionieren. Die umfassende Untersuchung der oft komplexen Hintergründe dieser kindlichen Verhaltensstörung zeigt, dass ursächlich schwerwiegende emotionale und/ oder soziale Mängel sowie familiäre Konflikte auslösende und aufrechterhaltende Faktoren bilden. Es sind in der Regel die daraus für das Kind resultierenden Ängste und Spannungen, die zu der motorischen Unruhe und Aufmerksamkeitsstörung dieser Kinder führen.
Die psycho- und familiendynamischen Hintergründe sowie die erfolgreiche tiefenpsychologische und psychoanalytische Therapie von Kindern mit dem ADHD-Syndrom sowie deren Eltern wurden schon 1993 in einem Themenheft (2) der Kinderanalyse belegt.
Zu fordern wäre (endlich) eine multidisziplinäre Forschung, bei der Neuropädiater, Kinder- und Jugendpsychiater, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Familientherapeuten sowie Sozialwissenschaftler fachübergreifend tiefergehende Erkenntnisse über diese Störung an den Tag bringen.
Die Suche nach anderen Möglichkeiten der Behandlung der Kinder als
der Einsatz von hochpotenten Pharmaka, die Nebenwirkungen (Kopfschmerzen, Appetit- und Schlafstörungen) hervorrufen, späteres Suchtverhalten bahnen sowie möglicherweise lebenslange Abhängigkeiten zur Folge haben können, wäre ganz im Sinne des genannten unabhängigen Kontrollorgans für die Einhaltung der Drogenkonvention der Vereinten Nationen.

Dr. med. Terje Neraal
Höhenstraße 33a
35435 Wettenberg

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