ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Zu kurz gegriffen

MEDIZIN: Diskussion

Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen: Zu kurz gegriffen

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2286 / B-1950 / C-1834

Greger, Thomas

zu dem Beitrag Verordnungen in den 90er-Jahren von Dr. rer. soc. Ingrid Schubert Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl Dipl.-Psych. Axel Spengler Prof. Dr. sc. hum. Manfred Döpfner Priv.-Doz. Dr. med. Liselotte von Ferber in Heft 9/2001
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LNSLNS Lobenswert ist das Bemühen der Autoren, der Mär von der viel zu häufigen Anwendung dieser Substanz bei Kindern in Deutschland durch Verwendung von unstrittigem Zahlenmaterial entgegenzutreten. Weniger positiv ist die Beschränkung der Pharmakotherapie auf Personen zu bewerten, bei denen „die hyperkinetischen Auffälligkeiten sehr stark ausgeprägt sind“, da dies meines Erachtens dem Anliegen einer adäquaten Betreuung nicht entspricht. Eine solche Eingrenzung macht aus einem effizienten, lernbiologisch und daher die Persönlichkeitsentwicklung unterstützenden Pharmakon doch nur wieder die „Pille für den Störenfried“. Solange man aber hierzulande den fehlleitenden Begriff des hyperkinetischen Syndroms (noch) verwendet, wird man in Kauf nehmen müssen, dass einer wohl ebenso großen Anzahl bedürftiger Personen mit nichthyperaktivem ADS und dringlichem Bedarf medikamentöse Begleitung verweigert wird und die hinlänglich dokumentierten Sekundärphänomene (Sucht, Zwang, Dissozialität) erwachsen. Die Versorgungsvakanz wird noch erschreckender, zählt man die betroffenen Erwachsenen hinzu, die unter persistierenden Symptomen der ADHS leiden, aber kaum auf fachkundige ärztliche Hilfe rechnen können. Die Psychiater der BRD haben hier wohl ein bedeutendes Kapitel übersehen und dürfen sich nicht wundern, halten ihnen kundige Patienten Texte aus dem Internet unter die Nase. Auch in der kinderpsychiatrischen Zunft gelten viele Symptome der ADHS noch immer als Zeichen psychischer Traumata, und so ist denn auch die Behandlungsstrategie ausgerichtet mit logischerweise geringer Effizienz. Dann trägt der Patient die Verantwortung für ausbleibende Effekte. Er aber fühlt sich wiederholt unverstanden und das „Kunstmärchen von der psychogenen Verursachung“ der meisten seelischer Störungen, wie es Nissen schon 1985 in diesem Blatt beschrieb, wird fleißig weiter gepflegt. Wie lange noch?

Dipl.-Med. Thomas Greger
Johann-Sebastian-Bach-Straße 6
04552 Borna

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