ArchivDeutsches Ärzteblatt36/20013-D-Referenzimplantate für den Gesichts- und Hirnschädel: Unvollständige und unrichtige Angaben

MEDIZIN: Diskussion

3-D-Referenzimplantate für den Gesichts- und Hirnschädel: Unvollständige und unrichtige Angaben

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2287 / B-1951 / C-1835

Machtens, Egbert

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. habil. Eggert Beleites Dr. med. Gerlind Schneider Priv.-Doz. Dr. Ing. habil. Wolfgang Fried Prof. Dr. Dr. med. habil. Dieter Schumann Prof. Dr. med. habil. Werner Linß in Heft 5/2001
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LNSLNS Die Jenaer Autoren stellen ein Verfahren vor, das als neu bezeichnet wird, in dem ein mittels CT-Datenaufnahme generiertes virtuelles Patientenmodell zur computergestützten Planung, Konstruktion und Fertigung eines individuellen Implantats dient. Dieses Verfahren ist nicht neu, es wurde bereits Ende der 80er-Jahre durch Priv.-Doz. Dr. med. A. Laubert (damals Medizinische Hochschule Hannover) erstmals für den Kopfbereich umgesetzt (3, 4), was seinerzeit noch computertechnisch limitiert war. In der ersten Hälfte der 90er-Jahre gelang der eigenen Arbeitsgruppe an der Ruhr-Universität Bochum – begünstigt durch die Weiterentwicklung der CAD/CAM-Systeme – die standardisierte und rationelle Umsetzung des Verfahrens, das bis heute in mehr als 200 Anwendungen an 37 europäischen kopfchirurgischen Zentren erfolgreich war und beispielgebend ist.
Selbstverständlich sind die Entwicklungen im Computerbereich nicht stehen geblieben, sodass die eigene sowie andere Arbeitsgruppen andere stetig neue Aspekte in das „alte“ Verfahren integrieren. Ebenso selbstverständlich erlaubt diese Technik die Konstruktion und Fertigung jedweder Geometrie und die Verwendung grundsätzlich aller Materialien, die gefräst, geformt, gepresst, gegossen oder mit Rapid-Prototyping-Techniken bearbeitet werden können. So wurde von den Bochumer Forschern neben Titan, das aus verschiedenen Gründen bevorzugt wird, eine Vielzahl anderer Materialien bereits verwendet, und Implantate wurden durchaus auch fern von Trepanationsdefekten eingesetzt. Aus klinischer Erfahrung muss aber äußerste Reserve vor alloplastischen Materialien in offenem Kontakt zu den Nasennebenhöhlen gezeigt werden, da dies bei guten Abflussbedingungen bestenfalls zu chronisch-entzündlich tolerierten Zuständen führen kann. Die Behauptung, das Einbringen alloplastischer Materialien könne Liquorfisteln therapieren, erscheint noch weniger glaubwürdig, wenn nicht andere Maßnahmen im Rahmen dieser Einbringung erfolgen. Auch für die einzeitige Resektion und Rekonstruktion am Hirn- und Gesichtsschädel hat die Bochumer Arbeitsgruppe – entgegen der Behauptung im Beitrag – Techniken entwickelt, klinisch eingesetzt und wiederholt publiziert (1, 2). Vorgetragen wurden sie zuletzt in Gegenwart von Teilen der Autorenschaft des hier diskutierten Beitrags auf dem Leopoldina-Meeting der Sektion Ophthalmologie, Oto-Rhino-Laryngologie und Stomatologie (Implantate – Transplantate) der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Halle [Saale], 13. bis 14. 10. 2000) und auf dem 2. Jenaer Workshop „CAE – Glaskeramikimplantate und ihre klinische Anwendung“ (Jena, 8. Dezember 2000).
Aus klinischer Perspektive problematisch erscheint weiterhin die Fixierungsfrage der eingebrachten Implantate, die offenbar durch Nähte gelöst werden soll, wie sogar die Abbildung eines offensichtlich nicht exakt passenden Implantats verdeutlicht. Die Möglichkeit der Osteosynthese wird im Text kurz erwähnt, scheint aber für spröde Glaskeramiken nicht unproblematisch. Entsprechend dokumentieren die Angaben in der veröffentlichten Tabelle zu den bisherigen klinischen Versorgungen offenkundig neben geometrischen Abweichungen auch eine Implantationsdislokation. Zudem erscheinen die erfolgten Anwendungen im Hirnschädelbereich auf kleine Defekte beschränkt, die den Einsatz des Materials zulassen. Auch muss der Behauptung widersprochen werden, dass die Operationsindikation der sekundären Versorgung großer Schädeldefekte „zunehmend weniger“ würde. Nach eigener Erfahrung ist hier das Gegenteil der Fall, da große Entlastungskraniektomien zunehmend zur Nachfrage von Titanimplantaten führen.
Grundsätzlich sollte die subtile Kenntnis des eigenen Arbeitsgebiets unvollständige und unrichtige Angaben wie im vorliegenden Beitrag verhindern.

Literatur
1. Eufinger H, Wehmöller M, Machtens, E: Individual prostheses and resection templates for mandibular resection and reconstruction. Br J Oral Maxillofac Surg 1997; 35: 413–418.
2. Eufinger H, Wittkampf ARM, Wehmöller M, Zonnefeld FW: One-step frontoorbital resection and reconstruction with individual resection template and corresponding titanium implant – a new method of computer aided surgery. J Cranio Maxillofac Surg 1998; 26: 373–378.
3. Laubert A, Reumann K, Becker H: Rechnergestützte präoperative Konstruktion und Herstellung individueller alloplastischer Implantate. Arch Otorhinolaryngol Suppl 1990/II: 143.
4. Laubert A: CAD/CAM – Einsatz für Operationsplanung und Implantatdesign. Eur Arch Otorhinolaryngol Suppl 1992/II: 219–229.

em. Prof. Dr. med. Dr. med. dent.
Egbert Machtens
Bommerholzer Weg 31, 58300 Wetter
E-Mail: Egbert.Machtens@ruhr-uni-bochum.de

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