ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Ausstellung: Lichtwesen in Emmerich

VARIA: Feuilleton

Ausstellung: Lichtwesen in Emmerich

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2289 / B-1953 / C-1837

Bartmann, Peter

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LNSLNS Leuchtende Objekte des Künstlers Jürgen Reichert erinnern an Organe und anatomische Strukturen.


Geheimnisvoller Glanz und leuchtende Farben, organoide Formen und diffizil ausgearbeitete Oberflächen kennzeichnen die Arbeiten des Lichtkünstlers Jürgen Reichert. Manche Besucher seiner Ausstellungen reagieren heftig auf die Exponate und empfinden Faszination oder Ekel. Einige Werke erinnern deutlich an anatomische Strukturen, mit denen der Betrachter sonst nicht konfrontiert wird. Reichert scheut sich nicht, Themen wie Blut, Geburt oder Tod aufzugreifen.
Der in Aachen lebende Künstler wurde 1969 in Eschweiler geboren. Nach einem Studium der Elektrotechnik mit Abschluss als Diplomingenieur absolvierte er ein Kunststudium an der Maastrichter Academie Beeldende Kunsten. Seit einigen Jahren stellt er seine illuminierten Objekte erfolgreich im In- und Ausland aus, unter anderem im Bonnefantenmuseum, Maastricht, in Jakarta oder der Galerie Spandow, Berlin. Abbildungen seiner Arbeiten erschienen in den niederländischen Ausgaben der Zeitschriften „Art-nl“ und „Elle Wonen“. Mit der Arbeit „Kokon“ gewann er 1996 den „Winnaar Young Design Award“, mit „Kaltes Herz“ den Publikumspreis für das Titelblatt des Siemens-Kalenders 1999. Reicherts funkelnde Werke tragen Namen, die der Wissenschaft oder der Mythologie entlehnt sind. In seiner Kunst sucht er die Verbindung einer animalischen Körperlichkeit mit der Symbolik des Lichts herzustellen. Licht ist bei ihm immer mit dem Prinzip des Lebens gleichzusetzen. Das wichtigste Material des Künstlers ist hitzeunempfindliches Silikon. Mit Pigmenten angereichert, wird es in aufwendigen Arbeitsprozessen übereinander geschichtet oder mit anderen Materialien – Wolle, Glasfasern, Perlen – verbunden. Leitungskabel können zu Nabelschnüren mutieren. Oft gewähren Risse, Schnitte oder Öffnungen Einblicke in das vielfältig strukturierte Innere der Gebilde, von denen ein magisches, fast hypnotisches Licht ausgeht.
Eine von Adern durchzogene Schöpfung, in der man pulsierendes Blut erkennen kann, trägt die Bezeichnung „Kurukulla“ (eine Liebesgöttin). „Mora“ heißt eine andere organoide Form, deren rötliche Innenseite glitzert, als ob sie von einem klaren Sekret überzogen wäre. „Awonawilona“ ist nach einem androgynen Schöpfergott benannt, der Himmelsvater und Erdmutter erschuf, indem er Bälle aus seiner Haut auf das Urwasser warf. Das Gebilde ist realisiert als ein vorgeburtliches Fantasiewesen.
Während diese Arbeiten von der Anatomie inspiriert zu sein scheinen, verkörpern andere Gebilde geheimnisvolle Meeresorganismen wie Seeanemonen oder riesige exotische Blüten. „Mars“, eine Konstruktion aus rotschimmerndem Kunststoff und versilberten Glasröhren, stellt hingegen in der Synthese von Metall und Licht das nach außen strebende Prinzip des mythologischen Gottes der Krieger und Chirurgen dar.
Neuron als Chamäleon
Reichert betont, dass er seine Objekte nicht nach realen Modellen formt. Als „organisch“ gewachsene Verkörperungen von Ideen sollen sie vom Betrachter begriffen werden. Besonders gelte das für ein Lichtwesen mit dem Namen „Berührung“. Dieses erinnert in seiner Gestalt an eine Nervenzelle. Es lade den Betrachter ein, eine aktive Rolle zu übernehmen: Berührt er die dendritisch gewundenen Antennen, so bewirkt er im Inneren des Gebildes ein eindrucksvolles Farbspiel. Das Licht wechselt allmählich von einem kühlen Grünblau zu einem intensiven Orangerot.
Auf die Bedeutung der Wärme menschlicher Berührung, die Wichtigkeit des Hautkontakts will er hier aufmerksam machen, so Reichert. Er habe gelesen, Ärzte ersetzten die Palpation in der körperlichen Untersuchung zunehmend durch eine ausgeklügelte technische Diagnostik. An diesem Objekt könne jeder Besucher seine fundamentale Fähigkeit zum Heilen symbolisch kennen lernen, indem er das „Wesen“ von dessen innerer Kälte befreie. Peter Bartmann


Die „Lichtwesen“ des Jürgen Reichert sind in der Ausstellung „Unendliche Reise“ des Kunstvereins Emmerich bis zum 23. September 2001 im „Haus im Park“ im Rheinpark in Emmerich zu sehen. Weitere Informationen: Frau Gerburg Riehle, Am Stadtgarten 10, 46446 Emmerich, Telefon: 0 28 22-57 01.
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