ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2001Hypericumextrakt: Wirksamkeit hängt vom Rutin-Gehalt ab

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Hypericumextrakt: Wirksamkeit hängt vom Rutin-Gehalt ab

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): A-2292 / B-1860 / C-1705

Wolf, Elke

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LNSLNS Was eigentlich schon als etabliert galt – die Therapie von Depressionen mit Johanniskrautextrakt –, wurde durch eine im Journal of the American Medical Association publizierte Studie von Sheldon et al. infrage gestellt. Kam doch die doppelblinde placebokontrollierte Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Johanniskrautextrakt nicht mehr als ein Placebo zu bieten hat. Das Gegenteil sei der Fall, kommentierte Prof. Walter E. Müller (Pharmakologe am Biozentrum der Universität Frankfurt/M.) bei einer Pressekonferenz der Firma Schwabe in Frankfurt/ Main und entlarvte methodische Mängel der Studie.
Qualitätsprüfung
Müller kritisierte, dass von den 200 Studienteilnehmern über zwei Drittel an schweren und schon seit langem bestehenden Depressionen litten. Diese seien jedoch nicht die primäre Zielgruppe für eine Johanniskrauttherapie. Es sei längst bekannt, dass der Hypericumextrakt nur bei leichten bis mittelschweren Depressionen indiziert sei. „Die klinische Wirksamkeit des Extraktes bei dieser Art von Depressionen ist in den letzten Jahren durch viele solide, meist placebokontrollierte klinische Studien belegt worden“, sagte Müller.
So zum Beispiel durch eine kürzlich veröffentlichte deutsche Studie mit 72 Probanden und eine in Vorbereitung befindliche französische Studie mit 375 Teilnehmern. Müller: „Johanniskrautextrakt ist das am besten verträgliche Antidepressivum und daher gerade für Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen geeignet.“
Die klinischen Daten weisen auf eine breite pharmakologische Wirkung hin: Der Hypericumextrakt hemmt vergleichbar mit chemischen Antidepressiva die Aufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin an den Synapsen. Darüber hinaus kommt es zu einer Inhibition der neuronalen Aufnahme der Aminosäuretransmitter GABA und L-Glutamat. Dafür zeichnet besonders Hyperforin verantwortlich; im Tierversuch konnten für Hyperforin enge Dosis-Wirkungs-Beziehungen gezeigt werden.
Hyperforin gelte als der bisher am besten charakterisierte Inhaltsstoff von Johanniskraut, sagte Müller. Deshalb sei es empfehlenswert, bei Qualitäts- und Wirksamkeitsprüfungen neben dem Gesamthypericin- auch den Hyperforingehalt zu untersuchen. Dennoch verwies Müller darauf, dass der Extrakt als Wirkstoff über Eigenschaften verfügt, die über die Eigenschaften eines einzelnen Inhaltsstoffes hinausgehen.
„Wir haben festgestellt, dass Rutin, allein verabreicht, keinerlei Wirksamkeit zeigt, im Extrakt aber eine entscheidende Rolle zu spielen scheint. Johanniskrautextrakte, die wenig Rutin enthalten, sind nicht wirksam, auch wenn sie alle bisher als wirksamkeitsrelevanten bekannten Inhaltsstoffe enthalten. Wird die fehlende Rutinmenge zudotiert, werden diese Extrakte voll wirksam“, stellte Dr. Michael Nöldner (Karlsruhe) neueste Erkenntnisse aus den Schwabe-Forschungslabors vor. Nöldner vermutet, dass es eine physikalisch-chemische Wirkung ist, durch die Rutin einen synergistischen Effekt bringt. Diese Beobachtung ist deshalb von Relevanz, weil es eine besondere Varietät von Johanniskraut gibt (Hypericum perforatum var. angustifolium), die praktisch kein Rutin enthält, und weil bei den anderen Varietäten der Rutingehalt von der Höhenlage des Wachstumsortes abhängt. Deshalb ist vor der Drogenverarbeitung auf entsprechende Qualität zu achten.
Nicht jedes im Handel befindliche Johanniskrautextrakt-Präparat genügt allen Qualitätsanforderungen. Besonders bei der Chargenkonformität und der Haltbarkeit bezüglich Hyperforin gebe es Probleme, sagte Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz (Biozentrum der Universität Frankfurt/M.). Er stellte Untersuchungen seiner eigenen Arbeitsgruppe vor, nach denen bis auf Neuroplant® 1 × 1 und Neuroplant® 300 alle übrigen Präparate mehr oder weniger starke Schwankungen im Hyperforin-Gehalt von Charge zu Charge aufwiesen. Standardabweichungen von bis zu 70 Prozent seien selbst bei einem Naturprodukt nicht zu tolerieren. Denn das bedeute letztendlich „von Charge zu Charge ein anderes Produkt“. In der Untersuchung erhielt Neuroplant prozentual den höchsten Hyperforin-Gehalt mit rund vier Prozent. Auch die Extraktstabilität bezüglich Hyperforin lässt bei manchem Präparat einiges zu wünschen übrig. In den Untersuchungen der Schubert-Zsilavecz-Arbeitsgruppe war Neuroplant das einzige Präparat, das mit konstant hohem Hyerpforin-Gehalt hergestellt wird und auch noch nach einem Jahr dieses Niveau hält. Elke Wolf

Die Blüten des Johanniskrauts bestechen durch ihre satte gelbe Farbe.
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